Bismillah.

Bedauernswerterweise herrscht heutzutage unter Muslimen die Vorstellung, dass es für den Laien zu umständlich sei sich mit dem Qur’ân zu beschäftigen. Es wird allenthalben gesagt, man brauche theologische Kenntnisse, ja man müsse sogar Theologin oder Theologe sein um die Rede Gottes zu verstehen. Andernfalls drohe man durch die Lektüre des Qur’âns verwirrt zu werden, sogar dergestalt, dass man vom Glauben abzufallen drohe.

Schon in früherer Zeit haben sich die klassischen Gelehrten mit dieser Denkweise auseinandergesetzt. Wir haben die Ehre zwei Zitate verdeutlichend zu dieser Thematik anführen zu dürfen.

Der indische Gelehrte Waliyyullâh Dahlawî (1703 – 1762 n. Chr.) sagt dazu (Dahlawî 1980: 25f.):

„Es soll kein Zweifel daran herrschen, dass der Grund für die Herabsendung des Qur’ân die Läuterung und Reinigung jeder menschlichen Gruppierung ist, sei sie arabisch oder nichtarabisch, städtisch oder ländlich. Deswegen besteht die göttliche Weisheit darin, die Menschen an die Gunsterweise Gottes zu erinnern und sie nicht auf eine Weise anzusprechen, die über ihr Wissen hinausgeht und nicht darin, eine Angelegenheit über ihre Grenzen zu treiben. Ohne in die Streitgespräche bezüglich der Namen und Eigenschaften Gottes oder in die Philosophie einzutauchen, kam der Qur’ân auf solch eine Weise, die zu verstehen ist mithilfe der naturgegebenen Einsichtsfähigkeit des Menschen. […]
Gott der Erhabene hat von den Gunsterweise Seiner Güte und den Zeichen Seiner Allmacht diejenigen ausgewählt, die für den Stadt- und Landmenschen, Araber und Nichtaraber gleichermaßen veständlich sind.“

Der Gelehrte asch-Schâtibî aus Granada (gest. 1388 n. Chr.) schreibt in ähnlicher Weise (Schâtibî 1993: 65f; 82f):

„Da die ersten Empfänger keine Kenntnis der früheren Offenbarungen hatten, ist auch auch heute die islamische Regellehre (scharî’a) für solcherart Menschen verständlich. Die islamische Regellehre (scharî’a) musste also in einer Sprache und Art kommen, die verständlich ist für jedermann. Die religiösen Pflichten werden dargeboten auf eine Weise, die für jeden, stark oder schwach, intelligent oder normalbegabt, gebildet oder ungebildet, groß oder klein gleichermaßen zu verinnerlichen sind.
Gott spricht zu den Menschen mittels der ihnen bekannten Wege und Arten. Sonst wäre es ein Ding der Unmöglichkeit den Menschen zu reformieren.“

Möge Gott unser Wissen über Seine Rede mehren. Amin.

Quellen: Dahlawî, Schâh Waliyullâh. 1980. al-Fawzul Kabîr fî Usûl at-Tafsîr. Istanbul: Cagri.
Schâtibî, Ibrâhîm ibn Mûsâ. 1993. al-Muwâfakât II. Istanbul: Iz Yayincilik.