Bismillāh.
Wenn du Leute fragst, was sie unter Freundschaft verstehen, so wirst du niemals die gleichen Antworten erhalten. Diese Erkenntnis ist Gemeinplatz. Nicht desto trotz habe ich bisher, wie bei vielen anderen Themen, auch bei der Freundschaft versucht eine möglichst allgemeingültige Antwort zu finden. Obwohl einige Aspekte dieses Themas von vielen Menschen in gleicher Weise beantwortet werden – nehmen wir Begriffe wie Respekt, Vertrauen oder Fürsorge, die mit Freundschaft verbunden werden – hätte ich nicht erwartet, dass mir die Formulierung eines zusammenhängenden Textes so schwer fällt.
Nachdem ich aber meine Gedanken habe in immer kürzeren Abständen habe kreisen lassen, denke ich, dass ich bereit bin, etwas zu schreiben, das diesem wichtigen Teil unseren Lebens gerecht wird.
Dabei will ich nicht so sehr die Freundschaft aus einer islamischen Perspektive betrachten, darüber wurde schon einiges geschrieben. Vielmehr möchte ich aufzeigen, dass ein Blick auf die Freundschaft wie ein Blick durch ein Prisma ist. Man erblickt verschiedene Sichtweisen, je nachdem, wie man das Prisma wendet.
Es ist unter anderem deswegen so schwierig darüber zu schreiben, da sich dieser Begriff ein „Regenschirm-Wort“ ist (Klaus-Dieter Eichler schreibt von einer „enormen Bandbreite und phänomenologische[n] Vielfalt des Wortes Freundschaft“), das viele Konstellationen umfasst: So kann jemand ein Freund in der Schule sein, in der Arbeit, die Ehepartnerin oder Ehepartner kann man als Freundin oder Freund bezeichnen, die Geschwister, die Eltern und die Verwandtschaft. Aelred von Rival schrieb über die Freundschaft mit Gott.
Um meinen Gedanken Struktur zu verleihen, habe ich – ja, wie kann es anders sein – mehrere Freunde gefragt, was sie unter Freundschaft verstehen. Eine nahe Bekannte schrieb mir sogar einen Brief darüber; ich wünschte mir von ihr auch, dass sie in ihrer Beschreibung einen Fokus auf literarische Figuren legt, da sie sehr belesen ist und Figuren kennt. Der Brief, den ich erhielt, hat mich tief beeindruckt, da sie es auf sehr schöne Weise schaffte, sowohl auf ihre eigene Weise diese Thematik anzugehen, wie auch ihre Treffsicherheit in Bezug auf meinen Wunsch zu beweisen. Dann merkte ich, dass es doch sehr große Unterschiede geben kann, wie man über Freundschaft denkt, und dass speziell meine briefschreibende Freundin doch in ihren Ideen mir sehr nah war.
Es gibt unzählige Bücher über die Thematik der Freundschaft. Es gibt philosophische Konzepte, Essays von Denkern, Belletristik die Freundschaften preisen und Gedichte die sie besingen. So kann man beispielsweise das Denken der Hannah Arendt als eine „Politik der Freundschaft“ auffassen (so wie in Jon Nixons vorzüglichen und empfehlenswerten Sachbuch) oder bei Schopenhauer, Kant, Kierkegaard oder de Montaigne schöne Abhandlungen über ihre Ansichten finden.
Sie alle erhalten Elemente, die uns bekannt vorkommen und die wir unwidersprochen übernehmen würden – trotzdem kommt man nicht umhin seine eigene Ansichten eines Tages darzulegen.
Dies will diese Beitrag leisten, wobei ich mich auf vier Schlagwörter beschränke und das Ziel verfolge aufzuzeigen, dass die Kompabilität unter Freunden auch von ihren Ansichten über Freundschaft abhängt und beeinflusst wird.
Verbindlichkeit
Verbindlichkeit ist die einzige Voraussetzung, die ich in allen meinen menschlichen Beziehungen voraussetze. Ich denke, dass sie eine essentiale Eigenschaft sowohl in der islamischen Arbeit, wie auch in der Freundschaft ist.
Ich bin niemand, der standardmäßige Erwartungen hegt. Was ich aber fordere und auch beständig gefordert habe, ist Verbindlichkeit. So ist eine verbindliche Handlungsweise Versprechen einzuhalten und Leute nicht in der Luft hängen zu lassen. Eine andere Handlungsweise ist es auf Anfragen verbindlich zu antworten, auch wenn es im Negativen ist.
Wenn ich zum Beispiel einen Freund einlade zu einem Essen, so ist es okay, wenn er absagt. Aber eine Zusage nehme ich als verbindlich an. Wenn man zusagt, dann sollte man zeigen, dass man dies auch einhält. Die Alternative, Unverbindlichkeit, halte ich für sehr abträglich.
Auf der anderen ist die Verbindlichkeit kein absolutes K.O.-Kriterium. Durch mein stetes Einfordern, sind auch einige Freunde mir gegenüber verbindlicher geworden. Eine unbeantwortete Mail oder Nachricht vergesse ich jedoch nicht. Ich lese an diesen Verhaltensweisen ab, inwieweit eine Person der Freundschaft Wert beimisst. Ich erwarte dahingegen meist keine Geschenke, Glückwünsche zum Geburtstag, große Ereignissen, Erinnerungen an gemeinsame Momente, Feiern und so weiter.
In der Partnerschaftsforschung spricht man von sogenannten „cues“. Dieser Ausdruck beschreibt eine Art „Anstupser“, die man in einer Beziehung braucht. Wenn man, wieder das obige Beispiel aufgegriffen, einen Freund zum Essen einlädt und er nicht kann, dann ist es wieder nicht besonders tragisch, falls er nicht schon verbindlich zugesagt hat. Dann ist er aber an der Reihe mit der Überlegung, wie man einen „Anstupser“ in Richtung Freundschaft machen kann. Will sagen, ich erwarte, dass er sich eine Gelegenheit überlegt um wieder gemeinsame Momente zu kreieren.
Vornehmheit und Vertrauen
Lange hatte ich den Begriff „Respekt“ im Kopf, doch nun denke ich, dass „Vornehmheit“ passender ist für das, was ich beschreiben möchte. Unter Vornehmheit meine ich in etwa jene Eigenschaft die im Arabischen als Ḥilm bezeichnet wird, Langmut.
Es gibt immer wieder Momente in Freundschaften, die kritisch sind: Missverständnisse, verschiedene Ansichten, die aufeinanderprallen und all die negativen Emotionen, die auch zwischen Freunden nicht ausgespart bleiben. Dies alles kann durch eine vornehme Art & Weise aufgefangen werden. In mehr als einen Moment war ich rasend wütend auf einen Freund – er schien unsere bisherige Bindung nicht zu achten, ich hatte das Gefühl alles machen zu müssen, damit die Bindung nicht abbricht. Ich wusste nicht mehr was ich tun sollte; aber ich wusste auch, dass dieses Gefühl des „inneren Feuers“ nicht neu war und dass wir mehr als einmal an einander vorbeigesprochen haben. Es wäre leicht gewesen ihn auch „zu entzünden“ und ihn in den Zustand zu bringen, in den er mich brachte.
Doch das ist es meist nicht wert. Man sollte ausdrücken, woran es hakt und was einen wütend macht, aber niemals jemanden eins auszuwischen. Gefühle sind fragil, man kann Menschen meist nie grundlegend ändern und man sollte sich überlegen, ob man nicht das Problem „auf die lange Bank“ schieben sollte. Ich habe oft Probleme auf die lange Bank geschoben, das bedeutet, dass ich versucht habe diese über einen längeren Zeitraum zu lösen. Schritt für Schritt. So weiß man nicht was im Gegenüber vorgeht: Ist er krank (das war sehr oft der Grund!)? Fühlt er sich nicht verstanden? Fühlt er sich bedrängt? Hat er gerade andere Sachen im Kopf?
In all diesen Fällen lohnt es sich vornehm zu handeln: Einen Schritt zurück zu gehen, die eigene Irritation anzuerkennen, aber diese nicht am Anderen auszulassen. Wenn man über die eigenen Gefühle in Bezug auf die Freundschaft sprechen will, dann sollte man seine Worte mit sehr viel Bedacht und Genauigkeit wählen. Denn Gefühle sind immer subjektiv. Es kann schnell zu Missverständnissen kommen und es ist sehr sehr wahrscheinlich, dass der Freund nicht versteht was du meinst, wenn du in diesem emotionalen Zustand sprichst oder schreibst. Wichtiger ist es einmal positive Punkte in das Freundschaftssystem einzuschleusen, dann fällt es einem auch leichter weitere Schritte zu unternehmen.
Da die Freundschaften die ich habe, auf meist eine lange Zeit angelegt sind, hat es sich immer gelohnt so vorzugehen. Aber meine Erwartung ist auch die Vornehmheit. Lieber zu wenig sagen, als zuviel und äußerste Bedacht auf die Form zu legen. Denn erst die Form macht das Gesagte schön.
Diese Vornehmheit führt dann zu Vertrauen. Vertrauen ist für mich ein hoher Wert und ich setze es oft mit Verschwiegenheit gleich. Meine Natur ist die Introspektion und ich bin nicht nach außen gerichtet von daher, dauert es im Allgemeinen lange bis ich eine freundschaftliche Bindung aufbaue. Wenn diese Bindung dann hergestellt ist, dann experimentiere ich oft mit neuen Gedanken und neuen Konzepten.
Das führt bei manchen Leuten dazu, dass sie meinen, sie seien der Anlass für die eine oder andere verwegene Idee, die ich hege. Dann versuchen sie diese, meine Äußerungen, auf sich zu beziehen und fragen sich wie ich darauf komme. Meine Vorstellung von Freundschaft ist aber diesen geschützten Raum zu haben um neue Linien auszuprobieren, zu zeichnen und wieder herauszuradieren. Dies beeinflusst niemals meine Freundschaft zu dieser Person. Ich will keine sofortige Bewertung meiner Gedanken: Schlecht oder gut. Ich will auch nicht, dass mein Freund diese Gedanken sofort an zwei weitere Personen weitergibt. Er soll die Überlegung für sich behalten, wenn sie gut ist, dann greife ich sie wieder auf. Wenn nicht, dann war dies nur vorübergehend.
Deswegen geschieht bei mir die Entwicklung der Freundschaft meist nicht sehr stark durch das Zusammensitzen, sondern durch die gemeinsame Verflechtung der Gedanken und Übereinstimmung sowie Motivation.
Freiraum
Ich habe Freunde, die könnte ich sprichwörtlich auffressen. Sie sind sehr angenehme Leute, es macht Spaß mit ihnen Zeit zu verbringen und man lernt immer was bei ihnen dazu. Menschen können aber überdrüssig voneinander werden. Deswegen gewähre ich ihnen Freiraum, so wie ich es will, dass ich Freiraum erhalte. Andere Leute wollen Freunde, die sie möglichst jeden Tag sehen und jeden freien Moment mit ihnen verbringen wollen. Auch ich hatte in meiner Kindheit solche Freunde, ich habe praktisch jeden Tag mit ihnen verbracht. Und würde mit diesen Freunden heute Genau das Gleiche machen, jeden Tag mit ihnen verbringen wollen. Aber heutzutage haben wir so viel mehr Bereiche miteinander ausbalancieren, von Studium, Arbeit bis hin zur Familie. So bringt es nicht viel „aufeinander zu sitzen“, es hilft nicht sehr viel, wenn ich einen Freund habe, der keine Zeit mehr für die Familie findet wegen mir. Wenn es heute nicht klappt, dann morgen.
Deswegen muss das Ziel die „atmende Freundschaft“ sein – genug Freiraum, aber keine Bindungslosigkeit. Wenn ich auf die Person während einer zeitintensiven Phase nicht verzichten kann, mache ich meist aus, ihm ein paar Ideen oder Briefe schicken zu dürfen, damit wir uns das nächste Mal, wenn wir mehr Zeit haben, darüber unterhalten können. Ich bin kein Fan vom Small-Talk. Es bringt mir überhaupt nichts, wenn ich einen Freund sieben Mal die Woche sehe, aber nur zwei Minuten über das Wetter rede. So können auch keine Freundschaften gepflegt werden. Ich lasse daher manchmal das „Assalamu alaikum“ und „Wie geht’s dir“ weg und spreche gleich über die Themen, die ich – möglicherweise vor langer Zeit – angeschnitten habe. Und ich will auch, dass meine Freunde so verfahren, sonst kommt man nie zu den wichtigen Themen.
Am Ende habe ich so Freundschaften, die in Intervallen verlaufen, manche Freunde sehe ich fast täglich, manche monatlich, manche jährlich und so weiter. Solange die Bindung verbindlich bleibt und das Vertrauen da ist, damit man neue Ideen in den gemeinsamen Garten platzieren kann, ist alles gut.
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