Bismillāh.
Das Freitagsgebet mit der dazugehörigen Predigt, der Chutba, gehört zu den am häufigst wiederkehrenden, gemeinschaftlichen Gottesdiensten. Während es viele Abhandlungen über der äußeren Normen dieses Gottesdienstes gibt (Fiqh), sind bisher nur wenige Beiträge vorhanden, die es in ihrer spezifischen Form, eingebettet in unserer hiesigen, deutschsprachigen Umgebung betrachtet und die Prediger (Chutabaaʾ) weiterbringt.
Dieser Beitrag will genau dies leisten und ist nicht nur für die jungen Prediger gedacht, sondern alle interessierten Muslime und Nichtmuslime.

I. Formelle Grenzen und Herausforderungen

1. Formelle Grenzen der Chutba

Unter „formelle Grenzen“ verstehe ich die Beschränkungen, die die Chutba als ritualisierte Form des Gottesdienstes mit sich bringt. Sie ist in seiner Form und Eigenart durch den Qur’aan und die Sunna des Propheten (sas) vorgegeben. Das bedeutet, dass die Arkaan und die Sunan beachtet werden müssen. Der zeitliche Rahmen ist nicht starr, aber die tatsächliche Praxis geht dahin, dass meist eine bestimmte, kurze Dauer eingehalten wird. Es wird das Prophetenwort überliefert, dass die Chutba kurz und das Gebet lang gehalten werden soll.

Die Freitagspredigt ist gekennzeichnet dadurch, dass der Chatiib die Chutba al-Ḥaadschah spricht, dabei steht und die Gläubigen sitzen. Die Gläubigen haben zuzuhören und Ablenkungen sind verboten. Es findet keine „Interaktion“ im Sinne eines klassischen Schulunterrichts statt. Die Gläubigen melden sich etwa nicht und bringen eigenen Wortbeiträge. Es wird kein Beamer eingesetzt und es werden keine Handouts verteilt. Die Chutba wird abgeschlossen durch das Freitagsgebet, das heisst es findet eine Zäsur statt. Auch danach wird der Chatiib nicht über den Inhalt seiner Chutba befragt, es kommen normalerweise keine Nachfragen. Die archetypische Chutba ist eine Predigt, die keine Fragen offen lässt und für jeden verständlich und motivierend ist.

Die Zuhörer sind sehr unterschiedlich, haben – anders bei etwa einem Seminar – im höchsten Maße unterschiedliche Verständnishorizonte. Dies liegt daran, dass das Freitagsgebet verpflichtend ist. Es kommen beispielsweise Gläubige zu Chutba, die unter Umständen sich nicht innerhalb einer Gemeinschaft sich mit den islamischen Lehrinhalten auseinandersetzen.

Es lassen sich bestimmt weitere Eigenheiten der Chutba aufzählen, die dazu führt, dass es einer spezifisch religionspädagogischen Antwort auf diese Vortragsform bedarf.

2. Herausforderungen der Chutba in Deutschland

In Deutschland ist nach wie vor die Problematik der Sprache vorhanden. Vor allem die älteren Mitglieder möchten eine Predigt auf ihrer Muttersprache hören – türkisch oder arabisch etwa – und vor allem die jüngeren Mitglieder fühlen sich stärker der deutschen Sprache verbunden. Die inhaltliche Ausgestaltung der Chutba wird in den Moscheen der DITIB und der Milli Görüş zentral gesteuert, das heißt die Predigten sind einheitlich vorgegeben. Sie werden aus dem türkischen übersetzt und enthalten oft Bezüge auf kulturelle oder nationale Besonderheiten der Türkei, sei es auf aktuelle politische Geschehnisse oder nationale Gedenktage (beispielsweise: Erinnerung an Çanakkale Savaşı). Das ist insofern problematisch, als diese Bezüge geringe Relevanz im deutschen Kontext haben.

Damit hängt zusammen die Problematik der Imaamausbildung: Sie steckt in Deutschland in den Anfängen und es stellt sich die Frage, wie junge Leute dazu gebracht werden können, die Ausbildung beispielsweise zum ordnungsgemäßen Qur’aanlesen ernst zu nehmen und nicht vorzeitig abzubrechen. Auch wenn man das Konzept des zentralisierten Chutbainhalts ablehnt, muss eine inhaltliche Überprüfung stattfinden, da man vermeiden will, dass die Chutba inhaltlich nicht passend oder problematisch ist.

II. Die Chutab des Propheten (sas)

Es liegt nahe, die Chutab des Propheten zu analysieren, um mögliche Lehren für unsere heutigen Freitagspredigten zu gewinnen. Es wird überliefert, dass der folgende Wortlaut ein Teil seiner ersten Chutba, im Sinne von verpflichtender Freitagspredigt, war:

„O ihr Menschen, schaut, dass ihr die Werke vollbringt, die euch retten werden. Wahrlich, wisst: Jeder von euch wird zur Erde zurückkehren und die Herde wird ohne Hirte zurückgelassen werden. Dann wird der Herr ohne Übersetzer und ohne hinter einem Vorhang zu sein, sagen: Ist mein Gesandter nicht zu dir gekommen und hat dir übermittelt? Habe Ich dir nicht Vermögen gegeben und dir nicht Gnade erwiesen? Was hast für dich selbst vollbracht?

Daraufhin wird der Diener zu seiner Rechten und Linken schauen und nichts sehen können. Daraufhin wird er nach vorne schauen und nichts als die Hölle sehen.

Daher sollte jeder, der die Möglichkeit dazu hat, sein Gesicht vor dem Feuer zu schützen versuchen, und sei es durch die Hergabe einer halben Dattel. Denn dort wird dem Guten mit dem zehn- bis zum 700-fachen vergolten. Der Friede Allaahs, Seine Barmherzigkeit und Segen seien mit euch.“1

Wir können hier erkennen, dass der Prophet (sas) die Gläubigen direkt mit einer Handlungsaufforderung anspricht. Die Anrede und Handlungsaufforderung („Vollbringt gute Taten“) gehen ineinander über. Danach schildert er die Zukunft eines jeden Menschen und umschreibt den Tod mit den Worten, dass „jeder von euch“ zur Erde zurückkehren wird. Der Kern der Ansprache sind die Schilderungen der Abrechnung am Tag der Auferstehung. Es fällt auf, dass der Prophet (sas) die Rede zwischen dem Menschen und Allaah in direkter Rede widergibt. Es ist die Beschreibung eines schlechten Ausganges am Tage der Auferstehung. Abschließend greift er (sas) die anfängliche Handlungsaufforderung auf und konkretisiert diese damit, dass er sagt, jeder solle etwas (als Spende) hergeben, und sei es nur eine Dattel. Die Belohnung werde vervielfacht werden bei Allaah.

Daraus kann man für die Chutba-Konzeption folgern, dass Beschreibungen, die direkte Rede widergeben, im Grunde also eine Art Geschichtenerzählungen hinsichtlich der Darbietung, eingebaut werden können. Dies hat den Vorteil, dass die Beschreibung der Thematik, hier der Tag der Auferstehung, verbildlicht und realistisch wird. Ein weiterer Punkt, den man hier hervorheben kann, ist der Abschluss der Chutba, der zum Handeln anregt. Man kann die Inhalte, die besprochen wurden, direkt umsetzen. Indem der Prophet (sas) sagt, dass bereits eine halbe Dattel als Spende ausreicht, kann die Handlung von jedem umgesetzt werden. Es sind keine Hürden vorhanden.

Es wird auch eine Predigt über Dschaabir bin ʿAbdillah überliefert, die seine erste in ar-Ranuuna gewesen sein soll:

„O ihr Menschen! Kehrt in reuiger Umkehr zurück, bevor ihr stirbt. Vollbringt gute Taten, bevor der Tag der vielen Sorgen kommt. Pflegt eure Beziehung mit Allaah, indem ihr geheim und offen Allaahs häufig gedenkt und viel spendet. Wenn ihr das macht, dann werdet ihr versorgt und euch wird geholfen werden. Ihr werdet ihn einen anständigen Zustand gebracht werden.

Wisst, dass so wie ich stehe, hier und heute, euch Allaah das Freitagsgebet bis zum Tage der Auferstehung zur Pflicht gemacht hat. Wer einen Imaam hat, egal ob einen guten oder schlechten, und ihn nicht wichtig nimmt oder ihn ablehnt und verlässt, dem soll Allaah keinen Erfolg geben und den Segen von seinen Taten aufheben. Wisst, dass derjenige, der nicht reuig umkehrt kein rituelles Gebet, kein Zakaat, keine Pilgerfahrt und keine guten Taten hat. Wer reuig umkehrt, dem wird Allaah seine Reue umkehren und ihn nicht bestrafen.

Und ihr sollt wissen, dass die Frau dem Mann, der Wüstenaraber dem Auswanderer, der Schlechte dem Gläubigen mit guten Taten, nicht Imaam sein kann, auch wenn der schlechte Mensch mit Gewalt, Schwert und Peitsche ihn niederdrücken sollte.2

In dieser Chutba geht es um die reuige Umkehr (at-Tauba) und die Pflichtigkeit des Freitagsgebets. Auch hier fällt auf, dass direkte Handlungsanweisungen gegeben werden. Außerdem ist diese Chutba, genauso wie die vorherige, kurz gehalten. Die Sätze sind ebenfalls kurz und eingängig. Entsprechend der Gewohnheit des Propheten (sas) ist der Inhalt leicht zu verstehen.

Auch hier werden unmittelbar die Vorteile einer guten Tat hervorgehoben. War es noch in der vorher erwähnten Chutba die jenseitige Belohnung, nimmt der Prophet (sas) Bezug auf die diesseitige Belohnung oder Hilfe, und zwar in Form von Versorgung durch Allaah und durch das Richten der Angelegenheiten. Anders gesagt: Der Prophet (sas) weist nicht bloß auf die Pflichten hin, da sie Pflichten zu machen, sondern auch auf die Vorteile, die der Mensch durch das Vollbringen der guten Taten im diesseitigen Leben erhält.

Als zweite Chutba des Propheten (sas) wird folgender Text überliefert:

„[…] Liebt, was Allaah liebt! Liebt Allaah mit eurem ganzen Herzen! Es soll nicht durch Allaahs Rede auf eure Herzen Verhärtung und Enge kommen. Denn Er ist derjenige, der das Gute von allem, was Er erschaffen hat absondert und auswählt. Er erwähnt die Gesegneten unter den Taten, die Auserwählten unter den Dienern und Guten unter den Geschichten. Er macht alles Erlaubte und Verbotene klar.

So betet nun Allaah an und stellt Ihm nichts zur Seite. Fürchtet Ihn in gebotener Furcht! Bekennt euch zu Allaah und bestätigt Ihn mit euren schönen Worten, die ihr spricht. Wisst, dass Allaah wütend ist, wenn das Versprechen zu Ihm gebrochen wird.

Der Friede soll mit euch sein.3

Diese Chutba ist so zu verstehen, dass der Prophet (sas) die Inhalte des Qur’aans anspricht und die Gläubigen motiviert, sich durch die Rede Allaahs inspirieren zu lassen. Die Geschichten des Qur’aans stellen Gläubige dar, die beste Art und Weise ihre Prüfungen gemeistert haben. Diese Geschichten wollen die Gläubigen dazu anhalten, beispielsweise den Propheten nachzueifern.

Außerdem werden in dieser Chutba die Basics des Islaam angesprochen, at-Tauḥiid und at-Taqwaa. Das zeigt, dass diese Themen wert sind wiederholt angesprochen zu werden. Dies vor dem Hintergrund, dass die Chutba in der medinensischen Phase stattfindet und man sich denken könnte, die Inhalte der Ansprachen des Propheten würden – parallel zu den medinensischen Offenbarungen – gehäuft rechtliche Themen enthalten. In Wirklichkeit sind diese rechtlichen Themen als Inhalte von Freitagspredigten nicht überliefert.

Abschließend wird auch folgende Predigt überliefert:

„[…] O ihr Menschen! Ich empfehle euch die Taqwaa an, denn der beste Ratschlag eines Muslims gegenüber einem anderen Muslim ist die Motivation hinsichtlich des Jenseits und das Anempfehlen der Taqwaa.

Meidet die Dinge, die Allaah euch hat meiden lassen. Es gibt auf diesem Weg keinen tugendhafteren Ratschlag und eine bessere Ermahnung des Muslims gegenüber einem anderen Muslim als dieses hier. Für einen Muttaqii gibt es hinsichtlich seines Jenseitsstrebens und des Erreichens seiner Wünsche keinen sichereren Weg als die Anbetung Allaahs, während er Ihn fürchtet und sein Inneres erzittert. Wer auch immer im Geheimen und Offenen, in jedem Zustand das Wohlgefallen Allaahs erstrebt, die Beziehung zwischen ihm und Allaah pflegt und seine Aufgaben der Anbetung erfüllt, der wird nicht nur im Diesseits lobend erwähnt, sondern es wird ihm auch Proviant sein, an einem Tag nach seinem Tod, an dem er der Taten bedarf, die er vorausgeschickt hat.

An jenem Tag, wenn jede Seele das, was sie an Gutem getan hat, vorfindet, ebenso was sie an Schlechtem getan hat, wünscht sie sich dann: Würde doch zwischen ihr und diesem ein weit entfernter Zeitraum liegen! ALLAAH warnt euch vor SEINER (Peinigung). ALLAAH ist den Menschen gegenüber allerbarmend.4

Bei dem, der sein Wort umsetzt und sein Versprechen hält, bei Allaah, bei dem gibt es kein Abweichen. Denn Allaah, der Mächtige und Erhabene sagt: ‚Das Gesagte wird bei MIR nie geändert. Auch füge ICH den Geschöpfen keinerlei Unrecht zu!5

Daher erbittet Allaahs Schutz bei euren gegenwärtigen und zukünftigen sowie offenen und geheimen Angelegenheiten. Wer Allaahs Schutz erbittet, dem verdeckt Allaah seine Sünden und vervielfacht seine Belohnung. Derjenige, der Allaahs Schutz erhält, der hat eine große Rettung errungen. Denn mit der Zuflucht bei Allaah und Seinem Schutz, wird der Mensch vor Seiner Strafe und Seiner Wut beschützt. Das Erbitten des Schutzes Allaahs erhellt die Gesichter, erfreut den Herrn und erhöht die Rangstufen.

Holt euch euren Anteil, aber – um Allaahs willen – begebt euch nicht in Übermaß und Streiterei in euren Angelegenheiten. Denn Allaah hat Sein Buch gesandt und Seinen Weg klar gelehrt, auf dass sie wissen, was richtig und falsch ist.

Tut Gutes, so wie Allaah euch Gutes getan hat. Seid feind den Feinden Allaahs. Versucht auf Seinem Weg euch entsprechend der Wahrheit anzustrengen. Denn Er hat euch ausgewählt und euch den Namen ‚Gottergebene‘ gegeben. ‚Damit jeder, der (als Polytheist) zugrunde geht, nach einem eindeutigen Zeichen zugrunde geht, und jeder, der dann (im Islam) lebt, nach einem eindeutigen Zeichen lebt.6

Die Kraft ist einzig mit Allaah. Daher erwähnt Allaah häufig und strengt euch an für einen Tag nach heute. Denn sicherlich, wer die Beziehung zwischen sich und Allaah pflegt, sich anstrengt bei seinen Gottesdiensten keine Mängel auftreten zu lassen, dem verbessert Allaah seine Angelegenheiten unter den Menschen. Denn Allaah bestimmt unter den Menschen, während die Menschen nicht bestimmen können. Er ist der Herrscher der Menschen, während die Menschen über nichts Herrscher sind. Allaah ist groß und die Kraft ist nur bei Allaah, beim Mächtigen.“7

Diese Predigt zeigt, dass es zulässig ist und sogar der Sunna des Propheten (sas) entspricht qur’aanische Ayaat nur in Ausschnitten und nicht in ihrer vollen Gänze zu erwähnen. Dies ist wichtig, da es manchmal als verpönt gilt, die Aya nicht vollständig zu zitieren. Der Prophet (sas) hat diese in seiner Chutba erwähnt, unmittelbar und organisch an seine vorherigen Worte anschließend, um seine Worte mit den Worten Allaahs zu belegen.

Auch der Inhalt dieser Chutba ähnelt in seiner Struktur den übrigen Chutab: Sie ist allgemein gehalten, es gibt keine „extravaganten“ Empfehlungen bezüglich der Gottesdienste – stattdessen wiederholt der Prophet (sas) ganz allgemein die Erwähnung Allaahs (adh-Dhikr), das gute Auskommen zwischen den Menschen und die Pflichterfüllung gegenüber Allaah. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass unter den Gläubigen Größen wie Abu Bakr oder ʿAli (ranhum) saßen, die wir als Vorbilder in Glaubenssachen nehmen, dann wird klar, dass diese Worte erst recht auch bei uns wiederholt werden müssen.

Weitere Chutab, die vom Propheten überliefert wurden und unter den Muslimen weit bekannt sind, sind die Chutba zur Öffnung von Mekka8 und die verschiedenen Abschiedspredigten in Mekka, Arafa und Mina9. Meist werden diese Chutab einheitlich als eine „Abschiedspredigt“ (Chutba al-Wadaaʿ) überliefert.

III. Der Stil einer Chutba

Vor dem Hintergrund formellen Beschränkungen (s.o. II. 2.) ist bei einer Chutba zunächst darauf zu achten, dass sie nicht monoton ist10. Das wichtigste Werkzeug des Chatiib ist seine Stimme und der Inhalt seiner Predigt, er hat keine unterstützenden Mittel wie zum Beispiel ein Handout oder ähnliches. Wie wir oben bei einer genauen Analyse der Chutab des Propheten zu sehen ist, nimmt er nicht nur eine einzige Thematik zur Hand, wie zum Beispiel das rituelle Gebet und bespricht sie in allen Einzelheiten. Es ist eine Hauptthematik zu erkennen, die sich abwechselt zwischen direkten Handlungsaufforderungen, der Verherrlichung und Beschreibungen Allaahs (Seiner Größe und Macht), der Erwähnung der Vorteile eines gottbewussten Handelns für das Jenseits und das Diesseits sowie bildhaften Beschreibungen des Tages der Auferstehung. Zu der abwechslungsreichen Art trägt dazu bei, dass man sich einer guten und anständigen Sprache bedient. Dies lässt sich auch an den Chutab des Propheten (sas) belegen, der sich durchaus der Möglichkeiten der arabischen Sprache genutzt hat (Gleichnisse usw.), um seine Worte eloquent darzubieten. So muss das auch in den deutschsprachigen Chutab sein. Es ist ein Unding, wenn man bewusst schlechter spricht, nur, um nicht zu „deutsch“ (im Sinne des pejorativen alman) zu wirken.

Ein weiterer Punkt der zu beachten ist, ist der Einsatz von Mimik und Gestik. Wir sehen, dass der Prophet (sas) beispielsweise bei seinen Warnungen rot im Gesicht wurde oder bei Verheißungen sein Gesicht strahlte11. Der Chatiib sollte seine Hände einsetzen, um bestimmte Aussagen zu unterstreichen oder hervorzuheben. Dazu gehört zum Beispiel das Heben der Faust, um Solidarität zu signalisieren oder das Heben des Zeigefingers12. Die einzige Beschränkung, die der Chatiib in diesem Zusammenhang hat, ist, dass er während der Predigt nicht auf- und ab laufen kann, sondern auf seinem Gebetsplatz steht.

Die Sunna, dass man am Freitag sich gut kleiden soll, hat (besonders) auch der Chatiib zu beachten. Denn der Mensch ist durch das Aussehen eines Menschen beeinflusst, ob er will oder nicht13. Ein gepflegter Chatiib zeigt durch seine Erscheinung, dass er den Anlass ernst nimmt und sie erhöht seine Glaubwürdigkeit14. Danach sollte der Chatiib Augenkontakt suchen, gegebenenfalls einige Sekunden eine Person anschauen15, aber nicht eine Person fixieren oder regelrecht anstarren; dies entspricht schließlich auch nicht der Sunna des Propheten (sas)16.

Die Stimme und Tonlage des Chatiibs ist von entscheidender Bedeutung. Eine große Relevanz kommt in diesem Zusammenhang der Organisation der Chutba zu: Zu oft ist die Akustik so schlecht, dass die Worte nicht an den Zuhörer gelangen. Es ist zu beachten, dass der durchschnittliche Mensch etwa 150 Wörter pro Minute spricht und der durchschnittliche Mensch etwa 500 Wörter pro Minute aufnehmen kann17. Es kann also sein, dass die Zuhörer schneller denken als der Chatiib spricht und daher sich ablenken lassen. Pausen können durchaus genutzt werden, um Spannung aufzubauen.

Die Chutab sind zeitlich deutlich zu beschränken. Ausgehend von der Prämisse, dass der Qur’aan die beste Rede ist, ist vom Propheten (sas) anempfohlen, dass das rituelle Gebet länger sein soll als die Predigt18. Die Chutab des Propheten (sas) haben wohl zwischen fünf und zehn Minuten gedauert19. Aus meiner Sicht rechtfertigt der zeitliche und örtliche Abstand zum Propheten (sas) keine substantielle Änderung dieses Prinzips, etwa mit Verweis darauf, dass heutzutage die Gläubigen eine längere Chutba nötig hätten oder wegen der Fülle unserer Herausforderungen mehr anzusprechen sei. Der Chatiib merkt deutlich, wenn die Zuhörer die „Aufmerksamkeitsgrenze“ überschreiten und anfangen wegzudösen oder ähnliches.

Abschließend ist die Chutba nicht nur durch den Freitag an sich geprägt, sondern genauso durch die anderen Tage. Dies gilt bezüglich des Lebenswandels des Chatiib, der, anders vielleicht ein „gewöhnlicher Lehrer“ eine bestimmte moralische Integrität, Vertrauenswürdigkeit und ein gottbewusstes Leben aufzeigen muss. Kurz: Er muss sich seiner Vorbildstellung bewusst sein.

IV. Fazit und Ausblick

Diese Arbeit hat einige Chutab des Propheten (sas) analysiert und gezeigt, dass man aus ihnen Nutzen ziehen kann hinsichtlich der thematischen Ausrichtung einer Chutba und ihre Darbietung. Sie sind nämlich allesamt kurz, einfach (aber nicht vereinfachend) und handlungsbezogen. Sie nutzen die Möglichkeiten der Sprache und sind eingängig sowie abwechslungsreich.

Der Chatiib hat sich die formellen Beschränkungen einer Chutba bewusst zu machen. Anders als bei anderen Darbietungen hat er im besonderen Maß auf sein Erscheinungsbild, seine Stimme sowie Mimik und Gestik zu achten und bewusst einzusetzen. In der bundesdeutschen Imaamausbildung ist es sicherlich geboten, auf die hier in dieser Arbeit aufgezeigten Weise vorzugehen, das heißt die Chutab des Propheten als Ausgangspunkt zu nehmen und systematisch Themen wie Lautstärke, Tonlage, Erscheinungsbild sowie äußere Rahmenbedingungen (Sicherstellen einer guten akustische Ausbreitung, Erscheinungbild der Moschee) zu behandeln.

VI. Quellenverzeichnis

Alkhairo, Wael (1998): Speaking for Change. A Guide to Making Effective Friday Sermons (Khutbas). Beltsville: amana publications.

Bayraktar, Mehmet Faruk (1997). Türkiye’de vaizlik (tarihçesi ve problemleri). Istanbul: IFAV.

Kazancı, Lütfi (1999): Peygamber Efendimizin Hitâbeti. Istanbul: Marifet Yayınları.

1 Übersetzt aus Kazancı (1999): S. 263.

2 Übersetzt nach Demir (1998): S.55f.

3 Übersetzt nach Demir (1998): S.57f.

4 Qur’aan, 3:130

5 Qur’aan, 50:29

6 Qur’aan, 8:42

7 Übersetzt nach Demir (1998): S.59-61.

8 Vgl. Kazancı (1999): S. 279-281

9 Vgl. ebd.: S. 280-289.

10 Vgl. Bayraktar (1997): S. 77.

11 Vgl. ebd.: S. 89.

12 Alkhairo (1998): S. 32.

13 Vgl. Alkhairo (1998): S. 30.

14 Vgl. ebd.: S. 31.

15 Vgl. Alkhairo (1998): S. 32.

16 Vgl .Bayraktar (1997): S. 77.

17 Vgl. Alkhairo (1998): S. 17.

18 Vgl. ebd.: S. 41f.

19 Vgl. ebd.: S. 41.