Vor einer Woche habe ich mich mit einem bekennenden Christen unterhalten, der unser Gespräch damit einleitete, dass der Christentum Alleinstellungsmerkmale habe, durch den Glauben an die Kreuzigung Jesu, seiner Wiederauferstehung und seiner Lehre, den Feind zu lieben. Er fragte mich, ob es denn die Liebe zu Feind gäbe im Islam, so eine Aussage habe er bisher nicht gefunden.
Ich zögerte etwas. Denn die christliche Lehre zielt auf eine bestimmte Grundhaltung, die es im Islam auch gibt, aber in differenzierterer Form. Ich erklärte ihm, dass wir unterscheiden müssen zwischen Feinden, die uns nach dem Leben trachten, zwischen Andersgläubigen und der breiten Masse der Bevölkerung.
Möchte man darüber nachdenken, wie die Propheten Gottes mit ihren Feinden verfahren sind, so müssen die Handlungen Mose, Jesu, Jona, Salomon, David und auch Muhammads auf den gleichen Prinzipien fußen. Denn alle hatten Gott als ihren Herrn und Erzieher. Und sie alle zeichnen sie durch ihre Fähigkeit aus, ihre Feinde zu Freunde zu machen.
Aber wie haben sie es geschafft und wie müssen wir vorgehen?
Meine Leidenschaft ist Sprache, zu lesen und zu schreiben. Ich mag es von je her mich angemessen auszudrücken, um die richtige Ausdrucksweise zu ringen und schließlich auf optimale Weise meine Gedanken auf ein Blatt Papier zu bringen. Die schöne Sprache ist meine Art und Weise mich zu schmücken. So wie andere Leute es lieben sich schön zu kleiden, kleide ich mich mit Wörtern, die ich aneinanderreihe, damit sie Bedeutung und Eleganz vereinen.
Meine andere Leidenschaft ist die Rede Gottes, über ihre Bedeutungen nachzudenken.
Dies soll ein Versuch sein, beides zusammenzubringen. Schon oft habe ich mich über diese ersten Āyāt der Sūrat Sād nachgedacht – Schülerinnen hatten bereits Unterichtseinheiten dazu zusammengefasst[note]Suche nach dem Begriff „Surat Sad“ auf dieser Webseite.[/note] und auch ich hatte bereits Beiträge über sie geschrieben[note]Siehe hier und hier.[/note]. Mein Ziel ist es, die Worte Gottes auf eine angemessene Weise in der deutschen Sprache auszudrücken, daher dieser Beitrag, der eine Auslegung, aber auch gleichzeitig ein Ta’wīl darstellt.
>>David schenkten wir dann als Sohn Salomon. Was für ein krassguter Diener (ni’ma l-‚abdu)!
Er hat die Eigenschaft gehabt immer wieder auf den rechten Weg zurückzukehren wenn er davon abwich.<< (38:30)
Den Begriff ni’ma (als dritte Person maskulin Singular, Verb im Perfekt; übersetzt als „krassgut“ für Personen; sonst als „exzellent“ oder „vorzüglich“) verwendet Allah an verschiedenen Stellen in Seiner Rede.
An einigen Stellen schreibt Er die Vorzüglichkeit sich Sich selbst zu, als derjenige der die Gesetzmäßigkeit (qadr) macht (also: al-qâdir; 77:32), als Beantworter der Bittgebete (37:75), als Schutzherr (8:40), als Ausbreiter der Erde (51:48) und als Helfer (8:40)
An prominenter Stelle kommt diese Wendung in Zusammenhanh mit exzellenten Belohnung der für Allah Arbeitenden (18:31; 3:136; 29:58) und dem vorzüglichen Ort des Paradieses vor (13:24; 16:30). Auch Hiob wird als krassguter und reumütiger Diener bezeichnet (38:44).
Dieses Wort kommt von na’ima/yan’amu/na’matun und bezeichnet im Ursprung ein fröhliches Leben, viele Wohltaten und das Erreichen eines Zustands von Ruhe und Reichtum.
Allah will uns damit sagen, dass die Eigenschaften der genannten Propheten, einschließlich David und Hiob, erstrebenswert war in dem Maße, dass wir sie – ohne zu übertreiben – als Modelle des ultimativen Erfolgs bezeichnen können.
Gott der Erhabene sagt in Übertragung seiner Rede im Kapitel mit der Kuh (Sûrat al-Baqara, No.2):
>>Manche Menschen gibt es, dessen Rede über das Leben hier im Diesseits dir gefällt und der zum Zeugen Gott anruft für das, was er in seinem Herzen hegt – und ist dabei der heftigste Streitsüchtige. (204) Wendet er sich ab, ist er darauf aus, Unheil auf der Erde anzurichten und Ackerland und Nachkommenschaft zu vernichten. Gott liebt das Unheil nicht. (205) Wird ihm gesagt „Fürchte Gott!“, ergreift ihn Stolz auf seine Sünde. Mit der Hölle muss er sich begnügen – wahrlich, welch schlimme Lagerstatt! (206) Manchen Menschen gibt es, der seine Person verkauft im Bestreben nach Gottes Wohlgefallen. Gott ist zu seinen Knechten gütig. (207) O ihr, die ihr glaubt! Tretet allesamt ein in das Heil! Und folgt nicht den Schritten Satans! Siehe, er ist euch ein klarer Feind (208) Doch wenn ihr strauchelt, nachdem doch Beweise zu euch gekommen waren, so wisst: Gott ist mächtig, weise! (209) Halten sie wohl Ausschau nur danach, dass Gott persönlich zu ihnen komme im Schutze von Gewölk mit seinen Engeln? Dann wäre doch die Sache entschieden, und alles würde zu Gott zurückgebracht. (210) Frag doch die Kinder Israel, wie viele klare Zeichen wir ihnen gaben! Wer die Gnade Gottes vertauscht, nachdem sie doch zu ihnen gekommen war- siehe, Gott ist dann streng im Strafen (211) Verlockend ist für diejenigen die den Glauben verweigern das Leben hier im Diesseits, und sie spotten über die, welche glauben. Die Gott fürchten, stehen am Tag der Auferstehung über ihnen. Gott versieht mit Gaben, ohne abzurechnen, wen Er will (212).<<
Es geht in diesen Âyât um die Heuchler und ihre Eigenschaften die Wege die zur Glaubensverweigerung führen. Gott sagt, dass es unter den Menschen Heuchler gibt die super sprechen können. Man denkt sich: „MaschaAllah, das ist eine clevere Person, wie gut kann die denn sprechen ey!“ Sogar der Prophet hat das Sprechen der Heuchler gefallen, ohne zu merken, dass sie zwar gut sprechen aber schlecht handeln (2:204). Deswegen warnt Gott vor ihnen, denn sie sind diejenigen die sich am meisten Widerstand gegen den Glauben leisten (وَهُوَ أَلَدُّ الْخِصَامِ). Außerdem schwören heuchlerische Personen dauernd bei Gott und nehmen Gott zum Zeugen für ihre Lügen – was besonders gefährlich ist. Wir können als Beispiel nennen die Âya [63:1], in der aufgezeigt wird, wie die Heuchler zum Propheten gekommen sind und seine Gesandtschaft bezeugt haben. Man neigt dazu dieser Person zu vertrauen und ihn zu bewundern.
Das Einzige was der Heuchler machen will ist jedoch Unheil und Chaos anzurichten. Ob bei den Menschen oder bei Ackerfeldern, die den Menschen versorgen, es ist ihm egal (2:205). Wenn er jedoch auf sein sündhaftes Verhalten hingewiesen wird und ihm gesagt wird: „Schwester/Bruder, fürchte Gott! Das geht doch nicht!“, so wird er hochmütig und er macht sogar noch stärker wie vorher weiter (2:206). Möge Gott uns davor bewahren.
Jedoch gibt es welche die ihr ganzes Leben verkaufen nur um Gotts Zufriedenheit zu erlangen (2:207) – möge Gott zu ihnen zählen. Jeder Mensch hat das „Potential“ der Heuchelei im Herzen, deswegen ruft uns Gott auf vollständig, also mit Leib und Seele, in den Islam einzutreten. Das Beispiel der kompletten Gottergebenheit sind Abraham und sein Sohn Ismael, die sich ganz dem Befehl Gottes beugten (vgl. 37:102; die ganze Geschichte hier). Und das Beispiel des wankelnden Gottergebenen, ist die Person, die wenn es ihm schlecht geht, Gott voller Inbrunst anruft aber in guten Zeiten Gott vergisst (siehe 30:33).
Ferner sollen nicht den Spuren des Satans folgen, der die Menschen in seine Fehler mitziehen will. Er hat jedoch keine Macht über den Menschen und kann nur leere Versprechungen geben (4:120).
Der Inhalt dieser Stelle findet ihr Ende mit den Negativbeispielen der Geschichte: Die glaubensverweigernden Mekkaner, die den Propheten nicht anerkannt hatte, weil er nach ihrer Meinung schließlich „auch nur ein Mensch“ war (vgl. 17:94). Die Einstellung der Mekkaner war also folgende: „Wer bist du denn, dass du mir sagen willst was ich zu tun habe??“
Gott warnt uns vor dieser Einstellung! Er fragt, ob wir denn erwarten dass Gott persönlich kommt? Oder erwarten wir etwa, dass die Engel aus den Wolken kommen? (2:210; zu weiteren Aufforderungen Wunder zu wirken, siehe zum Beispiel 17:93). Wenn jedoch die Engel kommen würden, wie von den Mekkaner aufgefordert, dann würde die Sache entschieden und die Frist des Menschen abgelaufen sein (vgl. 6:8 und 15:8). Der Sinn des Glaubens besteht gerade darin zu glauben „bevor die Engel hinabsteigen“.
„Frage doch die Kinder Israel!„, sagt Gott. Ihnen sind so viele Zeichen gekommen. Zeichen über Zeichen, Aya für Aya, Prophet nach Prophet (2:211, 6:154 und 7:162). Sie haben aber alle Gunsterweise Gott ersetzt, abgeändert, vergessen, bekämpft, aus dem Leben gedrängt.
So leben auch diejenigen die den Glauben verweigern. Sie finden Gefallen am diesseitigen Leben, am Schmuck, Rausch und dem Bling-Bling. Gleichzeitig machen sie sich lustig über die Gläubigen, die sich weigern dem gleichen Lebenswandel zu folgen (2:212). Aber Gott tröstet diejenigen die Ihn im Bewusstsein halten. Am Tage der Auferstehung werden die Gottesfürchtigen über diesen Leuten sein, denen es Spaß gemacht hat sich im Diesseits über die Gläubigen lustig zu machen. Diese Strafe ist perfekt schuldangemessen (für ein weiteres Beispiel vergleiche 83:29 und 34). Ihre Schuld wird ihnen wie ein Spiegel und vollständig rekompensiert.