Bismillah.

Mein Bruder und ich sitzen im Wohnzimmer, als ihm plötzlich ein Aufschrei entfährt. Ich schaue ihn an und frage mich, was wohl passiert ist. Er schaut entgeistert auf sein Handy und sagt: „Das kann nicht wahr sein! Chester ist tot!“ Ich schweige zunächst, unschlüssig darüber, was ich antworten soll.
Fünf Minuten später bekomme ich von meinem anderen Bruder ebenfalls die Nachricht, dass Chester Bennington sich sein Leben genommen habe.

Die Person über die sie sprechen, ist ein recht bekannter Musiker gewesen. Er feierte mit seiner Gruppe „Linkin Park“ seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten große Erfolge und prägte so viele Menschen mit seiner Musik. Viele Leute sterben tagtäglich, deswegen ist es leicht, zu sagen: „Wer war dieser Mensch, dass wir über ihn trauern, wenn er stirbt? Gibt es nicht wichtigere Sachen als das?“
Aber ich denke, diese Aussage trifft nicht den Kern der Sache, denn jedes Geschehnis lässt sich aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

A. Ein Blick in die Vergangenheit

Ein Tag im das Jahr 2003: Ein Teenager sitzt liegt in seinem Zimmer und hört Musik. Die Musik ist laut, die Klänge strömen aus einem bulligen, blauen CD-Player. Er hört nicht nur, er schreit. Dabei schreit er an gegen alles was ihm widerstrebt. Er schreit, da es ihn fühlen lässt, dass er „er“ ist. Er schreit, da er sich mit der Musik identifizieren kann. Das Lied ist in Dauerschleife, sie wird an diesem Tag fast ein Dutzend Mal laufen.
Die Passagen des Liedes in denen der Musiker laut schreit sind charakteristisch für diese Musikgruppe. Es ist die eben erwähnte Musikgruppe Linkin Park, die um diese Zeit herum ihren ersten kommerziellen Durchbruch hatte. Und der Junge, der mitsang, ja mitschrie, das bin ich selbst gewesen. Die Musik Linkin Parks war lange Zeit meine Begleiterin gewesen.

Diese Musikgruppe und andere Gruppen wie zum Beispiel Evanescence trafen den Geschmack vieler junger Menschen. Darum nennt man die Musik „Pop-Musik“, denn sie ist eben darauf ausgerichtet, populär zu sein und eine große Zielgruppe anzusprechen.
Ihre Themen drehen sich um die Probleme der Jugend, Selbstfindung, Drogenmissbrauch, Gewalt und Mobbing. Die Musiktexte sind recht allgemein gehalten, die Themen sind nicht sehr konkret angesprochen. Das trägt dazu bei, dass sehr viele Menschen sich mit ihnen identifizieren können.

Meine Liebe für diese Art von Musik war zum Teil dadurch getragen, dass ich rebellieren wollte. Ich wollte laute Musik hören und wissen, dass es andere Leute gibt, die sich auch unverstanden fühlen und dieses Gefühl artikulieren.
Viele Jugendliche durchleben diese Phase und sind „wilder“ als sonst. Das Lied das ich so oft hörte, heißt „Breaking The Habit“, also „Die Gewohnheit durchbrechen“. Chester Bennington beschreibt darin seine Anstrengungen die Drogensucht zu überwinden. Als er die Nachricht bekannt wurde, dass Chester tot ist, sich selbst umgebracht hat, waren seine Fans aus diesem Grund besonders traurig. Er hatte ihnen mit seiner Musik geholfen aus schwierigen Phasen herauszukommen. Er selbst hatte es am Ende aber „selbst nicht geschafft“.

Ich kenne die Biografie von Chester Bennington nicht. Aus seiner Musik sprechen aber Probleme die mit Drogenmissbrauch und mit Mobbing zu tun haben. Er hat auch im jungen Alter sexuellen Missbrauch, die Trennung seiner Eltern und den Tod von Freunden erlebt, soviel ist mir bekannt. Eine gefährliche Zusammenkunft aller Faktoren, die unter dem Begriff „Risikofaktoren für Suizid“ zusammengefasst werden.

B. Leben nehmen, Leben bewahren

Suizid. Dieses Wort hat mit seiner neutralen Besetzung beinahe den Begriff des Selbstmords abgelöst. Denn der Begriff Mord gilt als stigmatisierend. Ein Mörder ist ein Verbrecher. Ein Mensch, der sich selbst tötet nicht. In unseren westlichen Gesellschaften gilt das Selbstbestimmungsrecht. Dein Leben gehört dir, deswegen darfst du ihn dir frei nehmen. Deswegen auch der Begriff „Freitod“ oder „Selbsttötung“. Im Wirklichkeit besteht aber juristisch ein Spannungsfeld zwischen dem Wert der Selbstbestimmung und dem Wert des Lebens. Das zeigen die Diskussionen um die Strafbarkeit von Sterbehilfe und die Tatsache, dass du dich trotz allem strafbar machen, wenn du jemanden hilfst sich selbst zu töten. Aktuell erregt der Fall von Michelle Carter in Massachusets Aufsehen, die mit SMS ihrem Freund motiviert hat sich selbst zu töten und in einem viel beachteten Prozess zu 15 Monaten Haft verurteilt wurde.

Grundsätzlich versucht man also Selbstmorde zu verhindern, da man davon ausgeht, dass die Person die sich selbst tötet in den meisten Fällen nicht mehr Herrin ihrer Urteilsfähigkeit ist. Erst wenn klar ist, dass keine geistigen Beeinträchtigungen vorliegen, zum Beispiel eine schwere Depression, dann sollen ihr keine Hindernisse in den Weg gestellt werden. Sie darf selbstbestimmt „aus dem Leben scheiden“.

Die Sprache prägt das Denken. Während das westliche Recht und die vorherrschenden ethischen und moralischen Vorstellungen die Stigmatisierung ablehnen, sehen die größten Religionen den Selbstmord als Sünde. Sie würden also tendenziell weiter den Begriff des Selbstmords bevorzugen. Viel ist damit freilich nicht ausgesagt. Warum soll es Sünde sein, warum sollte Gott uns dies untersagen?

C. Was ist der Hintergrund?

In der Rede Gottes spricht der Erhabene über Situationen der Verzweifelung im Leben eines Menschen. Jeder der Propheten Gottes hatte mit Widrigkeiten zu kämpfen, doch am prägnantesten scheinen hier die Propheten Hiob und Jakob hervor. Hiob verlor alles: Frau, Kinder, Land, Besitz und seine Gesundheit. Jakob verlor seinen Sohn. Beide gaben nicht auf. Beide fielen in Depressionen, in schwere Verzweifelung. Jakob Augen wurden „weiß vor Trauer“ (12:84), er hielt aber seinen Kummer zurück und wandte sich zu Gott, den Erhabenen. Diese Gefühl kommen nämlich von unserem größten Feind, den Diabolos, der uns in Verzweifelung treiben will.
Diabolos ist ein Name des Satans, auf arabisch heißt er Iblīs. Iblīs kommt vom arabischen Begriff ablasa – yublasu – iblāsun, also „er verzweifelte“, „er wurde gefangen in der Verzweifelung“. Der Diabolos hat verzweifelt an der Barmherzigkeit Allahs. Allah selbst ist die Barmherzigkeit, ar-Raḥmatu. An Gott zu verzweifeln heißt deswegen an der Barmherzigkeit per se zu verzweifeln. Die Hoffnung aufzugeben, nicht mehr zu glauben an eine Besserung.

Ein Gelehrter sagte einmal sinngemäß: „Wenn der Mensch nicht an das Jenseits glaubt, dann wird er verrückt, wenn jemand stirbt, der ihm nahe steht. Er kann den Gedanken des Todes nicht aushalten.“
Ich hielt diese Aussage für übertrieben. Aber sie bestätigte sich, als ich einmal in das Ausland ging und jeden Tag zweimal an einem Friedhof vorbeigehen musste, da mein Wohnheim hinter dem Friedhof lag. Ein Friedhof ist kein angenehmer Ort. Sie hält unser Ende vor Auge. Jeder hat seinen Tag, die Leute die in ihren Gräbern liegen hatten ihren Tag. Sie haben ihr Leben gelebt, jetzt bin ich an der Reihe. Ich lebe meinen Tag und lege mich zu ihnen.
Deswegen sagte der Prophet (sas) auch dieses Bittgebet: „Ich wünsche euch Frieden, ihr Bewohner der Gräber von den Gottergebenen und Gläubigen. Wir werden uns euch ganz bestimmt anschließen. Wir wünschen euch und uns Wohlergehen.“ Sie sind gestorben, wir werden sterben. Das wird uns bewusst, wenn wir vom Tod anderer Menschen erfahren. Der Tod, ist aber kein Gedanke, die ein Gottgläubiger verdrängen sollte. Vielmehr ist es prophetisch anempfohlen, sich oft an die „Zerstörerin der Genüsse“ zu erinnern, da sie uns an den Lebenssinn erinnert.

Ein Mensch der nicht an das Jenseits glaubt kann verzweifeln. Ein Gläubiger kann das nicht oder soll das nicht. Der Diabolos will nämlich, dass wir aufgeben.
Wir können aufgeben…

…eine Stunde, sodass wir sie als verloren sehen. Nach dem Motto: „Bringt eh nichts mehr.“
…einen Tag.
…eine Woche.
…einen Monat.
…ein Jahr.
…ein Jahrzehnt.
…unsere Jugend, unser Erwachsensein, unser Alter.
…unser Leben.

Derjenige der die Hoffnung aufgegeben hat, will, dass wir die Hoffnung aufgeben. Für Iblīs ist der ultimative Erfolg, wenn wir unser Leben aufgeben. Er hat dann einen Sieg errungen, er kann gegenüber Allah dann triumphieren: „Habe ich es dir nicht gesagt? Der Mensch hat dich aufgegeben, O Allah! Er findet mich überzeugender als Dich, darum habe ich mich nicht vor ihm niedergeworfen!“
Wenn wir unser Leben aufgeben, dann ist das „Game over“. Wir bezeugen dann, dass es keine Besserung geben wird. Wir bezeugen, dass Gott nicht in der Lage sei, die Barmherzigkeit uns zukommen zu lassen. Wir weigern uns anzuerkennen – undzwar endgültig und final – dass Gott der Barmherzige sei. Und wir erklären den Diabolos zum Sieger. Wir nehmen uns ihn zum Vertrauten und Gott zum Feind, wo uns doch Gott darauf hinwies, dass der Satan der offenkundige Feind sei.

So leicht der Hintergrund dieses Geschehens zu verstehen ist, ist die Suizidgefährdung psychologisch gesehen durch ein komplexes Zusammenspiel von vielen Fakoren hervorgerufen. Unser Leben determiniert unsere Anfälligkeit dafür zu verzweifeln. Anders gesagt: Manche Menschen haben mit schlechten und schädlichen Gefühlen eine größere Prüfung als andere Menschen, auch wenn jede Person das Gefühl der Trauer und der Niedergeschlagenheit kennt. In so einer Situation keine psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, unter Verweis darauf, dass dies nur ein Problem des „schwachen Īmāns“ sei, ist fahrlässig. Hilfe in Anspruch zu nehmen ist islamisch geboten, denn in es gibt keine Trennung zwischen diesen Sphären. Der Mensch ist verpflichtet seine Gesundheit und sein Leben zu bewahren, undzwar unter Aufbringung all der vorhandenen Möglichkeiten.

D. Eine einprägsame Geschichte

Zum Abschluss möchte ich eine Geschichte weitergeben, die mir kürzlich ein sehr geschätzter Bruder erzählte und die gut zu diesem Thema passt.

Es lebten in einem Dorf zwei Brüder mit zwei Schwestern. Als die zwei Brüder einmal für eine längere Zeit eine Reise unternahmen, fragten sie den Mönch im naheliegenden Kloster, ob er nicht die Aufgabe übernehmen könne für die Schwester zu sorgen. Er solle jeden Tag Lebensmittel vorbeibringen und auf die Schwelle des Hauses der zwei Schwestern stellen. Der Mönch stimmte zu und freute sich über die Möglichkeit Gutes zu tun.

So begab es sich, dass er jeden Tag Lebensmittel einkaufte und auf die Türschwelle legte. Am nächsten Tag machte er das Gleiche und so zogen mehrere Wochen in das Land. An einem Tag war die Tür des Hauses aber offen. Der Mönch dachte sich: „Warum gehe nicht einfach bisschen herein und lege die Lebensmittel dorthin?“ Er machte dies, bis ihm die Idee kam die Lebensmittel auf den Tisch zu legen. Er betrat das Haus völlig und sah die eine Schwester. Beide überkam das Verlangen, der Satan überwältigte sie und sie hatten Umgang miteinander. Aus dieser Begegnung ging ein neues Leben hervor. Die Schwester wurde schwanger.
Dem Mönch kamen verschiedene Gedanken. Was sollte er machen? Was würde passieren, wenn dies herauskäme? Was würden die Brüder dieses Mädchens sagen? Der Satan flüsterte ihm ein: „Töte die Frau und ihr Kind und begrabe sie, ohne dass dies jemand bemerkte.“ Der Mönch hörte auf ihn und brachte die Frau um.

Die Brüder kamen nach vielen Monaten zurück und fragten den Mönch nach der verschwundenen Schwester. Er meinte, dass diese krank geworden und leider gestorben sei. Die Brüder waren traurig darüber und dankten den Mönch für seine selbstlose Hilfe in dieser Situation. Der Satan erschien aber eines Nachts in den Träumen der Brüder und verriet ihnen die Wahrheit und wo die Schwester mit ihrem Kind begraben wurde. Die Brüder hoben die Erde aus und entdeckten die Leiche. Sie schnappten sich den Mönch und beschlossen ihn umzubringen. Als die Schlinge um sein Hals gelegt wurde, erschien der Satan ein letztes Mal und sagte dem Mönch, er würde ihn retten. Er solle nur anerkennen, dass er, der Satan, der einzige Gott sei. Der Mönch sprach diese Worte in Hoffnung auf schnelle Rettung und bezeugte die Göttlichkeit des Satans. Da verschwund der Täuscher, der Mönch fiel in den Tod und verwirkte sein Diesseits und Jenseits.

Somit wird der Teufel zum „Dämon“. „Dämon“ ist ein Begriff griechischen Ursprungs, der einen Gott bezeichnet, der Böses und Gutes bewirken kann. Uns wurde aufgetragen den Satan nicht als einen Dämon zu akzeptieren, sondern als den der Er ist: einen Täuscher, Lügner und Feind. Und Gott als den Wahren, als derjenigen der Wort hält und Freund.