Bismillah.
In den Ayat 74 bis 182 werden eine Reihe von Prophetengeschichten in verschiedener Länge erzählt wie die der Propheten Noah, Abraham, Moses, Aaron, Elias und Jonas. Die Sura findet sodann ihr Ende, indem sie den falschen Glauben der vorislamischen Mekkaner hinsichtlich der ungesehenen Wesen (Dschinn) und der Engeln abweist.
A. Geschichte der Propheten Noah und Abraham
Zunächst wird die Geschichte von Noah und dem Propheten Abraham, der nach der Aya 83 zu seiner Gemeinde gehörte, erwähnt.
Laut der Aya befand sich Der Prophet Noah in einer sehr schwierigen Lage. Allah der Erhabene hebt sein Ruf und sein Bittgebet hervor und lobt ihn, dass er sich in der Zeit der Verfolgung durch sein Volk an Ihn wandte (vgl. 54:10). Ohne auf die genauen Einzelheiten der Geschichte Noahs einzugehen, sagt Allah, dass Er seinen Diener erhörte und ihn mitsamt seinen Angehörigen aus der schwierigen Lage errettete. Das Ende des Volkes Noahs war nicht etwa, dass das Menschengeschlecht sein Ende fand, sondern dass die gläubige Nachkommenschaft fortan eine feste Stellung auf der Erde entwickelte (37:77).
Deswegen war Noah einer der auserwählten Diener und immer wenn ihr über ihn reden, sprechen wir unsere Friedenswünsche für ihn aus (37:79).
Daraufhin wird die Geschichte des Propheten Abraham erläutert. Sein Leben können wir in drei Phasen einteilen: erstens in die Phase seiner Jugend, als er unter seinem glaubensverweigerndem Volk lebte; zweitens in die Phase seiner Auswanderung und seiner Heirat; und letzlich in die Phase seiner Vaterschaft.
In der Sura as-Saffat wird auf eine grandiose Weise die erste und dritte Phase seines produktiven Lebens beleuchtet.
Abraham war ein Mensch mit heilem Herzen (37:84). Er hatte also keines der Krankheiten in sich, die den Menschen oft plagen und vor allem hat er niemals das Anliegen Beigesellung zu betreiben. Folgerichtig streitet er mit seinem Volk um ihnen den Eingottglauben nahezubringen (37:84-86). Als er jedoch merkt, dass eine rein verbale Auseinandersetzung nichts bringt, schmiedet er einen bestimmten Plan und setzt seinen Plan in die Tat um. Er besteht darin, dass er in den Götzentempel eindringen und alle Bildnisse zerstören möchte (vgl. 21:57). Um dieses Vorhaben im Alleinsein zu realisieren entschuldigt er sich gegenüber seinem Volk, dass er sich nicht wohl fühle (37:89), sodass sein Volk ihn zurücklässt und ohne ihn zum Fest aufbricht.
Diese Aussage Abrahams („Gewiß, ich fühle mich nicht wohl“) hat die Gelehrten dazu veranlasst darüber nachzudenken, ob Abraham nicht eine „Notlüge“ gebraucht habe um sich dem Zugriff seines Volkes zu entziehen. Ohne die in diesem Zusammenhang zitierten Überlieferungen die in genauer zu benennen, können wir sagen, dass der Ausdruck „Innī saqīm“ (إِنِّي سَقِيمٌ) anders als etwa „marīḍ“ (مَرِيض) wohl weniger einen krankhaften Zustand im medizinischen Sinne als vielmehr – wie bereits gesagt – ein Unwohlsein ausdrückt[note]Linguistisch wird insofern eine Unterscheidung gemacht, als dass marīḍ eine vorübergehende und saqīm eine anhaltende Krankheit beschreibt; doch weisen die Sprachwissenschaftler darauf hin, dass auch eine schwache und schwachsinnige Rede mit diesem Ausdruck beschrieben wird (كلامٌ سقيمٌ) und dass man auch sagt, die Liebe hat ihn krank gemacht (أسقَمَه العِشْق) oder er empfindet Bosheit für seinen Bruder in seiner Brust (هو سقيمٌ الصّدْر علي أخيه).[/note]. Ohne Zwang können wir deshalb annehmen, dass dieses Unwohlsein von der Beigesellung seines Volkes herrührt und damit für uns die Diskussion über die „Notlüge“ in den Hintergrund rückt.
Die Sprache des Qur’âns zeigt uns, dass er sehr frustriert gewesen sein muss und dass er diese Option der Zerstörung der Götzen als seine allerletzte Möglichkeit sah.
Als sein Volk dann zu einem großem Fest verschwindet und er allein ist, geht er mit einer Axt in den Tempel und zerstört alle Götzen im Tempel. Zum Schluß bindet er dem größten Götzen die Axt um den Hals (37:88-93) und verlässt den Ort des Geschehens. Alsbald kehren die Bewohner der Stadt zurück und erkennen nach kurzen Überlegen in Abraham den Urheber der Zerstörung (vgl. 21:60-61). Obwohl Abraham mit ihnen weiter argumentiert und sie zum Nachdenken bringen will (und insoweit provokativ zu Protokoll gibt, dass die Zerstörung wohl von diesem Götzen mit der Axt um den Hals stamme), will sein Volk nicht bedenken und ihn schließlich umbringen.
Sie richten für Abraham einen Bau (بُنْيَانًا) her um ihn der Todesstrafe durch Verbrennen zuzuführen. Für uns im europäischen Kontext kommen an dieser Stelle Erinnerungen an Scheiterhaufen auf. Doch Allah der Erhabene macht das Feuer kalt und heil für Abraham (vgl. 21:69), sodass dieser die Strafe unversehrt überlebt.
Ohne Unterbrechung springt hier die qur’ânische Rede, nach der Auswanderung Abrahams, zu einer der bedeutendsten Episoden im seinem Leben: nämlich zum Befehl Gottes seinen Sohn als Schlachtopfer darzubringen, nachdem Abraham bereits im hohen Alter die Vaterschaft durch die Gnade Gottes erhielt. Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, ob der erstgeborene Sohn Ishaak oder Ismael war. Wir wollen uns jedoch wegen 21:85 an die Meinung halten, dass es hier um Ismael geht.
Es wird erzählt, dass der Befehl Gottes Abraham im Traum ereilte, als Ismael „das Alter erreichte, daß er mit ihm [also Abraham] laufen konnte“ (فَلَمَّا بَلَغَ مَعَهُ السَّعْيَ). Diese Wendung soll ausdrücken, dass Ismael bereits ein gewisses Alter erreicht hatte, sodass er beim Tagewerk seines Vaters zur Hand gehen konnte.
Sodann erzählt Abraham seinem Sohn, dass er im Traum gesehen habe, dass er ihn schlachte (37:102)[note]Es ist im Wortlaut des Qur’ân offengelassen, ob Abraham im Traume die Schlachtung durchführte oder lediglich zur Tat ansetzte. Doch die frohe Botschaft der Erfüllung des Traumes in 37:105 spricht dafür, dass er im Traum das Messer angesetzt und mit der Nachahmung im wirklichen Leben insofern den Traum erfüllt hat. Parallel dazu zu der Frage, ob der Prophet im Traum Mekka vor dessen Einnahme ganz betreten oder dazu angesetzt hat, vergleiche bitte mit 48:27.[/note]. Es folgt damit dem Prinzip der gegenseitigen Beratung und will somit seinem Sohn vorab mitteilen, welche schwierige Aufgabe ihm aufgegeben wurde. Doch Ismael, und dies spricht für seine geistige Reife, will sich dem Befehl Gottes beugen und meint, dass sein Vater das machen soll was ihm aufgetragen wurde. Er werde ihn, gemäß Gottes Gesetzmäßigkeiten, unter den Standhaften finden.
Die folgenden Âyât erzählen in charakteristisch knapper Form davon, was danach geschah: Ismael legt sich hin und lässt seinem Vater freien Lauf auf dass er seine Aufgabe vollbringe. Die Überlieferungen sprechen davon, dass Abraham sein Messer ansetzte und als er schneiden wollte, das Messer stumpf beziehungsweise der Hals Ismaels metallen wurde. Darauf kommen Engel herab und verkünden dass der Traum bereits wahr gemacht wurde und ein Widder wird gesandt, um an Statte des Ismael geopfert zu werden.
Also hatte Abraham mit der Entschlossenheit diese schwierige Aufgabe auszuführen seine Gottergebensheit bereits vollumfänglich bewiesen. Es war nicht weiter nötig, dass Menschenblut vergossen werden sollte.
Diese Geschichte der Opferung von Abrahams Sohn dient hernach als ein Sinnbild für das Gottvertrauen und die Ergebenheit eines Gottergebenen. Allah selbst bezeichnet in 16:120 Abraham als eine Gemeinschaft (d.h. er entsprach in seinem Glauben einem Kollektiv von Menschen). Wie bei den anderen Propheten wird ein Friedenswunsch über ihn gesprochen (16:108-109).
Das Judentum, das Christentum und der Islam nehmen in Anspruch auf diesen großartigen Menschen ihre Wurzeln zurückführen zu dürfen. Insoweit spricht man auch von den „abrahamitischen Religionen“. Aus qur’ânischer Perspektive verschleiert dieser Begriff, dass Abraham in Wirklichkeit Gottergebener, also Muslim im Wortsinne war, und nicht zu den Beigesellenden gehörte (vgl. 3:67). Herausgestellt werden muss, dass er in seiner Anbetung immer rein gegenüber Allah und ein Sucher der Wahrheit war.
Viele Philosophen und Theologen haben sich über die Geschichte Abrahams Gedanken gemacht (exemplarisch sei an dieser Stelle an die Deutung Søren Kierkegaards in seinem Frygt og Bæven verwiesen). In der Neuzeit kamen Zweifel darüber auf, ob dieser Befehl Gottes in Übereinstimmung mit dem ist, was Er, der Erhabene, selbst von den Menschen verlangt. Es wurden Betrachtungen angestellt darüber, ob hier in dieser Geschichte der Schlachtung vom Sohn Abraham ein unmoralisches und Abwägen zwischen Menschenleben und Gottergebenheit stattfindet.
Diese vorgenannten Gedankengänge verkennen folgendes: Dieser Befehl erging nicht von irgendwem, sondern von Schöpfer und Herrn der Welten. Der Verstand eines Gottergebenen wird keinen Widerspruch sehen in einem moralischen Verhalten und der Ausführung der Befehle Gottes.
Der Prophet Abraham und der Prophet Ismael dienen für uns als leuchtende Beispiele, die für uns den Weg der Geduld und der unbedingten Ergebenheit aufzeigen.
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