Bismillāh.

Ein geschätzter Bruder hat mich gebeten einen Artikel über die aktuellen politischen Entwicklungen zu schreiben. Der Anlass dafür ist die Alternative für Deutschland (AfD), die in der 19. Legislaturperiode in den Bundestag eingezogen ist.
Dieses Ereignis stellt in der Tat eine Zäsur dar. Wenn ich jedoch die Reaktionen von Muslimen darauf oder auf längerfristige politische Entwicklungen betrachte, dann fällt mir auf, dass ein Ungleichgewicht herrscht.

Entweder wird die gesellschaftspolitische Dimension oder aber die islamisch-theologische Position ausgeblendet. Wir brauchen jedoch beide Aspekte in Einklang, damit wir eine angemessene Reaktion nicht nur kurzfristig finden, sondern eine Strategie, auch langfristig, zugunsten unserer Kinder die in diesem Land aufwachsen sollen.

Lasse mich das näher erklären.

1. Die gesellschaftspolitische Dimension

Wenn wir gesellschaftlich die Entwicklungen betrachten, dann dürfte der Einzug der AfD keine Überraschung sein, sitzen doch Vertreter der Partei schon in mehreren Landtagen. Aber auch davor gab es Personen, die die Ansichten artikuliert haben, die die AfD nun Stimme verleiht. Geschwister die in Moscheen, in islamischen Gemeinden und ähnlichen Organisationen tätig sind, merken in ihren öffentlichen Veranstaltungen, dass seit 9/11 die islamkritische Masse an Leuten zugenommen hat. Mehr noch: Man merkt, dass sie sich zusammengeschlossen haben, gemeinsam agieren, gemeinsam überlegen und gegen den Islam vorgehen. Die Motivationen diese Leute sind divers und manchmal sehr banal: Schlechte Erfahrung mit dem islamischen Nachbar, Angst vor Terroranschlägen, Chauvinismus und Nationalismus. Jedoch dürfte keine Überraschung sein, dass mit der AfD eine islamkritische bis -feindliche Partei sich etabliert hat.

Davor waren diese Stimmen in der CDU und CSU zusammengefasst: Personen wie Gauland, Steinbach, Glaser und Junge haben ihre politische Heimat in der CDU gehabt, Pretzell in der FDP. Seehofer sieht sich genötigt Positionen der AfD zu übernehmen, es ist die Rede davon die „offene Flanke“ zu schließen, Kalbitz fordert dies bereits 1992 für die CSU. So können wir davon ausgehen, dass viele AfD-Anhänger in der CDU oder anderen Parteien ihren Stammplatz haben würden, würde es eine AfD nicht geben. Andere Personen wie der rechte Flügel der AfD würde wohl geringe politische Relevanz ohne die Partei entfalten.
Diese Beobachtung zeigt uns, dass es viele Leute gibt, die aus unterschiedlichen Motiven gegen den Islam und alles Fremdartige vorgehen. Zu denken, dass Deutschland isoliert ist von den politischen Entwicklungen in Europa (die meisten europäischen Länder haben bereits ähnliche rechte Parteien) hat sich als Illusion herausgestellt (Stichwort: „Wir Deutschen sind immun gegen Rechtsparteien“).

Jedoch ändert sich unsere Strategie als Muslime dadurch nicht. Es ist klar: Egal welche Parteien auf der höchsten politischen Ebene repräsentiert sind, unsere Ziele sind vorgegeben durch die Rede Allāhs.
Zwei beunruhigende Tendenzen sind jedoch bei den Muslimen zu beobachten. Die eine Tendenz ist die schiere Ahnungslosigkeit von den politischen, medialen, rechtlichen und gesellschaftlichen Mechanismen die wirken. Dies kann bewusste oder unbewusste Ahnungslosigkeit sein. Die bewusste Ahnungslosigkeit kommt in der Spielart, die sich in der Phrase „Demokratie ist Schirk“ äußert. Wir sehen, dass Muslime schlafen und sich immer noch totdiskutieren, ob Wählen islamisch ist oder nicht, während sich die politischen Realitäten über ihren Kopf hinweg ändern. Die andere Spielart ist die der Faulheit und des tätigkeitslosen „Vertrauens auf Allah“. Zugespitzt gesagt, befinden wir uns demnach sowieso in der Endzeit und die Gegner des Islams sind viele – warten wir auf den Messias. Oder: Kümmern wir uns lieber darum, wie wir die Moschee vergrößern können. Es ist eine Art von Untätigkeit, meist verknüpft mit dem Mangel an strategischen Zielen, an aufmerksamer Beobachtung der Politik und allem, was um uns herum vorgeht.
Die andere Tendenz geht dahin, dass Muslime panisch werden sowie sich in vielen gesellschaftlichen Projekten beteiligen. Das ist die bessere Tendenz, wenn man dies so sagen darf, denn gesellschaftliche Projekte sind wichtig und notwendig. Aber auch hier: Was ist das Ziel? Ist das Ziel eine bestimmte Ideologie zu verfolgen, die in ihrem Kern säkular ist, oder müssen wir als Muslime eigene politische Ziele, ausgehend von der Rede Allāhs formulieren? Ist es unser Ziel, die linken Ideologien, den Feminismus, den Kemalismus, den Nationalismus, die antikapitalistischen Strömungen voranzubringen, oder haben wir im Islam nicht schon Elemente, die es wert sind gefördert zu werden?
Diese Tendenz führt dazu, dass wir die spirituelle Dimension vernachlässigen, weil wir dann nur an wählerische Mehrheiten, gesellschaftliche Durchschlagskraft oder mediale Reichweite glauben. Wenn wir uns von politischen Strömungen vereinnahmen lassen, wie zum Beispiel dem linken Narrativ, dann werden wir über kurz oder lang an Positionen aufprallen, die sich nicht mit dem islamischen Menschenbild verbinden lassen.

Gesellschaftspolitisch gesehen sollte es bei den Muslimen beim Alten bleiben, denn wer jetzt noch seine ganze Kraft dazu verwendet sichtbar zu sein in der Öffentlichkeit, mit den Leuten zu sprechen, sich den Debatten zu stellen und für den Islam zu werben, wird es vielleicht gar nicht mehr tun. Und wer weiß, vielleicht wachen die einen oder anderen Muslime auf oder lassen sich motivieren, an einem Strang zu ziehen.

2. Die islamisch-theologische Dimension

Die islamisch-theologische Dimension lässt sich in sehr viel weniger Worten zusammen fassen: Alle Kraft und Macht liegt bei Allāh. Daran ändern politische Mehrheiten nichts und auch nicht die Quantität einer bestimmten Gruppierung. Allāh schaut auf die Qualität einer Gruppe und dort müssen wir Muslime schauen, dass wir zulegen. Dies geht nur mit Disziplin, Arbeit und Bedachtheit.

Angst ist eine natürliche Reaktion. Doch dadurch lässt sich ein Muslim nicht lähmen. Wenn wir tatsächlich Gottvertrauen haben, dann erledigen wir unsere Arbeit und vertrauen dann auf Allāh.
Die Arbeit geht nur in Übereinstimmung mit der Rede Allāhs. Dies setzt stetige Auseinandersetzung mit der Rede Allāhs voraus und nicht nur eine oberflächliche oder eine generische Auseinandersetzung. Sie muss die aktuellen Gegebenheiten berücksichtigen, sie muss überlegt sein und sie muss – und das ist ganz wichtig – im Zentrum der Arbeit stehen. Es geht nicht, dass der Qur’ān nur nebenbei behandelt wird und als eine Ergänzung dient, für eine schon vorher formulierte oder für eine bestimmte politische oder sozialwissenschaftliche Theorie. Dann kommt es zu Verwerfungen, es kommt zu Problemen und unvermeidlich zu den oben erwähnten Zusammenstoß.

Ein islamisches Prinzip ist die Förderung des Guten und das Abwehren des Schlechten. Dies muss geschehen mit allen politischen und gesellschaftlichen Gruppen, ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer politischen Zugehörigkeit und Hautfarbe. Wir müssen als Muslime flexibel sein, denn wir haben Ziele, die aus der Rede Allāhs formuliert sind und die manchmal mit der einen oder anderen Vorstellung einer Gruppe übereinstimmen. Anders formuliert: Egal ob politisch links, rechts, mittig, oben oder unten; wenn es eine Übereinstimmung gibt, die dahin geht die Wohlfahrt zu fördern (Bekämpfung von Armut, Verbesserung der Bildungschancen, sittliche Entwicklung der Jugend, wirtschaftliche Prosperität, Erhalt von familiären Strukturen, innere und äußere Sicherheit und so weiter), dann müssen wir die Chance nutzen und unseren Beitrag leisten.

Einige Muslime denken darüber nach, was wäre, wenn eine Partei wie die AfD tatsächlich eine politische Mehrheit werden würde. Sie sagen schon vorab, dass dann die Auswanderung aus Deutschland die einzige Option bliebe. Sicherlich ist es bereits schon sinnvoll darüber zu sprechen. Bei mir würde auch die Auswanderung eine Priorität darstellen, wenn dauernde Gefahr für Leib und Leben drohen würde. Auf der anderen Seite bin in Deutschland geboren und möchte auch hier sterben. Wir sehen aus der deutschen Geschichte, dass Widerstand gegen unfreie Systeme auf mehrerlei Weise möglich ist. Es hat daher eine große Wichtigkeit für uns das Lernen aus der Geschichte, insbesondere der deutschen Geschichte. Ich denke, dies wird bei den Muslimen sehr vernachlässigt. Aber auch einer politischen Mehrheit einer totalitären oder rechtsextremen Partei würde sich für mich nur das Szenario ändern, nicht das Ziel. Ob wir nun jetzt oder später von unserem Herrn abberufen werden, es macht keinen Unterschied, wir würden (entsprechend unserer Absicht und unseren Taten) entweder mehr oder weniger schuldig sein. Wenn wir die Segel gesetzt haben, sollten uns die äußeren Umstände nicht zu sehr belasten – wachsam, aber nicht furchtsam.

Schließen wir uns als Muslime also zusammen und überlegen uns, wir wie diese gesellschaftlichen und islamisch-theologischen Dimensionen auf eine harmonische Weise zusammenbringen. Dann ´ran an die Arbeit, wenn nicht schon geschehen.