Bismillāh.
Denkst du, dass man Muslim und homosexuell sein kann? Wie sollen sich Muslime sich gegenüber Homosexuellen verhalten? Wie bringt du Homosexualität und Islam zusammen? Sind beide überhaupt vereinbar? Wie sollen sich Muslime in einer Gesellschaft verhalten, die Homosexualität befürwortet?
Diese Fragen lassen sich beantworten, wenn man sich von der konkreten Thematik der Homosexualität wegbewegt und das Koordinatensystem der Rede Gottes anlegt. Dann lassen sich Eckpunkte identifizieren, die eine Orientierung gewährleisten.
A. Der Ausgangspunkt
Zunächst einmal, ist nicht schlimmes daran, homosexuelle Gefühle zu haben, genauso wie nichts schlimmes daran ist, dass eine Person von einem Geschlecht vom anderen Geschlecht sich körperlich angezogen fühlt. Das Gefühl ist vorhanden, der Islām verbietet aber dementsprechend zu handeln.
Auch als Muslime können wir nicht bezweifeln, dass für manche Leute aus einer gleichgeschlechtlichen Verbindung eine sehr erfüllende Beziehung erwachsen kann, genauso wie manche Leute außerhalb der Ehe sehr erfüllende Beziehungen führen können. Was aber entscheidend ist, dass Gott diese Beziehungen als schädlich sieht und sie deswegen verbietet.
Wir müssen nicht von der Schädlichkeit einer Handlung restlos überzeugt sein, um sie zu vermeiden. Allāh verbietet den Konsum von Schweinefleisch, deswegen konsumieren wir es nicht. Und das, obwohl man bestimmt sehr schmackhafte Gerichte mit Schweinefleisch zaubern kann. Allāh verbietet im Ramaḍān während der Tageszeit zu essen und zu trinken. Tagsüber verwandelt sich aber auch Wasser und Essen im Ramaḍān nicht etwa zu Salzsäure und Rattengift, trotzdem lassen wir die Finger davon.
Der Qur’ān gibt uns eine bestimmte Struktur für unser Leben vor.
Die Angelegenheit lässt sich in der Aussage zusammenfassen, dass derjenige, der die Rede Gottes liest, überzeugt ist, dass sie vom Schöpfer ist und sich freiwillig entscheidet, danach zu leben, da er dem Schöpfer vertraut.
Den Islām mit Homosexualität zu versöhnen, ist wie der Fall einer Frau, die nicht mit dem Veheiratetsein mit einem Mann zufrieden ist, sondern andere Männer begehrt. Es können womöglich wissenschaftliche Erklärungen für ihr Verlangen geben, sie kann sogar sehr erfüllt sein in einer Verbindung mit mehreren Männern, aber da der Islām dies verbietet, kann es keine Versöhnung geben.
Eine Person, die Homosexualität befürwortet, mag sich fragen: „Was ist so schlimm daran, wenn eine Person, einen Andere oder einen Anderen vom gleichen Geschlecht liebt? Es ist doch Liebe und es ist eine beidseitig einverständliche Beziehung?“
Das göttliche Projekt sieht eine Verbindung von Frau und Mann in einer Ehe vor. Dies ist die Struktur die uns vorgegeben wurde. Auch wenn eine Verhaltensweise nicht per se schädlich ist (wovon aber die weit überwiegende Mehrheit der islamischen Ansichten bei der Homosexualität ausgeht), wie zum Beispiel das Essen tagsüber im Ramaḍān, halten wir uns davon fern.
B. Gottergeben und homosexuell
Für eine homosexuelle Muslima oder einen homosexuellen Muslim, ist die Angelegenheit eine Sache zwischen ihr oder ihm und Allāh, dem Erhabenen. Sie sollten die Rede Gottes reflektieren und ihr Gewissen befragen, unabhängig von der propagierten Ansicht, dass man das tun solle, was einem die eigenen Begierden sagen.
Was eine Muslima oder einen Muslim angeht, der sich zwar vom gleichen Geschlecht angezogen fühlt, aber nicht die Gefühle auslebt, sollten sie wie jeder andere Muslim behandelt werden, da er keine islamische Normen überschritten hat. Insbesondere ist es wichtig, sie willkommen zu heißen und ihnen eine Gemeinschaft und einen Rahmen zu bieten, damit ihnen der Willen zur Enthaltsamkeit gestärkt wird. Es geht darum, seine Zeit mit positiven Aktivitäten zu füllen, damit man nicht in eine Sünde fällt. Insoweit gibt es keinen Unterschied zu etwa anderen jugendlichen Mitgliedern der Gemeinschaft.
Wenn es um einen Muslim geht, der nach seine Homosexualität lebt, so sollte er wie andere Personen mit sündigem Verhalten, wie zum Beispiel derjenige, der Alkohol konsumiert oder eine intime Beziehung außerhalb der Ehe führt, behandelt werden. Hier ist es insbesondere wichtig, dass keine schlechte Rede hinter dem Rücken einer Person geführt wird. Das fällt vielen Personen schwer, es ist tatsächlich vollkommen unverständlich, warum es schwer fällt, Sünden einer Person zu verdecken. Es sei in diesem Zusammenhang jedem dringend anempfohlen, regelmäßig die ersten zwei Seiten von Sūrat an-Nūr zu lesen, um sich die gewaltigen Auswirkungen von Lästerei und Verleumdung vor Augen zu führen. Ich höre seit der Schulzeit von der sexuellen Präferenz von dieser-und-jener Person oder den freizeitlichen Aktivitäten einer anderen Person. Auch wenn es der betreffende Kollege es öffentlich macht, interessiert es mich ziemlich genau Null Komma Null Prozent. Und das sollte bei allen so sein. Über Leute konsequent nur positiv zu sprechen, ist eine Angewohnheit, die sich im Leben mehrfach auszahlt und die bei Allāh hoch belohnt wird. Davon bin ich überzeugt.
Wenn man eine Freundin oder einen Freund hat, der eine Sünde begeht – dieser sollte dann mit freundlichen Worten zurechtgewiesen werden. Das ist die Kunst der Naṣīḥa, über die dich hier genauer informieren kannst (wichtig!). Wenn die betreffende Person aber kein enger Freund ist, dann bringt es in der Regel nichts, sie nur zu diesem Zweck zu kontaktieren. Denn diese Vorgehensweise ist ineffektiv und ineffizient, du wirst ihn nicht plötzlich auf den rechten Pfad zurückbringen können, indem du ihm Artikel schickst oder „Fürchte Allāh“ sagst. In diesen Fällen ist es besser, sie zu meiden.
Wenn die fragliche Person unsere Freundschaft oder Unterstützung sucht, so sollte man sie nicht automatisch abweisen. Es ist dann am Besten, sie in eine funktionierende Gemeinschaft einzubinden, denn es kann zwar sein, dass man die Person positiv beeinflusst, aber es besteht auch die Gefahr, dass man von ihr negativ beeinflusst wird. Das ist wie bei jeder anderen Person, die eine bestimmten Lebensweg führt, die in zentralen Bereichen nicht mit den islamischen Normen übereinstimmt. Deswegen ist es besser, wenn die Schwester oder der Bruder Freundschaft schließt mit einer Reihe von Geschwistern, die sie oder ihn positiv beeinflussen können. Die größte Herausforderung liegt dann darin, dass die Gemeinschaft den Bruder oder die Schwester willkommen heißt. Es gilt wieder unsere eigene Einstellung gegenüber Geschwistern zu verbessern, die nicht perfekt sind. Das gelingt am Besten, indem man sich immer wieder daran erinnert, dass man selbst nicht perfekt ist.
Der Fokus daher nicht auf der Thematik der Homosexualität selbst, sondern die Frage, nach welchen Prinzipien eine islamische Gemeinschaft aufgebaut sein sollte und inwieweit jeder Einzelne in der Gemeinschaft die hehren Absichten bezüglich der Aufnahme von Geschwistern umsetzt, über die er dauernd redet.
C. Homosexualität, Islam und eine mehrheitlich nicht-muslimische Gesellschaft
„Jeder soll das machen, was ihn glücklich macht, solange er Andere nicht dabei stört“. Diese Ausage fasst die mehrheitlich vertretene Auffassung in nicht-muslimischen Gesellschaften zusammen.
Das Problem dieser Aussage ist jedoch, dass dem die Auffassung zugrunde liegt, dass das Leben nur den Sinn des diesseitigen Glücks hat. Wenn es jedoch noch ein Diesseits gibt, dann ist die Aussage falsch. Dann sollte die Menschen nicht nur das machen, was sie (kurzfristig) glücklich macht, sondern das Richtige oder das Wahre.
Deswegen ist diese Annahme nicht an sich eine fortschrittliche Aussage und die Ablehnung dieser Aussage ist nicht an sich rückschrittlich oder konservativ. Es geht nicht um Rückschritt oder Fortschritt, Liberalismus oder Konservatismus, sondern darum, welchen Sinn du dem Leben gibst. Wenn du meinst, das Leben bestehe nur aus dem Diesseits, so ist es nur logisch, diese Auffassung zu haben, wenn man aber vom Jenseits überzeugt ist, dann setzt man tendenziell andere Maßstäbe an.
Jetzt leben wir in einer Gesellschaft mit religiösen und nicht-religiösen Personen – welche Ansicht sollte da die Oberhand haben, da wir nicht in unserer Auffassung bezüglich des Sinn des Lebens übereinstimmen?
Leute, die Vorhaben wie die gleichgeschlechtliche Ehe ablehnen, werden als engstirnig und rückschrittlich poträtiert, da es für viele gesellschaftliche Gruppen geradezu unmöglich ist, die Angelegenheit aus der islamisch-religiösen Sicht zu betrachten. Stattdessen legen sie ihre eigene, unbewiesene Auffassung zugrunde, nämlich, dass es nur ein Diesseits gibt und schlussfolgern, daraus, dass die gleichgeschlechtliche Ehe ein Menschenrecht sei.
Damit ist aber die unbewiesene Auffassung nicht bewiesen, egal ob du einer Religion angehörst oder nicht. Die Befürworter können nicht beweisen, dass die sogenannte Ehe für alle „richtig“ ist und die Gegner nicht, dass sie „falsch“ ist. Es kommt auf die Lebensauffassung an.
Daher sollten sich in einer demokratischen Gesellschaft, in der religiöse und nicht-religiöse Menschen nebeneinander leben, sich nicht in einen barbarischen Kampf begeben, ohne Empathie und Verständnis für die eine oder andere Position. Die Frage sollte demokratisch beigelegt werden.
Schließlich resultieren daraus, egal ob sich ein Gemeinwesen für die eine oder andere Option entscheidet, Folgefragen, die die gesamte Gesellschaft betreffen: Die Frage nach der Familie, nach der Erziehung der Kinder, nach der demografischen Entwicklung, nach dem Kindeswohl und etwa häuslicher Gewalt. Die Diskussion über die gleichgeschlechtliche Ehe ist für Spalter sehr hilfreich, weil sie einen Keil in die Gesellschaft treibt und uns hindert, über Probleme zu sprechen, die eine sehr große Masse von Menschen betreffen.
Welche Ansicht sollten aber nun Muslime haben? Wenn Gott existiert, wenn Er eine bestimmte Handlung als eine Sünde ansieht und wenn wir davon überzeugt sind, dass Er nur Handlungen verbietet, die uns schaden, dann folgt logischerweise daraus, dass der Muslim nicht sein Einverständnis gibt zu Vorhaben, das eine sündhafte Verhaltensweise institutionalisiert oder befördert.
Man könnte jetzt sagen, dass ein bestimmtes Vorhaben nicht den religiösen Menschen schadet – es wird doch nur eine zusätzliche Option geschaffen, oder nicht? Es wird eine zusätzliche Freiheit gegeben. Es steht jedem frei, diese Freiheit zu nutzen oder nicht. Warum sollte man als Muslim sich dagegen aussprechen?
Diesen Gedanken liegt ein Denkfehler zugrunde. Wenn du davon überzeugt bist, dass Werke an sich schlecht oder gut sind, dann kommt es nicht darauf an, wer sie macht. Es kann eine Person sein, die nicht-religiös ist und auch glücklich in seinem Lebensweg, aber trotzdem, muss diese Person wenigstens durch uns wissen, dass es andere Ansichten gibt. Wenn wir nun unser politisches Einverstädnis geben, dann haben wir den Anspruch aufgegeben, nach außen das islamische Menschenbild aufzuzeigen. Hier haben wir dann konkret „unseren Glauben für einen geringen Preis verkauft“. Das sollten wir nicht machen.
Verfasst von Jeanne, inspiriert von Ikram Hawramanis Why Do The Religious Oppose Gay Marriage und On Islam, Homosexuality and Homosexual Muslims.
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