Bismillāh.

Eine Schwester fragte mich vor kurzem, wie ich die Āya 112 in Sūrat at-Tauba übersetzen würde. Ihr kam es komisch vor, dass dort der Ausdruck „diejenigen die asketisch leben“ benutzt wird. Sie meinte, im Islām gebe es doch kein Asketentum.

Die von ihr genannte Āya ist in der Tat aus mehreren Gesichtspunkten interessant, sodass ich gerne schriftlich einige kurze Anmerkungen anbringen möchte.

A. Der Begriff der Askese

Bevor ich mich mit dem fraglichen arabischen Ausdruck in 9:112 widme, möchte ich mit euch überlegen, was Askese überhaupt bedeutet.

Wenn wir uns eine lexikalische Definition[note]Brockhaus Enzyklopädie (Zweiter Band), 19. Auflage, Mannheim: Brockhaus, S.195f und Meyers Enzyklopädisches Lexikon (Zweiter Band), Mannheim/Wien/Zürich: Lexikonverlag[/note] anschauen, so bedeutet Askese die religiös-ethische begründete Enthaltsamkeit von bestimmten Speisen und Getränken, von Geschlechtsverkehr, von lustbezogenen Verhaltensweisen und Konsummöglichkeiten bis hin zu pathologischen Übertreibungen. Das bedeutet, dass dieser Begriff eine große Spannbreite von Bedeutungen umfasst. In der heutigen Normenlehre des Islām ist hier das Fasten zu nennen, dass die Enthaltsamkeit von Speise, Getränk und Geschlechtsverkehr beinhaltet. In früheren Zeiten war auch das Schweigefasten eine asketische Übung der Muslime.

Die etymologische (wortgeschichtliche) Bedeutung des Begriffs Asket ist gemäß Wolfgang Pfeifer dem griechischen Begriff askētḗs (ἀσκητής) entlehnt und bezeichnet denjenigen „der sich einer Sache befleißigt“ und besonders „den sich übende[n] Athlet[en]“. Also htte Askese zunächst schwerpunktsmäßig seine Verwendung im Wettkampfsport: Der Asket ist der Sportler, der sich anstrengt und trainiert, um besser zu werden. Danach nahm sie Bedeutung der Enthaltsamkeit, Entsagung und der Frömmigkeit an.

Wenn wir also von einem Gottesdienst im Islām sprechen, die asketischer Natur ist, dann ist es das rituelle Fasten. Zwar kann ein Mensch darüberhinaus auf Annehmlichkeiten verzichten, aber eine Lebensweise wie die eines Eremiten oder eines Mönches gibt es im Islām nicht. Daher kann man, wenn es die Bedeutung des Wortes hergibt, „die Askese“ ohne Probleme durch „das Fasten“ ersetzen.

Aber um welches arabischen Wort geht es denn hier genau, über was sprechen wir eigentlich?

B. Die Āya 9:112 und seine Übersetzungen
التَّائِبُونَ الْعَابِدُونَ الْحَامِدُونَ السَّائِحُونَ الرَّاكِعُونَ السَّاجِدُونَ الْآمِرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَالنَّاهُونَ عَنِ الْمُنْكَرِ وَالْحَافِظُونَ لِحُدُودِ اللَّهِ ۗ وَبَشِّرِ الْمُؤْمِنِينَ

Der Begriff, der hier Fragen bei der Übersetzung aufwirft, ist der Begriff sāiḥūn. In der Übersetzung von Rudi Paret nimmt dieser Begriff die Bedeutung „asketisch leben“ an, in fast allen anderen gängigen deutschen Übersetzungen die des „Umherziehens“ oder des „Wanderns“. Scheich Amīr nennt sogar zwei Bedeutungen nebeneinander, wenn er schreibt die sāiḥūn seien „die (fi-sabilillah) Umherziehenden (bzw. die Fastenden)“.

In den gängigen türkischen Übersetzungen wird sāiḥūn vorwiegend als „die Fastenden“ übersetzt. Dies kommt Parets „asketisch leben“ nahe. Muhammad Asad wiederrum übersetzt dies mit „those who go and and on [seeking His goodly acceptance]“, versteht die Bedeutung der „Umherziehens“, offensichtlich in einem übertragenen Sinne (lesenswert ist auch sein Kommentar dazu).
Woher kommen die Unterschiede?

I. Der Begriff sāiḥūn

Schauen wir uns einmal ganz nüchtern den Ursprung des Begriffes sāiḥūn an. Er besteht in seiner Wurzel aus den Buchstaben Sīn, Ḥā und Yā und wird in den Formen sāḥa, yasūḥu und sayḥūn oder siyāḥa konjugiert.
Man sagt im Arabischen سَاحَ عَلَى وَجْهِ الْاَرْضِ und meint damit, dass das Wasser von der Erdoberfläche abgeflossen ist. Also hat der Begriff die Bedeutungen des Abfließens und genau wie das Wasser die Erdoberfläche passiert, passiert der Wanderer die Oberfläche. Man bezeichnet damit auch Flüße oder Bäche, da das Wasser im Bett die Erdoberfläche berührt.

II. Das Aufkommen von siyāḥa und verwandten Begriffen in der Rede Gottes

Wie hier hier einmal erklärt habe, erläutert Allāh selbst den Qur’ān. Schauen wir uns also mal an, in welchen Formen dieses Wort auftaucht.

Einmal finden wir es ganz zu Beginn von Sūrat at-Tauba, in der zweiten Āya nämlich:

فَسِيحُوا فِي الْأَرْضِ أَرْبَعَةَ أَشْهُرٍ وَاعْلَمُوا أَنَّكُمْ غَيْرُ مُعْجِزِي اللَّهِ
وَأَنَّ اللَّهَ مُخْزِي الْكَافِرِينَ

Wie sich aus den ersten Āyāt ergibt, enthält die Sūrat at-Tauba eine Lossagung von den feindlichen Glaubensverweigerern. Hier sagt Allāh in der Übertragung Seiner Rede, dass die Glaubensverweigerer noch vier Monate auf der Erde umherwandern sollen (fa sīḥū). Danach ist die Frist verstrichen und sie befinden sich im Feindstatus, da sie das Abkommen von Ḥudaybiyya gebrochen haben.
Halten wir also fest: Zu Beginn der Sūra wird siyāḥa in der unmittelbaren Bedeutung von „Umherwandern“ benutzt, da gibt es auch keine Meinungsverschiedenheit, und nicht etwa im übertragenen Sinne. Noch keine Spur vom „Fasten“.

Als nächstes schauen wir uns die fünfte Āya in Sūrat at-Taḥrīm an:

عَسَىٰ رَبُّهُ إِنْ طَلَّقَكُنَّ أَنْ يُبْدِلَهُ أَزْوَاجًا خَيْرًا مِنْكُنَّ
مُسْلِمَاتٍ مُؤْمِنَاتٍ قَانِتَاتٍ تَائِبَاتٍ عَابِدَاتٍ سَائِحَاتٍ ثَيِّبَاتٍ وَأَبْكَارًا

Zum Zusammenhang dieser Āya muss man wissen, dass die Sūrat at-Taḥrīm die Probleme des Propheten (sas) mit seinen Frauen behandelt. Allāh gibt hier den Ausweg, indem Er sagt, dass die Frauen des Propheten (raa) sich scheiden lassen können und dass dies kein Verlust darstellen würde: Denn Allāh würde dem Propheten bessere Frauen zur Heirat geben, die unter anderem Allāh ergeben, gläubig, demütig, reuevoll umkehrbereit und auch sāiḥāt sind.
Aha! Hier kommt der Begriff sāiḥāt in einem sehr ähnlichen Gewand herbei, nämlich als eine Aufzählung von lobenswerten Eigenschaften einer Gläubigen, insbesondere einer Prophetenfrau. Jedoch entspinnt sich hier die gleiche Diskussion darüber, ob sāiḥāt in unmittelbaren oder mittelbaren, übertragenen Sinne verstanden werden soll. Deswegen hilft uns diese Āya auf den ersten Blick nicht weiter.

Aber Moment einmal. Kommt nicht eine ähnliche Wendung, etwas mit „Umherreisen“ nicht öfters im Qur’ān vor?

قُلْ سِيرُوا فِي الْأَرْضِ ثُمَّ انْظُرُوا كَيْفَ كَانَ عَاقِبَةُ الْمُكَذِّبِينَ

„Reist (sīrū) auf der Erde umher und bedenkt, wie das Ende derjenigen vor euch war“, in 6:11, auch in 3:138, 16:36, 27:69, 29:20, 30:42 und 34:18 finden wir ähnliche Wendungen.
Wenn wir nun diese Āyāt mit 9:112 verbinden, so können wir die Meinung vertreten, dass die sāiḥūn, diejenigen sind, die Allāhs Anweisung Folge leisten. Es sind diejenigen, die umherreisen und schauen, wie das Ende der früheren Generationen ist.

Es können aber auch diejenigen sein, die Allāh in 9:122 beschreibt.

وَمَا كَانَ الْمُؤْمِنُونَ لِيَنْفِرُوا كَافَّةً ۚ فَلَوْلَا نَفَرَ مِنْ كُلِّ فِرْقَةٍ مِنْهُمْ طَائِفَةٌ لِيَتَفَقَّهُوا فِي الدِّينِ وَلِيُنْذِرُوا قَوْمَهُمْ إِذَا رَجَعُوا إِلَيْهِمْ لَعَلَّهُمْ يَحْذَرُونَ

Auffällig ist, dass diese Āya in der gleichen Sūra und gerade einmal zehn Āyāt später als 9:112 ist. Hier beschreibt Allāh eine Gruppe von Menschen, die ausziehen um von der Religion zu lernen und Verständnis zu gewinnen und anschließend zurückkehren um ihre Leute zu warnen oder aufzurütteln. Sie ziehen aus, sie wandern auf der Erde umher um Wissen zu erwerben (li yatafaqqahū fī ad-dīn). Könnten das nicht die sāiḥūn sein?

Bevor wir uns entscheiden, ist noch die Frage offen, warum denn nun sāiḥūn überhaupt als „Fastende“ übersetzt wird. Dies will ich noch zum Abschluss erklären.

III. Siyāḥa als Fasten

Was hat nun „umherwandern“ und „umherziehen“ mit dem Fasten zu tun? Die Gründe liegen zum Einen in Überlieferungen vom Propheten (sas) und zum Anderen in der arabischen Dichtung.

Wenn wir mit dem Letzteren beginnen, so sagt Abū Ṭālib:

بِالسَّائِحِينَ لَا يذوقون قطرة … لربهم والذاكرات العوامل

„Wegen den Fastenden (sāiḥīn), die kein Tropfen Wasser trinken …
aufgrund ihres Herrn, und den Gedenkenden und den (Gottes)Dienst Verrichtenden?“

Und ein anderer Dichter sagt:

بَرًّا يُصَلِّي لَيْلَهُ وَنَهَارَهُ … يَظَلُّ كَثِيرَ الذِّكْرِ لِلَّهِ سَائِحَا

„Er ist ein Gütiger, der nachts und tags betet …
Er fährt fort oft Allāhs zu Gedenken, er ist ein Fastender (sāiḥan)“

An diesen Gedichten wird klar, dass die Araber der Begriff Siyāḥa benutzt haben um einen Fastenden zu bezeichnen. Der Grund liegt darin, dass der Fastende wie der Reisende etwas zurücklässt, nämlich Speise und Getränke und sich im übertragenden Sinne zur Zufriedenheit seines Herrn bewegt.

Entscheidend dürfte aber diese Überlieferung vom Propheten (sas) sein:

وَرَوَاهُ أَبُو هُرَيْرَةَ مَرْفُوعًا عَنِ النَّبِيِّ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ أَنَّهُ قَالَ: (سِيَاحَةُ أُمَّتِي الصِّيَامُ)

„Abu Hurayra berichtet über den Propheten (sas), dass er sagte:
‚Die Reise meiner Gemeinschaft ist das Fasten (aṣ-ṣaum)’“

Wenn wir über diese Überlieferung des Propheten (sas) nachdenken, dann fällt erst einmal auf, dass es an einem Anlass (sabab al-wurūd) fehlt. Dieser Ausspruch schreit geradezu nach einem Kontext. Warum sagte der Prophet (sas) „Die Reise meiner Gemeinschaft ist das Fasten“? Hatte ihn jemand danach gefragt? Sprach er über diese Āya, die wir gerade untersuchen? Wollte jemand auf eine bestimmte Reise gehen und der Prophet (sas) wollte ihm eine Alternative bieten? Was meint er hier mit Gemeinschaft (umma) – ist dies die medinensische Gemeinschaft zur seiner Zeit gemeint oder alle Muslime bis zum Jüngsten Tag? Es geht jedenfalls nicht aus der Überlieferung hervor. Diese Überlieferung ohne weitere Begründung mit der qur’ānischen Āya zu verknüpfen, erscheint etwas willkürlich.

Nicht leichter wird das Problem dadurch, dass dem Propheten (sas) auch dieser Ausspruch zugeschrieben wird:

روى أبو داود أن رجلا سأل النبي صلى الله عليه وسلم أن يأذن له في السياحة فقال :
(سياحة أمتي الجهاد في سبيل الله)

„Der Prophet (sas) sagte: ‚Die Reise meiner Gemeinschaft ist der Ǧihād'“

Auch hier fehlt leider in den Tafsīr-Werken der Zusammenhang des Ausspruchs.

C. Zusammenfassung und Bewertung

Wir haben im Abschnitt A. gesehen, dass der Begriff der Askese ohne Bedeutungsverlust durch das rituelle Fasten (ṣaum) ersetzt werden kann. Diejenigen, die die Ansicht vertreten, dass sāiḥūn die „Fastenden“ beschreibt, begründen ihre Meinung mit Gedichten und Überlieferungen vom Propheten (sas). Es wird aber nicht klar, ob die Gedichte tatsächlich in die vorislamische Zeit datiert werden kann und ob der Prophet (sas) mit seiner Gleichstellung von Siyāḥa und rituellem Fasten eine Aussage zur Verwendung des Wortes in der Rede Gottes treffen wollte – zumal von ihm (sas) auch andere Aussprüche überliefert sind. Außerdem muss man sich dann die Frage gefallen lassen, warum Allāh nicht den Begriff ṣāimīn oder ṣāimāt (also männliche und weibliche Fastende) wie beispielsweise in der der 9:112 sehr ähnelnden Aufzählung der 35. Āya in Sūrat al-Aḥzāb (bitte nachlesen). Warum ein anderes Wort, um die Fastenden zu benennen? Welche Bedeutungsänderung soll hier aufgezeigt werden?

Überzeugender ist es daher im Ergebnis, den Begriff sāiḥūn mit anderen Āyāt zusammen zu bringen und die unmittelbare Bedeutung beizubehalten.

Ein Exeget des Qur’āns erläutert dies so: „Siyāḥa ist die Reise auf der Erde – hier ist speziell die Reise gemeint, die durch die islamische Normenlehre gepriesen wird. Das bedeutet: Die Reise um Allāh näherzukommen und an Seinen Geboten festzuhalten, wie zum Beispiel die Hiǧra oder die Ḥaǧǧ oder der Ǧihād.“

Seiner Meinung schließe ich mich an, mit der Überzeugung, dass jede Reise die unternommen wird auf dem Wege Allāhs eine Siyāḥa im Sinne des 9:112 ist. Es kann der Auszug sein, um Wissen um Allāhs willen zu erwerben, die Auswanderung in eine andere Stadt, um den Islām besser zu praktizieren, die Bildungsreisen, um islamische Gemeinschaften kennenzulernen oder auch die Pilgerfahrt, sei sie die freiwillige oder verpflichtende. Dies alles gibt die Āya an Bedeutungen her.

Und Allāh weiß es am Besten.