Bismillāh.
„Es gibt nichts, worin Güte ist, außer dass es dadurch verschönert wird und es gibt nichts, worin Härte ist, außer dass es dadurch häßlich wird. So sei gelassen, O ʿĀ’ischa.“
Die obigen Worte sprach unser geliebter Prophet (sas) gegenüber seiner Frau ʿĀ’ischa (ra). Eine Gruppe von Leuten kam am Propheten vorbei und machten sich über ihn lustig, worauf unsere Mutter ʿĀ’ischa wütend wurde und sie zu verfluchen begann.
Als der Prophet (sas) sich zu ihr wandte, äußerte er diese Worte und gab ihr zu verstehen, dass sie gelassen bleiben und nicht ihre Selbstbeherrschung verlieren soll, sogar wenn eine persönliche Beleidigung im Raume steht. Dieser Mann, unser Prophet (sas), war die Säule der Ruhe in einem Ozean des Chaos. Unsere Mutter ʿĀ’ischa tat dies aus reiner, aufrichtiger und unnachgiebiger Liebe gegenüber dem Propheten (sas). Nicht aus Hochmut oder Stolz. Ihre Wut wurzelte in einer Liebe, in einem Wunsch den Propheten zu schützen vor denjenigen die ihn hassten. Möge Allah mit ihr zufrieden sein.
Leider reagieren aber viele von uns mit Härte, wenn sie vor einer religiösen Meinungsverschiedenheit stehen, insbesondere innerhalb unserer eigenen Ummah – nicht aus Liebe sondern aus Hochmut heraus. Wenn wir uns selbst betrachten und besonders diejenigen, die die Schüler des Wissens oder Gläubige sind, die sich zu verbessern versuchen, kann oft eine tragische Feststellung getroffen werden: Religiösität macht Leute oft zu Idioten.
Viele haben die Geschichte selbst erlebt: Ein junger Mann oder eine junge Frau, die stets freundlich und vornehm war, Leute gut behandelte, wird plötzlich eine Person, die genervt ist, wenn sie Leute trifft, die eine andere theologische Meinung haben. Er zeigt Wut, wenn Argumente gegen seine Sicht vorgelegt werden. Am Ende urteilt er über Leute und meint, dass jene-oder-jene Ansicht Zeichen von Glaubensverweigerung sei.
Wenn ihm gesagt wird, er solle sich abregen und aufhören so harsch zu sein, kommt diese Antwort oder eine ähnliche:
- „Bruder, ich gebiete das Gute und verwehre das Schlechte!“
- „Wir verteidigen die Sunnah!“
- „Wenn die Leute hart gegenüber der Sunnah sind, so sind wir hart in seiner Verteidigung.“
Eine andere Art und Weise, wie Menschen hart und unnachgiebig sind, ist wenn sie eine bestimmte Stufe des Wissens erreicht haben und meinen jeden korrigieren zu müssen. Zu einem gewissen Grad ist dies normal: Besonders wenn man viel Wissen über den Islam in einer kurzen Zeit lernt, so sieht man die Fehler die man selbst gemacht hatte mit anderen Augen. Man weiß nun, dass man sich verbessern kann und sieht auch die gleichen Fehler bei anderen mit anderen Augen. Deswegen versucht man dieses Wissen weiterzugeben und korrigiert andere Leute.
Oder man hat eine gewisse Stufe des Wissens erreicht und ein bestimmte Inhalte, sagen wir zum Beispiel die Grundlagen des Tafsir (Uṣūl al-Tafsīr) oder die Wissenschaft der Rezitation (Tajwīd), sind einem bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Wenn ein Bruder oder eine Schwester in einem dieser Wissensbereiche macht oder unwissend, kann es sein, dass wir es als Katastrophe sehen – denn diese-oder-jene Thematik des Islams muss man doch kennen als Muslim! Wie kann es sein, dass der Bruder, sich noch nicht im Tajwīd auskennt!
Diese Gedanken führen zu Hochmut und nicht selten auch dazu, dass man das eigene Wissen ausbreitet und den Anderen vorführt. Dann heißt es: Glückwunsch. Dein religiöses Wissen hat dich zu einem unaustehbaren Menschen gemacht.
Das Gegenmittel
„Der Islam bringt uns zu Höhen, näher zu unserem Schöpfer, sodass wir uns in diese Lebensweise verlieben. Trotzdem schaffen es einige, den Islam zu einem Weg zu machen, um auf die Schöpfung mit hochmütigem Blick herab zuschauen.“
Dies passiert, weil irgendwann, auf dem Weg um Allah zu lieben, der Šaiṭān unsere Religiösität zu einem Mittel gemacht hat, um genau dies zu tun. Die Religion ist da um den Šaiṭān zu besiegen und sich an die Anbetung des Schöpfers zu binden.
Wenn wir Allah ist am Größten (Allahu Akbar), dann ist die wahre Bedeutung dieses Ausdrucks mit Blick auf die arabische Grammatik „Gott ist der Größte, über alle Dinge erhaben“ – einschließlich unserer Liebe, unseres Hasses, unserer Sehnsüchte, unserer Schwächen, unserer Träume, unserer Hoffnung und unserer eigenen Essenz. Wir sind nur erfolgreich im Erreichen unserer Wünsche durch Seine Erlaubnis und die Macht unsere Schwächen zu überwinden ist nur gewährt durch Seine Macht. Dieser Ausdruck wird formuliert um uns an Allahs Erhabenheit über uns selbst und und über jedes Element in unseren Leben zu erinnern. Es bestätigt die überwindende Macht, die Allah, der Erhabene, ist.
Der Šaiṭān entführt die Religiosität eines Individuums und leitet sie auf andere Wege. Was ist diese Umleitung? Statt Islam Islam sein zu lassen und der Seele zu erlauben, dass sie sich in den Wundern der Macht Allahs verliert, der unendlichen Liebe des Schöpfers, Seine umfassende Barmherzigkeit und die unermesslichen Tiefen Seines Wissens, Seine Fürsorge und Zuwendung hinsichtlich Seiner Schöpfung – bringt der Šaiṭān die Seele dazu, sich selbst zu lieben.
Wenn die Seele beginnt sich selbst zu lieben, wird sie nicht nur unzufrieden mit Gott selbst, sondern auch mit der Schöpfung Gottes. Sie sieht ihr eigenes Wissen, Meinung und Weltsicht als den anderen überlegen. Um die falsche Vorstellung der Bescheidenheit aufrecht zu erhalten, gibt sie sogar nach außen Bescheidenheit vor: „Ich bin niemand, ich bin nicht wissend“ – während sie versteckt Abneigung gegenüber denjenigen hegt, die andere Meinungen oder Ideen über den Islam haben.
Es ist leicht diese Tendenz in uns selbst zu entdecken. Dies passiert wenn unser religiöser Diskurs weniger über die Themen der Liebe zu Gott und Seinem Gesandten und die Wege der Selbstbesserung geht, sondern mehr über theologische Uneinigkeiten, juristische Feinsinnigkeiten und darüber, wie eine Gruppe schlecht und die andere gut ist.
Wenn die Religion nur noch daraus besteht, wie eine Person sie auf eine Weise praktiziert die uns nicht zufriedenstellt statt darüber, wie wir Gott zufrieden stellen, dann ist sie zu einem Werkzeug geworden um unser Selbstwertgefühl zu steigern.
Das heißt nicht, dass wir legitime Kritik im religiösen Diskurs ganz meiden sollten. Das Gute zu gebieten und das Schlechte zu verwehren ist ein essentielles Prinzip im Islam. Es geht auch darum Stichwörter vorzugeben, Debatten anzustoßen und Leitlinien zu bieten für andere Geschwister, die möglicherweise auf der Suche nach Orientierung sind.
Es geht auch nicht darum die Religiosität in den Hintergrund zu rücken, so nach dem Motto „Je weniger ich meine islamische Lebensweise thematisiere, desto umgänglicher bin ich.“ Die Lebensweise der Gottergebung entspringt der natürlichen Veranlagung (fiṭra). Religiös zu leben und Religion zu thematisieren ist daher „das natürlichste der Welt“. Es war nicht die Praxis des Propheten (sas) unentwegt über das Jenseits zu sprechen, er war balanciert, jedoch hat er (sas) den Islam als sein prägendes Element genommen.
Die Kunst ist es, zu wissen was eine gute Ermahnung gegenüber Geschwistern ausmacht, bei sich selbst die Ausprägungen der Hochmut entdeckt und versucht, in dieser Hinsicht sich zu verbessern. Sei bitte religiös, aber sei kein Idiot.
Übersetzt und ergänzt von Jeanne auf der Grundlage von Abdul Sattar Ahmed (Being Religious Without Being a Jerk).
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