Bismillāh.
Einmal wurde Imām Mālik von ʿAbdullāh al-ʿUmarī (عبد الله العمري العابد) dazu aufgefordert, mehr Zeit in Abgeschiedenheit zu verbringen und mehr fromme Taten zu vollbringen. ʿAbdullāh al-ʿUmarī war für seine Askese bekannt, also sein Verzicht auf die diesseitigen Güter und der Vielzahl der Gottesdienste. Daher war auch eines der Beinamen ʿAbdillāhs „der Gottesdiener“ (al-ʿĀbid).
Der Brief, den Imām Mālik daraufhin schrieb, ist sehr aufschlussreich, zeigt er uns doch das Benehmen und ein richtiges Verständnis auf.
Imām Mālik schrieb ihm Folgendes:
إِنَّ الـلَّـهَ تـعـالَـى قَـسَّـمَ الأَعْـمَـالَ كَـمَـا قَـسَّـمَ الأَرْزَاقَ ، فَـرُبَّ رَجُـلٍ فُـتِـحَ لَـهُ في الـصَّـلاةِ وَلَـمْ يُـفْـتَـحْ لَـهُ في الـصَّـوْمِ ، وَآخَـرَ فُـتِـحَ لَـهُ في الـصَّـدَقَـةِ وَلَـمْ يُـفْـتَـحْ لَـهُ في الـصَّـوْمِ ، وَآخَـرَ فُـتِـحَ لَـهُ في الْـجِـهَـادِ , وَنَـشْـرُ الْـعِـلْـمِ مِـنْ أَفْـضَـلِ الأَعْـمَـالِ ، وَقَـدْ رَضِـيـتُ مَـا فُـتِـحَ لِـي فِـيـهِ ، وَمَـا أَظُـنُّ مَـا أَنَـا فِـيـهِ بِـدُونِ مَـا أَنْـتَ فِـيـهِ ، وَأَرْجُـو أَنْ يَـكُـونَ كِـلانَـا عَـلَـى خَـيْـرٍ وَبِـرٍّ
Gewiss, Allāh der Erhabene teilt die frommen Taten zu, genauso wie Er die Versorgung unter den Menschen zuteilt. Es kann sein, dass Er einer Person den Weg zu mehr rituellen Gebeten öffnet, aber nicht den Weg, mehr zu Fasten. Und einem anderen öffnet Er den Weg zu einer milden Gabe, aber nicht zu mehr Fastentagen. Einem anderen öffnet Er den Weg zur Anstrengung auf dem Wege Allāhs.
Und das Verbreiten des Wissens gehört zu den vorzugswürdigsten Taten und ich bin zufrieden mit dem, was Er mir darin öffnete. Ich denke nicht, dass ich mit weniger beschäftigt bin, als du es bist.
Ich hoffe, dass wir beide auf dem Weg der Güte und der Aufrichtigkeit sind.[note]aḏ-Ḏahabī in Siyar al-ʿAlām an-Nubalāʾ (Biographien vornehmer Gelehrtengrößen), online hier und hier[/note]
Das Schreiben Imām Māliks ist ein Beispiel der guten Anstands und der Bescheidenheit. Daneben enthält er eine profunde Weisheit, nämlich, dass jeder in einem bestimmten Bereich im Erreichen Allāhs Angesichts gut ist und gut sein kann. Dies bedeutet nicht unbedingt, dass er in anderen Gottesdienste die gleiche Stärke und das gleiche Talent aufweist.
Einer kann eine große Liebe für freiwillige Gebete (nawāfil) entwickeln, ein Anderer kann mit einem großen Vermögen oder viel Zeit gesegnet sein, sodass er viel spendet, mit einem Lächeln oder schönen Worten erfreut – dies alles gehört zu den milden Gaben (ṣadaqa). Manche sind sehr talentiert in der Führung von Menschen, im Organisieren von Veranstaltungen und im Dialog mit den Menschen. Andere wieder in der Aufnahme von Wissen und dem Verwalten von Beständen.
Imām Mālik schreibt, dass Allāh die Taten zuteilt, so wie er die Versorgung (arzāq) zuteilt. Mit letzerem meint er die materielle Versorgung wie Essen und Trinken. Wenn man das Wort aber weiter versteht, so gehören im Grunde auch die Taten zur Versorgung des Menschen. Fallen Zeit sowie Talent nicht in die Beschreibung der Gottbewussten von Allāh in Sūrat al-Baqara, wenn Er sagt, dass sie „von dem ausgeben, womit wir sie versorgt haben“[note]2:3[/note]?
Schließlich deutet Allāh auch in Seiner Rede darauf hin, als Er sagt, dass „diejenigen die sich unseretwegen anstrengen, Wir ganz gewiss auf unsere Wege leiten werden“[note]29:69[/note]. Es geht hier nicht nur um einen Weg zu Allāh, sonderen um mehrere Wege (subul).
Der Prophet (sas) sprach in diesem Sinne von den Leuten des Gebets (ahl aṣ-ṣalāt), von den Leuten des Fastens (ahl aṣ-ṣiyām) und von den Leuten der Anstregung (ahl al-ǧihād), die durch verschiedene Tore des Paradieses in die göttliche Barmherzigkeit eintreten werden[note]Gesammelt unter anderem bei Buḫārī, Buch 30 [Kitāb aṣ-Ṣaum], Hadīṯ 7, online hier[/note]. Drückt dies nicht die Tatsache aus, dass jeder Mensch für eine bestimmte Art von Gottesdienst einen Vorzug entwickelt?
Auch Ibn Masʿūd wurde, ähnlich wie Imām Mālik gefragt, warum er nicht mehr faste. Seine Antwort war:
>>Wenn ich faste, schwächt dies meine Fähigkeit den Qurʾān zu lesen. Und den Qurʾān zu lesen ist mir lieber als das freiwillige Fasten.<<[note]Überliefert unter anderem in al-Ǧazrī, an-Našr fī Qirāʾat al-ʿAšr, online hier[/note]
Möge Allāh uns zu einer Gemeinschaft machen, die ihre Stärken erkennt und sie auf dem Weg Allāhs einsetzt.
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