Bismillāh.
„Sechs Jahre sind vergangen, seit ich herausgefunden habe, dass mein Sohn Drogen nimmt.“, schreibt Vincenzina Urzia in ihren Memoiren ´Anthony and Me´ (2014) über die Drogenabhängigkeit ihres Sohnes. „Ich war die ganze Zeit sehr traurig und am Boden zerstört, ganz zu schweigen von meiner Sorge um seine Gesundheit. Mein Sohn war nicht mehr dieselbe Person.“
Das ist eine merkwürdige Idee, dass jemand „nicht mehr die selbe Person“ sein kann. Diese Aussage fordert zum Nachdenken auf – kann sogar bei genauem Überlegen unverständlich sein. Trotzdem ist sie treffend, fängt dieses Gefühl ein, dass man jemanden nicht mehr wiedererkennt, den man früher einmal kannte. Viele Menschen haben es erlebt, dass jemand, den sie einmal liebten nicht mehr dieselbe Person zu sein scheint.
Drogenabhängigkeit exemplifiziert auf eine sehr kraftvolle Weise dieses Phänomen, dass jemand nicht mehr dieselbe Person zu sein scheint: Eine Mutter sieht, dass die Drogenabhängigkeit ihren Sohn in einen Schatten seines Selbst verwandelt. Andere Beispiele können das gleiche Gefühl hervorrufen. Eine zerstörte Beziehung oder eine Scheidung kann beispielsweise einen Freund so sehr verändern, dass er wie eine ganz andere Person scheint. Das Gleiche kann mit der Alzheimer-Krankheit der Fall sein – unter ihr leiden 1,3 Millionen Deutsche. Ein Elternteil oder ein Verwandter bekommt schwere Alzheimer und es scheint, als ob die Person, die er einmal war, nicht mehr da sei. Eine Reihe von Erfahrungen und tiefgreifende Veränderungen kann Freunde oder die Familie zu ganz anderen Personen machen.
Diese Beispiele legen nahe, dass Veränderungen grundlegend unsere Selbstwahrnehmung herausfordern. Nichtsdestotrotz stören viele andere große Veränderungen nicht unsere Identität. Tatsächlich kann es so sein, dass grundlegende Veränderungen zu unserem „echten Ich“ führen können. Angenommen, jemand findet zu sich selbst durch eine große romantische Lebe; oder jemand findet seine Leidenschaft für´s Leben, nimmt sich vor seine Gesundheit radikal zu verbessern, konvertiert zu einem neuen Glauben oder findet eine neue Weltanschauung. Die gleichen Auswirkungen können aus schwierigeren Erfahrungen resultieren wie zum Beispiel das Überleben eines Krieges oder einer Gefangenschaft. Diese Erfahrungen führen zu unglaublichen Transformationen, aber sie bedrohen nicht die persönliche Identität. Stattdessen scheint es so, als diese Wandlungen unseren Kern freilegen, sodass wir zu denjenigen werden, die wir wirklich sind. Dies führt zu einem anscheinend paradoxen Schluss: Paradigmatische Fälle, in denen man fortfährt die gleiche Person zu sein, umfassen fundamentale Änderungen.
Diese Idee – dass Änderungen wesentlich sind für das Selbst – wollen wir veranschaulichen durch ein philosophisches Gedankenexperiment. Stelle dich selbst als ein neugeborenes Baby vor. 15 Jahre später nach deiner Geburt sehen deine Freunde und deine Familie eine Person vor sich, die augenfällig anders ist als das Neugeborene. Dieser Jugendlicher hat einen größeren Körper, einen schärferen Verstand, Vorstellungen vom Leben und vielfältige Beziehungen zu anderen Menschen. In vielen wichtigen Aspekten ist der Jugendliche gar nicht mehr der gleiche Mensche wie das Neugeborene. Trotzdem waren zweifellos beide das gleiche Individuum. Es stimmt nicht, dass du und das Neugeborene die gleiche Person sid, wir erwarten auch nicht, dass ihr identisch seid. Ganz im Gegenteil, erwarten wir, dass du dich elementar von einem Baby unterscheidest.
Die Philosophie hebt oft die Bedeutsamkeit hervor, dass man trotz Veränderungen die gleiche Person bleibt. Sie geht der Frage nach, wie diverse Änderungen – wie beispielsweise ein kompletter Gedächtnisschwund oder eine Gehirntransplantation – ein andere Person erschaffen kann. Dies hilft Aspekte der persönlichen Identität zu klären, aber rückt in den Hintergrund auch Gedanken über die Bedeutsamkeit der Änderung selbst. Das Ideal ist nicht, dass wir durch die Zeit hindurch unverändert verharren. Das Ideal ist vielmehr sich zu verändern.
Aktuelle und historische Annahmen
Die Bedeutung des Wandels ist nicht beschränkt auf die Art, wie wir über über persönliche Identität sprechen oder theorisieren. Fragen der Praxis legen die Annahme eines veränderbaren und nicht etwa eines statischen Ichs zugrunde. Zum Beispiel legt die Vormundschaft (siehe §§ 1773 bis 1895 Bürgerliches Gesetzbuch) die Annahme zugrunde, dass der voll Geschäftsfähige grundlegend anders sein wird als die gleiche Person als Mündel. Sobald das Mündel das 18. Lebensjahr vollendet, endet die Vormundschaft. Das Gleiche gilt bei anderen rechtlichen Instituten und langfristigen Verpflichtungen.
Was sind die Veränderungen, die diese Arten der idealen Transformation ausmachen? Diese fundamentalen Veränderungen sind nicht willkürlich. In unserem Gedankenexperiment sind die Veränderungen, die angemessen sind, diejenigen, die eine zweckmäßige Entwicklung des Neugeborenen anzeigen. Das Gedankenexperiment zeigt krasse Änderungen auf, die konsistent mit der persönlichen Identität sind und die sich gleichzeitig auch fundamental auf das Ich auswirken. Wir würden einen Jugendlichen, aus Furcht er würde seine wahre Identität verlieren, sicher nicht auffordern exakt so zu sein, wie er vor 15 Jahren war. Ein Teil der jugendlichen Entwicklung ist es doch, sich zu verändern, sich zielgerichtet und zwckmäßig zu ändern: Sprache zu lernen, sowie Sozialität und Moralität.
Der Alltag gibt uns viele Beispiele der identitätswahrenden und zweckmäßigen Veränderung. Manchmal bringen große Veränderungen die Essenz oder das wahre Ich einer Person hervor. Eine Beziehung aufzubauen, aufzublühen in der Karriere oder ein Hobby aufzunehmen – dies alles ändert uns, aber in Übereinstimmung mit dem Narrativ des eigenen Ichs. Das bedeutet, dass diese Änderungen uns nicht „weniger machen“. Stattdessen helfen uns diese Änderungen wahrlich die Person zu werden, die wir sind.
Die Geschichte der Philosophie sieht die zweckmäßige Veränderung als sehr wichtig für das Selbst an. Der altgriechische Philosoph Platon nutzt das Bild einer Skulptur des eigenen Selbst. Er fordert uns auf „alles Überflüssige wegzuschneiden, alles Ungerade zu begradigen und Licht zu werfen auf alles, was im Schatten liegt und sich anzustrengen um das Strahlen der Schönheit zu Geltung zu Bringen. Höre nie nie auf an der ´Statue zu arbeiten´ bis auf dich fällt der göttliche Strahl der Tugend.“ Zweckmäßige Änderung des Selbst wirft keine Probleme auf hinsichtlich der persönlichen Identität. Stattdessen legt sie das wahre Ich erst frei.
Jahrhunderte davor beschrieb der chinesische Philosoph Mèngzǐ die Menschen als Landwirte für die Samen der Tugend. Wenn wir gute Menschen werden, dann sind wir genau auf die richtige Weise gewachsen, haben also die Samen der Tugend bewirtschaftet. Wichtig ist dabei, dass wir als Samen – nicht als ausgewachsene Bäume – geboren werden. Wir werden nicht perfekt und entwickelt geboren um diese Güte zu bewahren. Stattdessen sind wir nur Samen der Tugend, die aufblühen durch Entwicklung.
Ähnliche Ideen wurden durchweg in der Philosophiegeschichte aufgebracht. In Ecce homo (1908) beschreibt Friedrich Nietzsche das Phänomen der Ichwerdung:
An dieser Stelle ist nicht mehr zu umgehn die eigentliche Antwort auf die Frage, wie man wird, was man ist, zu geben. […] Dass man wird, was man ist, setzt voraus, dass man nicht im Entferntesten ahnt, was man ist. […] Inzwischen wächst und wächst die organisirende, die zur Herrschaft berufne „Idee“ in der Tiefe, — sie beginnt zu befehlen, sie leitet langsam aus Nebenwegen und Abwegen zurück, sie bereitet einzelne Qualitäten und Tüchtigkeiten vor, die einmal als Mittel zum Ganzen sich unentbehrlich erweisen werden, — sie bildet der Reihe nach alle dienenden Vermögen aus, bevor sie irgend Etwas von der dominirenden Aufgabe, von „Ziel“, „Zweck“, „Sinn“ verlauten lässt.
Und im Interview „Über die Genealogie der Ethik“ (1983) merkt Michael Foucault folgendes an: „Wir müssen uns selbst als Kunstwerke erschaffen.“
Dieser Essay nimmt nur Passagen dieser Gedanken auf, die einzeln diskutiert werden können.
Der Schluss der sich folgern lässt, ist, dass die Identität nicht gleichbleibend, sondern dass sie vielmehr organisch und dynamisch ist. Dieselbe Person zu sein heißt nicht, jeden Aspekt unseres gegenwärtigen Selbst beizubehalten, sondern sich zweckmäßig und zielgerichtet zu verändern.
Die Grundannahme: Zweckmäßigkeit und Sinn
Das Thema, das diesem historischen Ansichten zugrundeliegt ist die Vorstellung eines Etwas im Innern der Person, sei es der Kern der Statue, der Samen der Tugend oder die vorherrschende Idee des „becoming what you are“. Diese Ansichten beschwören eine wichtige Einsicht über zweckmäßige Veränderung. Wenn alles korrekt läuft, dann wird das zukünftige Selbst nicht exakt gleich sein wie das gegenwärtige Selbst. Stattdessen sollte das zukünftige Selbst eine zweckmäßig entwickelte – daher andere – Version des gegenwärtigen Selbst sein. Und oft wird das zukünftige Selbst eine aufgeblühte oder blühende Version des früheren Selbst sein, da das frühere Selbst kleine Samen oder Anzeichen für die Zukunft enthielt.
Wenn man diese Art von Veränderung annimt, so muss man auch über Zweckmäßigkeit und Sinn nachdenken. Was bedeutet es, sich zweckmäßig weiterzuentwickeln? Den Sinn, den die Menschen für sich selbst annehmen können, ist vielschichtig. Denken wir deshalb über den Sinn von etwas Kleinerem nach. Nehmen wir eine Eichel. Der Sinn der Eichel ist es sich in einen Eichenbaum zu entwickeln.
Wir können der Eichel diesen spezifischen Sinn auf verschiedene Wege zuschreiben. Zum Beispiel wissen wir, dass eine Eichel sich typischerweise in eine Eiche entwickelt, daher kann diese spezifische Eichel auch keinen anderen Sinn haben. Wir schreiben den Sinn aber auch rückblickend zu. Wenn wir sehen, dass sich etwas Unbekanntes in eine Eiche entwickelt hat, dann denken wir zurück und schreiben diesem Unbekannten genau diesen Sinn zu. Darüberhinaus können wir, wenn wir sehen, dass sich eine spezifische Eichel in eine besonders große Eiche verwandelt hat, zurückdenken und annehmen, dass das Wachsen in eine besonders große Eiche der Sinn dieser spezifischen Eichel war.
Der offenbare Sinn eines Menschen ist weiter gefächert und beinhaltet das Entwickeln einer Sprache und eines Wertesystems, sodass er ein soziales und moralisches Wesen wird. Aber es gibt Ähnlichkeiten zur Eichel. Wir lernen viele der offenbaren Zwecke der Personen qua Theorie. Leute erlernen typischerweise Sprache und Moralität und es scheint, als ob Neugeborene auch diesen Sinn haben – auch wenn Neugeborene auf den ersten Blick keine ausgeprägten sprachlichen und moralischen Verhaltensweise an den Tag legen. Die selbe Denkweise kann man auf mehr individuelle Zwecke anwenden. Wenn wir möglicherweise erfahren, dass das Neugeborene sich in einen Sportler entwickelt hat, können wir zurückdenken und annehmen, dass diese Anlage schon im Neugeborenen vorhanden oder auszumachen war – auch wenn es unrealistisch ist, dass wir bereits im Babyalter diese Beobachtung machen konnten. Kernelelemente der Identität einer Person erscheinen zurückverfolgbar zu Anlagen ihrer Jugend.
Die Ansicht der Zweckmäßigkeit und Dymnamik des Selbst stimmt mit manchen Diskussionen der persönlichen Identität nicht überein. Diese Debatten legen den Fokus auf Persistenz trotz Veränderung und nehmen als gegeben, dass Persistenz Ähnlichkeit mit Etwas beinhaltet. In einem weiten Sinne beinhaltet die Ansicht der Zweckmäßigkeit sogar Ähnlichkeit – Ähnlichkeit des Lebenssinns und -zwecks durch die Jahre hindurch – aber, wie Nietzsche bemerkt, ist der Sinn oft verborgen. Oft haben wir nicht die leiseste Ahnung, wer wir sind, bis wir wir selbst werden.
Diese Sorge darüber, nicht zu wissen wer wir sind oder wer wir werden wollen, treibt in jüngster Zeit philosophische Diskussionen über „transformative Erfahrungen“ an. Darunter versteht man Erfahrungen, die einen Menschen in grundlegender und unvorhersehbarer Weise verändern: Mutter oder Vater zu werden, im Militär zu dienen, einen neuen Karriereweg einzuschlagen, Freiheitsetzug zu erleiden oder sich zu verlieben. Solche Wege stellt die Entscheidungstheorie vor Fragen. Wie können wir etwas, was wir nicht kennen, bewerten? Natürlich können wir einige unbekannte Wege ausmachen. Obwohl ich niemals eine Dr. Pepper und Donuts-Diät gemacht habe, kann ich bereits jetzt sagen, dass es wahrscheinlich keine gute Idee wäre. Aber andere unbekannte Wege sind schwerer zu bewerten, denn die Person, die ich aufgrund der Enscheidung werde, ist grundlegend anders von meinem gegenwärtigen Ich. Zum Beispiel kann die Entscheidung Mutter zu werden, eine Person in so profunder Weise ändern, dass man Schweirigkeiten hat, die Zukunft zu bewerten. Eine Liste von „Pro und Contra“ scheint hier nicht geeignet zu sein, denn mein Selbst der Zukunft wird sicherlich nicht mehr das Ich von heute sein.
Die Einsichten über die Bedeutsamkeit der persönlichen Veränderung können womöglich ein passende Antwort auf die obigen Fragen liefern. Der Schlüssel liegt in unserem Glauben über den Lebenssinn. Erinnern wir uns an das Beispiel der Eichel und des Baumes. Wir können auch annehmen, dass ein neugeborenes Baby sich weiterentwickeln, größer und weiser werden sollte. Eine Sprache zu erlernen ist sicherlich transformativ, aber wir nehmen an, dass es eine Veränderung ist, dass die Identität unverändert lässt und die Person bereichert und nicht die Identität ändert oder die Person verschlechtert. Radikale Änderungen wie das Erlernen einer Sprache scheinen uns zu den Personen zu machen, die wir sind oder werden wollen. Auch wenn wir dann ganz anders geworden sind.
Grenzen und Fehler der Ansicht der zweckmäßigen Veränderung
Trotzdem gibt es Unterschiede zwischen Menschen und Pflanzen oder Tieren. Die offenbaren Zwecke des Menschen sind breiter als die Zwecke der Natur oder Kultur.
Während der einzige Zweck der Eichel diejenige ist, sich in eine Eiche zu entwickeln, sind Menschen facetten- und talentreich. Dies impliziert einen aufregenden, aber gefährlichen, Aspekt des zweckmäßigen Selbst. Oft wird erst mit der Zeit klar, wer wir jetzt sind.
Um das zu verdeutlichen, stelle dir eine Reihe von großen Erfolgen vor. Stelle dir vor, das kleine Kind wird ein großartiger Künstler. In diesem Fall denken wir an seine Kindheit zurück und sehen die Anfänge seiner Kunstfertigkeit. Dieses Urteil kann ein Fehler, eine falsche Projektion sein, denn möglicherweise ist dies gar nicht sein Lebenssinn. Aber sicherlich werden wir diese Annahme tätigen.
Und egal, ob dieser Rückblick falsch oder richtig ist, berührt es Fragen unserer Moralität. Der Philosoph Bernard Williams führte in die Diskussion ein Gedankenexperiment ein über den tatsächlich existierenden Künstler Paul Gauguin. Im Gedankenexperiment verlässt der juge Gauguin seine Familie um seine künstlerischen Ambitionen zu verfolgen. Wie Williams scharfsinnig bemerkt, ist das Urteil darüber, ob Gauguins Entscheidung zu begrüßen oder zu verurteilen ist, abhängig davon, wie sich die Dinge entwickeln. Philosophen nennen dieses Phänomen „moralischer Zufall“ („moral luck“). Wenn der junge Gauguin als Künstler scheitert, ist der junge Gauguin tadelnswert. Wenn aber der ältere Gauguin Erfolg hat, sagen wir, wie Williams es in Moral Luck (1981) ausdrückt, „möglicherweise widerwillig: ´Okay dann, das hast du gut gemacht.´“
Eine andere Weise diese Geschichte zu begreifen ist auf dem Weg von Gauguin’s offenbaren Selbst und seines Lebenssinns. Wenn wir den ältere Gauguin sehen, dann sehen wir Anlagen des künstlerischen Potentials im jungen Gauguin; da er seinen Lebenssinn verfolgt hat, scheint er entschuldigt zu sein in seiner Entscheidung seine Familie zu verlassen. In der hypothethischen Welt, in der der ältere Gauguin scheitert aber, sind wir in Sorge über die Entscheidung über den jungen Mann vor vielen Jahren zuvor, da er sich von seinen moralischen und familiären Lebenszwecken zu verabschieden scheint (da es den Anschein hat, dass sein Sinn nicht mehr in der Kunst besteht).
Diese Interpretation des Selbst als zweckgerichtet scheint Sinn zu machen im Lichten einer aktuellen experimentalphilosophischen Entdeckung: Wir haben die Tendenz Verbesserungen als identitätswahrender anzusehen als Verschlechterungen. Die Allgemeinheit beurteilt Veränderungen zum Guten als konsistenter mit der persönlichen Identität als Veränderungen zum Schlechten. Die Hypothese der Interpretation der Zwckmäßigkeit ist, dass die Veränderung zum Guten unsere Vorstellung von der frühereren Person bestätigt. Wir wir sehen, wie sich jemand verbessert, schreiben wir diese Güte dem Potential des früheren Selbst zu.
Wenn wir eine wunderbare Eiche sehen, sind wir überzeugt davon, dass dies der wahre Zweck der Eichel war. Und wenn wir eine starke Verbesserung einer Person sehen, sind wir überzeugt, dass dies ein Teil des wahren Selbst der betreffenden Person ist. Wenn wir jedoch sehen, wie sich eine Person verschlechtert, haben wir die Befürchtung, dass er sich von seinem wahren Zweck wegentwickelt hat.
Damit stoßen wir aber zugleich auf Grenzen dieser Ansicht, denn nicht alle Verbesserungen scheinen identitätswahrend zu sein. Wir nehmen nicht jegliche Verbesserung als Persönlichkeitsentfaltung wr. Wie Aristoteles anmerkt und Martha Nussbaum ausführt, würden wir uns nicht wünschen, dass unsere Freunde gottähnliche Eigenschaften annehmen würden, denn dann würden sie verlieren. Extreme und ungewöhnliche Veränderungen – auch wenn sie Änderungen zum Guten sind – können einen Menschen zu einem Unbekannten machen. Eine Eichel die sich magischerweise in einen Apfel verwandelt, ist nicht mehr dieselbe Sache und so ist auch ein Mensch, der gottähnliche Eigenschaften annimt, nicht mehr dieselbe Person.
Auch wenn diese Idee der zweckmäßigen Persistenz eine Antwort auf einige philosophische Fragen gibt, könnten wir Einspruch erheben gegen ihren durchgehend naturalistischen Ratschlag. Sprechende und soziale Wesen zu werden, sind empfehlenswerte Veränderungen, aber wie sieht es mit dem Mutter oder Vater-werden aus? Wie sieht es aus mit einem Ohrimplantat für einen tauben Menschen – wenn er sich entscheidet zu hören, verlässt er sein wahres Ich?
Die Diskussion über den „Sinn des Menschen“ überschattet verschiedene Ansichten über Lebenswege des Menschen.
Trotz alldem bieten diese Reflektion eine Moral. Die Fragen der persönlichen Identität heben die Bedeutsamkeit der Persistenz trotz Veränderung hervor, indem man zum Beispiel denselben Körper oder Verstand behält, und so sollten wir auch die wesentliche Rolle der Änderung selbst beachten.
Jedes weltliche Beispiel einer fortdauerndenden persönlichen Idetität umfasst umfangreiche Transformationen, ob es nun die Entwicklung der Sprach- oder Lesefähigkeit ist, die Entdeckung einer Leidenschaft, das Ändern des Karriereweges, sich zu verlieben und sich zu trennen, eine Familie zu gründen oder zu finden. Diese Dynamiken stellen nicht unsere Identität in Frage. Es sind vielmehr genau diese Veränderungen, die die bedeutsamsten Aspekte unseres Selbst darstellen.
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