Bismillāh.

– Der Qur’ân ist ein Buch, das in einer bestimmten Zeit offenbart,
aber zeitlos ist,
an einem bestimmten Ort seine erste Wirkung entfaltet hat,
aber vom Ort unabhängig ist und
zunächst Bewohner der arabischen Halbinsel angesprochen hat,
aber nicht an sie gebunden ist. –

Gott sagt in der Übertragung Seiner Worte:
>>Er ist eine Ermahnung für alle Weltenbewohner. Ihr werdet ja ganz sicher nach einer gewissen Zeit die Wahrheit seiner Botschaft erfahren.<< [39:88]

Zur Erläuterung:
Die Offenbarung des Qur’āns begann 610 nach Christus und dauerte 23 Jahre an. Obwohl er in einer bestimmten Zeitspanne offenbart wurde und der Akt der Offenbarung auf diese Zeit begrenzt war, hat er seine überzeitliche Botschaft stets beibehalten. Da der Qur’ān in einer Zeitspanne entstanden ist, trägt er auch die Spuren der Zeit und des Ortes, in dem er offenbart wurde. Die göttliche Rede wurde in einem Gebiet auf der arabischen Halbinsel offenbart, das Ḥiǧāz genannt wird, und fand seinen Beginn in Mekka, dem „Mutter der Städte“ (6:92 und 42:7). Die ersten Adressaten waren der Prophet (sas), sein Volk, die Bewohner jener Gegend und auch speziell im Qur’āntext genannte und angesprochene Personen. Nach der Auswanderung (ḥiǧra) kamen auch die Bewohner von Medīna zum Kreis der ersten Adressaten hinzu. Dazu gehörten auch die Heuchler (munāfiqūn) und die jüdischen Medinenser.

Der Qur’ān hat niemals seine Botschaft auf eine bestimmte Region oder eine bestimmte Epoche begrenzt. Er ist darüber hinausgegangen und hat stets seine Unsterblichkeit deklariert. Entsprechend des allgemeinen Stils des Qur’āns sind aber auch die Anzahl der namentlich angesprochenen Personen gering, vielmehr wurden sie nur ausnahmsweise direkt adressiert oder erwähnt. Um die Wichtigkeit hervorzuheben oder das Verständnis zu erleichtern, war es in manchen Āyāt unumgänglich speziell die Namen zu nennen. Sogar wenn diese Namen genannt werden, sind sie nicht begrenzt auf die Zeit oder den Ort des Erwähnten; indem die Botschaft Zeit, Raum und Person überschreitet, wurde sie an uns übermittelt. Dieser Umstand hat in der Wissenschaft der Qur’ānexegese (uṣūl at-tafsīr) in der Regel „die Spezialität des Anlasses hindert nicht die Generalität des ḥukm“ ihren Niederschlag gefunden. Das bedeutet, dass die Āya einen bestimmten Offenbarungsanlass haben kann, aber die darin enthaltene Botschaft hat ihre Gültigkeit auf die Allgemeinheit.

Zum Beispiel erwähnt Allāh in 37. Āya der Sūrat al-Aḥzāb (No. 33) den Namen des angenommenen Sohns des Propheten (sas), Zayd bin Ḥāritha, indem Er sagt:

[…] فَلَمَّا قَضَىٰ زَيْدٌ مِنْهَا وَطَرًا زَوَّجْنَاكَهَا […]

>>[…] Als dann Zayd keinen Wunsch mehr an ihr hatte, gaben Wir sie dir zur Gattin […]<<

Warum sollte der Qur’ān diese Geschichte noch weiter übermitteln oder warum sollte, nachdem dies geschehen ist, nicht etwa die Āya aufgehoben werden? Unsere Mutter ʿĀ’ischa sagt sogar über diese Āya: „Wenn der Qur’ān in der Verfügungsgewalt des Propheten (sas) gewesen wäre, dann hätte er diese Āya sicherlich versteckt oder gelöscht.“ Aber da unser Prophet den Qur’ān nicht in der Verfügungsgewalt hatte, hat diese Āya – ob er (sas) wollte oder nicht – Eingang gefunden in den Qur’ān, Obwohl der in der Āya Angesprochene, der Name sowie der Anlass spezifiziert sind, ist die Botschaft nicht auf diese Zeit oder diesen Ort beschränkt. Denn auch wenn die Āyāt bestimmte Anlässe haben, sind die Botschaften generell. Denn in der Fortsetzung genau dieser Āya können wir folgendes lesen:

[…] لِكَيْ لَا يَكُونَ عَلَى الْمُؤْمِنِينَ حَرَجٌ فِي أَزْوَاجِ أَدْعِيَائِهِمْ […]

>>[…] Dies, damit für die Gläubigen kein Grund zur Bedrängnis bestehe hinsichtlich der früheren Gattinnen ihrer angenommenen Söhne. […]<<

Das bedeutet, dass der Qur’ān hiermit klarstellen will, dass es von Allāh erlaubt ist, dass man die geschiedenen Frauen der angenommenen Söhne ehelichen kann. Dies war in der damaligen arabischen Gesellschaft unvorstellbar und Allāh will hier mit einem traditionellen Tabu brechen.

Eine andere Sūra, die bekannt ist mit der Benennung einer bestimmten Person, ist die Sūrat al-Lahab (No. 111). Dort wird der Onkel des Propheten, Abū Lahab, und seine Frau angesprochen. Es wird betont, dass ihre Feindschaft gegen den Propheten (sas) und der Botschaft Allāhs nicht folgenlos bleiben wird:

>> Zugrunde gehen sollen die Hände Abū Lahabs, und zugrunde gehen soll er!
Was nützt ihm sein Besitz und das, was er erworben hat?
Er wird einem Feuer voller Flammen ausgesetzt sein
und (auch) seine Frau, die Brennholzträgerin.
Um ihrem Hals ist ein Strick aus Palmfasern.<<

Hier wird Abū Lahab konkret namentlich erwähnt und auf Umm Ǧamīl mit den Worten „seine Frau“ (امْرَأَتُهُ) Bezug genommen. Niemand kann aber diese Sūra auf jene Zeit oder jenen Ort beschränken. Vielmehr ist sie eine Botschaft an diejenigen, die wie Abū Lahab und seine Frau eine Feindschaft gegen den Islam sowie despotische und unterdrückerische Handlungsweisen gegen die Muslime an den Tag legen. Dass dort Namen präsentiert werden, ist nicht eine Beschränkung der Botschaft auf diese Leute, sondern eine Illustration und eine Erleichterung für uns. Ähnlich verhält es sich mit den damaligen Götzen, die die vorislamischen Mekkaner angebetet haben und die im Qur’ān erwähnt werden in der Sūrat an-Naǧm (No. 53) in den Āyatān 19 bis 20:

أَفَرَأَيْتُمُ اللَّاتَ وَالْعُزَّىٰ وَمَنَاةَ الثَّالِثَةَ الْأُخْرَىٰ

>>Denkt ihr denn überhaupt richtig nach über den Lāt und den ´Uzzā und den anderen da, den Dritten, diesen Manāt?<<

Durch die Erwähnung dieser Götzen, die heute keine Objekte der Anbetung mehr sind, beschränkt sich der Qur’ān natürlich nicht auf eine Kritik nur dieser spezifischen Ausprägungen der Vielgötterei. In der Fortsetzung der Sūra heißt es nämlich weiter, dass es „nur Namen [sind], die ihr und eure Vorväter [den Götzen] gegeben habt“ (53:23). Damals waren es Lāt, ´Uzzā und Manāt, heute können es andere Vorstellungen sein, die ihr vergöttlicht. Tauscht einfach die Namen aus und wir haben heute neue Götzen, Vorstellungen, Ideologien, Personen und so fort, denen göttliche Eigenschaften zugeschrieben werden. So verstehen wir besser die Botschaft, die uns die Rede Gottes vermitteln will.

Wenn nun der Qur’ān durch die Erwähnung mancher Namen und vergangener Gegebenheiten ausnahmslos nicht die Einschränkung der Botschaft bezweckt, wie können wir eine Āya auf eine Zeit, einen Ort oder Personen beschränken und so den Qur’ān in den Hintergrund drängen? Diese Erzähltechnik der Rede Gottes soll uns nur das Verständnis erleichtern, denn der Mensch ist homo narrans, er ist ein Geschöpf, das durch Erzählungen versteht.
Auf der anderen Seite hilft uns die Kenntnis des Offenbarungsjahres einer Āya, der zeitlichen Folge der Offenbarung, ob sie zu Mekka oder zu Medina offenbart wurde, der Offenbarungsanlass, die Identität der ersten Adressaten, die Auswirkung der Offenbarung auf die ersten Adressaten und die Kenntnis ihrer kulturellen, ökonomischen sowie politischen Umstände, die zeitlose Botschaft über unsere eigenen Gegebenheiten und besser zu verstehen.

Lasst uns nicht vergessen, dass diese Rede Gottes die letzte Offenbarung ist. Danach wird kein Buch mehr kommen. Genauso, wie diese Rede vor 1‘500 Jahren in Mekka Mus’ab und in Medīna Anas angesprochen hat, spricht er in Deutschland Tim, in China Xiùyīng, in den USA John und in Tansania Neema an.