Bismillāh.

Ich sitze mit Geschwistern zusammen, denen ich aus der Rede Allahs lehre. Einer der Brüder meint zu einem anderen über mich:

Hey übrigens: Du kannst ihn alles fragen, er weiß alles aus dem Qur’ān.

Ich habe noch eine Frage zu dieser Āya.“

Kann ich dich noch um etwas bitten, du weißt doch darüber Bescheid?

Wie ist es mit dieser Stelle, wie spricht man das im Arabischen aus?

Während ich die Fragen beantworten, bin ich im Lehrer-Modus, in dem ich mich oft befinde. Ich nehme die Rolle eines Imāms, eines hocas, eines Scheichs ein. Ich habe viele Schülerinnen und Schüler – dass ich ein Vorbild zu sein habe, habe ich schon von klein auf gelernt.

Während ich dort auf dem Podium derjenige bin, der die Fragen beantwortet, sind andere hunderte Lehrer des Islams und ich immer noch Individuen, die Tag für Tag damit kämpfen jeden Tag sich Allah hinzugeben, Seine Gebote zu befolgen und Seine Verbote zu meiden. Und damit die unendliche Gnade zu erfüllen, die der Allgnädige mit der Gewährung von Wissen verbunden hat.
Doch manchmal vergisst man das, dass auch „Schuyūch“ normale Menschen sind.

Ibn al-Ǧauzī war einmal am Unterrichten und sah, dass mehr als 10’000 Köpfe in seine Richtung gerichtet waren. Er begann zu weinen und betete zu Allah:

O Allah! Wenn Du mich am Tage der Auferstehung für meine Sünden bestrafst, dass lasse keine meiner Schüler dabei sein. Ich bitte dies nicht, sodass mein Gesicht gewahrt bleibe, sondern damit sie nicht sagen: ‚Derjenige zum dem er uns gerufen hat, ist derjenige der ihn nun bestraft.´

Ustādh Yahya Ibrahim erzählt, dass er einmal in Mumbai einen Vortrag gehalten hat und dort die Ehre hat Scheich Salāh al-Budair zu treffen, den Imām der Prophetenmoschee in Medīna. Scheich Salāh leitete dort im Hotel das Morgengebet und ging anschließend mit den Brüdern frühstücken. Er war stets fröhlich, bescheiden und zufrieden mit dem, was ihn angeboten wurde und ein großartiger Zuhörer mit feinen Manieren. Er ist bekannt für seine unglaublich schöne Rezitation, für sein weiches Herz und dass er oft während dem Gebet weint.

Ustādh Yahya Ibrahim fragte ihn über ein sensibles Thema, das leicht missverstanden konnte, aber er wurde ermuntert, keine Angst zu haben und einfach zu fragen:

O Scheich, Allah hat dich geehrt und eine große Gnade gewährt, indem Er dir erlaubte, die Aufgabe und das Privileg zu übernehmen, in der Moschee des Propheten (sas) zu stehen und zu predigen, in der Stätte seines Wohnens und seines Grabes.
Du leitest das Gebet und gibt Ratschläge in der Tradition des Propheten (sas). O Scheich, wie bereitst du dich dafür vor? Wie bereitest du deine Aufrichtigkeit vor und findest den Mut dort zu stehen, wo du stehst und dort zu leiten, wo du leitest?

Man kann sich nicht vorstellen welchen Druck man verspürt, wie kritisch man sich begutachtet und welche Angst man haben muss, wenn man so eine wichtige Aufgabe hat.

Ich weiß selbst durch meine Erfahrung mit Schülerinnen und Schülern sowie Gelehrten, dass:

Auch ein Scheich einen Ratschlag braucht.
Ein Scheich Hilfe braucht.
Auch ein Scheich Fehler machen kann.

Sogenannte „Scheichs“ können auch bis zum Kern verfault sein.

Religiöses Wissen und die Praxis des Wissens mit aufrichtigen Taten war immer schon ein ewiger, innerer Kampf derjenigen, die gelernt haben.

Jeder der Sammlungen mit den Prophetenworten beginnt mit dem Kapitel über die Aufrichtigkeit (iḫlāṣ). Manchmal vergessen wir, dass Allah uns Aufrichtigkeit gebietet und dies durch den Propheten (sas) vorgelebt wurde. Es wird in Imām Muslim überliefert, dass der Prophet (sas) sagte, dass der Erste, der in das Feuer geworfen wird, derjenige ist, der das religiöse Wissen studierte, damit die Leute sagen “Er ist gelehrt” und den Qur’ān rezitierte, damit die Leute sagen “Er ist ein Rezitator”. Also derjenige, der der Augendienerei verfiel.

Ustādh Yahya Ibrahim erzählt weiter, dass der Scheich lächelte und antwortete: “Jede Stufe hat ihren göttlichen Beistand. Sonst würde man unweigerlich in die Augendienerei fallen.

Allah gewährt die Aufrichtigkeit, nach der wir streben. Es ist Allah, der uns Erfolg gibt und es ist Allah, der uns davon abwenden kann.

Wahre Aufrichtigkeit ist das Anstreben von Erfolg und Allah zu suchen, in all dem was wir tun. Wahre Aufrichtigkeit ist, dass wir uns selbst herausfordern und Überzeugung zeigen im Glauben zu uns und den Anderen. Wahre Aufrichtigkeit bringt uns dazu zu bereuen und aufzustehen, nachdem wird gefallen sind.

Wahre Aufrichtigkeit ist nicht nur eine Laune oder ein kurze Gefühlsregung, sondern ist konsistent und konstant. Sie ist ein Kompass ohne den man nicht den Erfolg erreichen kann.

Später zog Scheich Salāh den Ustādh zur Seite und sagte ihm unter vier Augen:
Jeden Tag bete ich zu Allah, dass Er mich eher zu Sich nehmen soll als mir zu erlauben mit einer großen Heuchelei im Herzen auf dem Platz des Propheten (sas) zu stehen. Ich bete jede Nacht, dass ich nicht vom Schlaf aufwachen soll, wenn ich nicht das Vertrauen erfülle, das in mich gelegt wird.

Beide fingen an zu weinen.

Inspiriert von Yahya Ibrahims Shaykhs Need Advice, Too.