Ich habe eine sehr lange Zeit gebraucht um das zu realisieren, aber als ich es dann schließlich getan habe, habe ich mich gefühlt, als ob ich in eine neue Welt der Befreiung getreten wäre.
Es ist in Ordnung für mich mittelmäßig zu sein. Was meine ich damit? Lasse mich kurz erklären.
In diesen Tagen und Jahren der Technik hat Religiösität ein neues Medium des Ausdrucks gefunden: das Internet. Durch dieses Medium sind so viele Muslime die Hauptattraktion von jedermanns Profilseiten und YouTube Wiedergabelisten geworden.
Die Möglichkeit durch soziale Medien ein perfektes Selbstbildnis zu erschaffen, hat den Weg für eine neue Generation von Muslimen geebnet: lokale und internationale Superstars deren Zitate ‚getweetet‘ und Fotos von Hunderten ‚gelikt‘ werden.
Sogar wir Laien haben eine Nische in dieser digitalen dunya (Leben) gefunden: unsere Biographien, Statusmeldungen, Posts und Bilder sind die Sichtbarwerdung unserer religiösen Selbstwahrnehmung. Es braucht nicht lange bis sich auch die Art und Weise wie uns andere wahrnehmen ändert. Mit jedem Stückchen der Religiösität die wir online teilen steigt auch unsere Frömmigkeit und unsere Stellung in ihren Augen.
Ich sage nicht, dass online da’wa (Einladung zum Islam) und ähnlicher Aktivismus schlechte Dinge sind. Ich würde sogar lügen, wenn ich behaupten würden, dass ich nicht sehr von Seiten/Blogs/Videos von bestimmten Leuten profitiert habe. Und ich bete aufrichtig zu Allah, dem Erhabenen, dass er jeden Einzelnen von ihnen segnet. Aber hier will ich vielmehr die übergeordneten sozialen Folgen des Muslimseins im Internetzeitalter besprechen.
Ich habe das Gefühl, dass es ein Druck gibt mitzuhalten für diejenigen die in den sozialen Medien aktiv sind. Es kann sein durch Bilder in der wir unsere akkurat sitzenden Kopftücher oder unsere gepflegten Bärte zeigen. Oder dadurch dass wir in unseren Biographien erwähnen, dass wir eine „Muslima“/ein „Muslim“ sind unsere religiöse Einstellung die „Din (Religion) Allahs“ ist – wisst ihr worauf ich hinaus will? Es scheint auch, dass Dinge wie Hijab Fashion Videos hochzuladen, oder sich an den „Muslim Vines“ zu beteiligen oder eine Reihe von Qur’ânverse zu posten, die Notwendigkeit für jeden Muslim ist der online ist.
Egal wo ich schaue, ich fühle mich als ob ich einen neuen Prediger, Scheich (religiöser Lehrer), Schüler des Wissens oder ein außergewöhnliches Video finden würden.
Ich weiß nicht was es ist, aber es fühlt sich komisch an mit diesen Dingen bombardiert zu werden. Was heißt es wirklich als Muslim online zu sein?
Die Befreiung von der ich eingangs sprach, kam mit der Erkenntnis dass es in Ordnung ist mittelmäßig zu – eine gewöhnliche Muslima die gewöhnliche Dinge tut. Meine islamische Anstrengungen werden vielleicht nicht hervorgehoben in einem Tweet oder einem Foto, aber das heißt nicht dass sie nicht existieren. Ich bin vielleicht keine Sprecherin, Video-Bloggerin oder jemand „Bekanntes“. Aber das Unbekanntsein vor den Menschen bedeutet nicht, dass man vor Allah unbekannt ist. Es ist in Ordnung mittelmäßig zu sein… gewöhnlich.
Ich meine nicht mittelmäßig in der Religion – wir sollten jeden Tag versuchen uns als Muslime zu verbessern! Was ich meine ist, dass du kein online super duper Star sein musst um deine Aufgaben als Muslim zu erfüllen. Wir müssen nicht die Welt über jede Minute unserer religiösen Leben benachrichtigen. Versteht mich nicht falsch. Ich bin eine starke Befürworterin für online da’wa, aber nach meiner Ansicht richten diese überreligiösen Karikaturen von uns mehr Schaden an als dass sie Nutzen bringen.
Es ist erschreckend wie viel unseres religiösen Lebens in die Online-Welt eingezogen ist. Ist denn nichts mehr heilig? In unserem Versuch uns religiös darzustellen ist vielleicht unsere ursprüngliche Absicht verlorengegangen. Zum Beispiel kann der Unterschied zwischen unserem „Online-Ich“ und unserem „real life Ich“ erschreckend groß sein. Entweder werden wir das bemerken und uns bessern oder – und das ist häufiger der Fall – wir werden uns einreden wie toll wir sind. Wir können übersehen, dass während unsere qur’ânische Âya hunderte von Likes und Shares bekommen hat, unser echter Qur’ân ungelesen herumliegt. Und obwohl wir fleißig Fotos der islamischen Studienzirkeln/-kreisen/-konferenzen die wir besucht haben oder die Hochzeitsfotos die wir organisiert haben, teilen, kann es sein dass unsere persönlichen Beziehungen in Scherben liegen.
Ich habe gemerkt, dass viele von uns – Redner, Schuyûch (religiöse Lehrer) wie auch die Zuhörer viel zu viel Zeit online verbringen. Herr habe Gnade. Woher finden die Leute Zeit lange, komplizierte fatawah (religiöse Rechtsmeinungen) zu posten? Oder Zeit für sinnlose Diskussionen darüber? Wieviel Zeit opfern wir um unser pseudo-religiöses Online-Bild zu verfeinern, bearbeiten und perfektionieren? Und wieviel Zeit verbringen wir um unser Charakter und unsere Bindung zu Allah zu perfektionieren?
Für diejenigen die glauben, dass sie etwas Falsches gemacht haben, dass sie kein bekanntes Gesicht in der hipster-artigen digitalen dunya Szene sind – nur keine Panik. Du machst nichts Falsches, du wirst nur bombardiert von denjenigen die glauben etwas Richtiges zu tun.
Hier ein Zitat das zusammenfasst was ich mit diesem Beitrag auszudrücken versuche:
„Nur weil jemand nicht Facebook als Plattform nutzt um den Islam/die Religion zu erklären und alles mit islamischen Symbole zupflastert, bedeutet das nicht, dass er keine religiöse Person wäre. Du weißt nicht wessen Herz reiner ist oder wessen Gottesdienst besser ist durch so ein triviales Mittel wie Facebook – es ist ein schlechtes Mittel um Menschen einzuschätzen. Außerdem tragen Menschen zum Islam in vielfältigen Wegen bei. […] Denke zweimal darüber nach, bevor du einen Menschen sein Online-Ich beurteilst.“
— Olivia K
Die beste Art zum Islam beizutragen ist wohl, der lokalen Gemeinschaft zu helfen. Verpflichte dich einer Gemeinschaft.
Und Allah der Erhabene weiß es am Besten.
Von Ubah (The Digital Dunya: Why I’m OK With Mediocre), übersetzt und leicht verändert von Jeanne.
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