Der Qur’ân ist eine erklärungsbedürftige Schrift. Aufgrund seiner hohen Bedeutung als Rede Gottes ist er anfällig dafür als Schrift zur Durchsetzung eigener politischer Inhalte missbraucht zu werden. Obschon sich seit der ersten mündlichen Weitergabe des Qur’âns eine Methodologie der Qur’ânerläuterung herausgebildet hat (sog. Usûl at-Tafsîr), mangelt es vielen Muslimen am Wissen für diese Methode, die gewährleistet, dass man sich dieser Schrift nähert und Instrumentalisierungen entlarvt.
Der nachfolgende Text soll einen Beitrag zum Königsweg der Qur’ânerläuterung, der Erläuterung des Qur’âns mit sich selbst, leisten. Dazu wird im ersten Schritt einen Blick darauf gerichtet, wie der Qur’ân sich selbst dem Leser präsentiert. Ausgehend davon werden verschiedene Zugänge zum ganzheitlichen Verständnis des Qur’âns aufgezeigt. Abschließend sollen noch auf häufige Fehler bezüglich der Exegese aufmerksam gemacht werden.
A. Der Qur’ân über sich selbst
Wie eingangs erwähnt, gibt es eine in der Wissenschaft der Qur’ânauslegung (Usûl at-Tafsîr) anerkannte Wege um sich dem qur’ânischen Text zu nähern. Während zur Zeit des Propheten eine unverständliche Stelle durch die autorative Kraft des Propheten selbst geklärt werden konnte, gingen die Gefährten und die nachfolgenden Generationen schnell dazu über, vor allem den Qur’ântext und die Prophetenaussprüche mündlich weiterzugeben. Alle Bedeutungen der qur’ânischen Stellen waren jedoch nicht schon bereits zur Zeit des Propheten voll beleuchtet, sodass sich die Notwendigkeit ergab, sich dem Qur’ân auf eine systematische Weise zu nähern (Philips 2005: 39f; vgl. auch Cerrahoğlu 1991: 210-213) – nicht zuletzt deswegen, da sich verschiedene Gruppierungen den Qur’ân zu Eigen machten und die Deutungshoheit zu gewinnen versuchten.
Im Allgemeinen wird bei der Deutung des Qur’âns auf folgende Methoden aufmerksam gemacht:
a) die Erläuterung des Qur’âns mit sich selbst
b) die Erläuterung des Qur’âns durch die Lebensweise des Propheten (Sunna)
c) die Erläuterung des Qur’âns durch die Meinungen der Prophetengefährten (Âthâr)
d) die Erläuterung des Qur’âns durch die arabische Sprache
e) die Erläuterung des Qur’âns durch den Verstand (Philips 2005: 40-49).
Einhellig wird jedoch die Meinung vertreten, dass die erste Auslegungsmethode des qur’ânischen Selbsterläuterung (a) Vorrang vor den nachfolgenden Erläuterungsmethoden hat (b, c, d, e).
Wie wird jedoch diese Rangfolge gebildet und vor allem: Lässt sich die Vorrangstellung der erstgenannten Methode aus dem Qur’ân selbst begründen oder gibt der Qur’ân womöglich uns Instrumente zur Hand?
Um diese Fragen zu beantworten ist vor allem die Âyâ [3:7] relevant, die das Verhältnis der qur’ânischen Teile untereinander thematisiert:

(3:7) Er ist es, Der das Buch (als Offenbarung) auf dich herabgesandt hat. Dazu gehören âyâtun muhkamâtun – sie sind der Kern des Buches – und andere, mutaschâbihâtun. Was aber diejenigen angeht, in deren Herzen (Neigung zum) Abschweifen ist, so folgen sie dem, was davon mehrdeutig ist, im Trachten nach Irreführung und im Trachten nach ihrer Mißdeutung. Aber niemand weiß ihre Deutung außer Allah. Und diejenigen, die im Wissen fest gegründet sind, sagen: „Wir glauben daran; alles ist von unserem Herrn.“ Aber nur diejenigen bedenken, die Verstand besitzen.
In der Übersetzung zu [3:7] heißt es, dass der Qur’ân auf den Propheten herabgesandt worden ist. Sodann werden die Âyât kategorisiert: es heißt dort, es gäbe Âyât die muhkamât und andere die mutaschâbihât sind.
An dieser Stelle wird in den Kommentierungen zum Qur’ân ein größeres Kapitel geöffnet. Es heißt dann, dass die erste Kategorie der Âyât die eindeutigen Verse sind und die zweite Kategorie die mehrdeutigen (es-Salih 1965: 223-227). Die mehrdeutigen Verse sind sodann zu einer so festen Kategorie zur Einteilung der Âyât geworden, sodass Gelehrte wie asch-Schâtibi sich veranlasst sahen, die mehrdeutigen Verse in echte mehrdeutige Verse (Verse die unmöglich sind zu verstehen) und scheinbare („unechte“) mehrdeutige Verse zu unterteilen (verständliche Verse die jedoch instrumentalisiert werden) (asch-Schâtibi 1993: 85-90).
Bei näherer Betrachtung des Wortes mutaschâbih, das von der Wurzel [schbh] kommt, zeigt, dass dieses Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung „sich ähneln“ bedeutet (siehe 2:25, 2:70, 2:118, 6:99, 6:141). So sprechen die Paradiesbewohner davon, dass ihnen Früchte gegeben wurden, die den diesseitigen Früchten ähneln (وَأُتُوا بِهِ مُتَشَابِهًا ).
Das Wort muhkam das von der Wurzel [hkm] bedeutet, dass man etwas festsetzt – also die Bestimmung einer Sache (al-Isfâhani 2009: 175). Folglich bedeutet „Ayâtun muhkâmâtun“ festgefügte Verse oder bestimmte Verse. Dies kann man auch dahingehend verstehen, dass diese Âyât für sich rechtliche Urteile enthalten (siehe unbedingt dazu 47:20).
Um diese Erkenntnisse sinnvoll zu bewerten brauchen wir noch eine weitere Âyâ die über die Beziehung der verschiedenen Stellen des Qur’âns untereinander Auskunft gibt.

(11:1) Alif-Lam-Ra. (Dies ist) ein Buch, dessen Zeichen eindeutig festgefügt und hierauf ausführlich dargelegt sind von Seiten eines Allweisen und Allkundigen
Auch hier sehen wir, dass eine bestimmte Folge von Âyât beschrieben wird. Allah sagt in der Übertragung, dass die Âyât festgefügt (أُحْكِمَتْ), sodann von Seiten eines Allweisen und Allkundigen erläutert (فُصِّلَتْ) wurden.
Wenn wir nun die Stellen [3:7] und [11:1] zusammen lesen, ergibt sich folgendes Bild: Allah hat Âyât herabgesandt die an sich festgefügt sind. Sie lassen sich allein lesen und es können aus ihnen Bestimmungen abgeleitet werden, ohne dass man weiterer Âyât bedarf.
Außerdem hat Er, der Erhabene, Âyât offenbart die sich ähneln. Wie im weiteren Verlauf aufgezeigt wird, haben diese Âyât meist ähnliche Wörter die sich gegenseitig erklären. Ich möchte diese Âyât die sich gegenseitig erklären Zwillingsverse nennen. Diese Zwillingsverse ähneln sich wie Geschwister und der Bezug auf eins der Âyât beschränkt die Bedeutung der anderen Âya (und führt somit zur hermeneutischen Problemlösung).
Sehr beachtlich ist ebenso hier in [11:1], dass Allah sich die Erklärung der Âyât vorbehält. Er, der Erhabene, spricht davon, dass diese festen Âyât von Seiner Seite aus erläutert werden müssen. Dies stärkt die Position, dass die Erläuterung des Qur’âns durch den Qur’ân selbst der Königsweg der Auslegung ist. Mehr noch: es lässt sich aufgrund dieser Zusammenschau die Meinung vertreten, dass dies der einzige Weg ist um überhaupt zu einer korrekten Deutung des Qur’âns zu kommen.
Auf jeden Fall lässt sich sagen, dass der Qur’ân aus sich selbst heraus diese Art der Deutung durch sich selbst bevorzugt.
Welche Wege dorthin führen soll im nächsten Beitrag dargelegt werden.
Quellenangaben
Al-Isfahâni, Ar-Râghib. 2009. Mufradât Alfâz al-Qur’ân. Maktaba Fiyâd.
Asch-Schatibi, ebu Ishak. 1990. El-Muvâfakât. Islâmî Ilimiler Metodolojisi. Istanbul: Iz Yayıncılık.
Cerrahoğlu, Ismail. 1991. Tefsir usûlü. Istanbul: Türkiye Diyanet Vakfı Yayınları.
Es-Salih, Subhi. 1965. Kur’an Ilimleri. Konya: Hibaş Yayınları.
Philips, Abu Ameenah Bilal. 2005. Usool at-Tafseer. The Methodology of Qur’anic Interpretation. Riyadh: International Islamic Publishing House.
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