Mit dem Namen Gottes. Bismillāh.
Letztens schaute ich mir erneut die Szene im Film Sophie Scholl – Die letzten Tage von Marc Rothemund an. Jene Szene, in der Sophie Scholl, gespielt von Julia Jentsch vor dem Volksgerichtshof steht und mit dem Präsidenten des Volksgerichtshofs, Richter Dr. Roland Freisler, diskutiert. Es sind uns das Protokoll der Beschuldigtenvernehmung Sophies, das Strafurteil und das Protokoll über die Vollstreckung der Todesstrafe über Sophie erhalten; jedoch nicht – soweit ich weiß – die Sitzungsniederschrift mit den Aussagen Sophies, Hans‘ und Christophs. Trotzdem meine ich zu wissen, welche der Gerichtsaussagen, die im Film Sophie Scholl – Die letzten Tage dargestellt sind, von Sophie selbst stammen könnten.
Sophies Weg zu diesem Ende war keineswegs vorgezeichnet. Daher bewegt mich die Frage, welche Faktoren dazu geführt haben, dass sie unbedingt ihr Gewissen sowie die Wahrheiten, die sie für sich herausfand, in Übereinstimmung mit ihren Taten bringen wollte. Ihr Elternhaus war liberal. Es ist bekannt, dass Sophies Vater, Robert Scholl, wegen seiner Aussage, dass Hitler ein „Geißel Gottes“ sei, vier Monate im Gefängnis einsaß und mit einem Berufsverbot belegt wurde. Auch wenn es nicht abzustreiten ist, dass durchaus auch Einfluss auf die politischen Ansichten seiner Kinder ausübte, denke ich nicht, dass die widerständige Haltung Sophies und Hans‘ letztlich ihren alleinigen Ursprung in der politischen Liberalität ihres Vaters hat.
Ich denke, dass die Tatsache, dass sie und ihre Geschwister in ihrer Kinder- und Jugendzeit in Forchtenberg, in Ludwigsburg und später in Ulm, viel Zeit in der freien Natur verbrachten, zu einem Charakter führte, die Freiheit einen hohen Stellenwert beimaß. Ihre Engagement im Bund Deutscher Mädel (BDM) war groß, aber es ist naheliegend, dass dieses Engagement nicht aus einer gefestigten politischen Überzeugung entsprang, war sie bei Eintritt in den BDM erst noch 13 Jahre alt. Ihre späteren Aussagen darüber, dass Hitler dem deutschen Volk Erfolg geben würde und man zu ihm halten müsse, sind eine bloße Widerspiegelung der damaligen gesellschaftlichen Atmosphäre gewesen. Sie war anfangs nicht im BDM auf Basis einer gefestigten politischen Überzeugung. Vielmehr suchte sie den Kontakt zu Gleichaltrigen in der freien Natur und liebte die Mutproben sowie Abenteuer, die mit dem BDM verbunden waren. Meines Erachtens ist es sehr überzeugend anzunehmen, dass die Verhaftung Hans‘ wegen Teilnahme an der Bündischen Jugend ein wichtiger Schritt zu Sopiewiderständigen Überzeugungsbildung war. Wie konnte ein Staat eine Vereinigung verbieten und ihre Mitglieder der Verfolgung aussetzen, die lediglich Lagerfeuer machten, gemeinsam sangen und gemeinsam die Natur erkundeten? – so müssten Sophies Gedanken gewesen sein. Dieses Ereignis, und auch die Verhaftung ihres Vaters, muss der Startschuss dafür gewesen sein, die Bedrohung durch einen Staat zu fühlen, der danach trachtete, ihre Freiheit einzuschränken. Ich bin mir auch sicher, dass die pfadfinderischen Aktivitäten im BDM und in der Bündischen Jugend bei Sophie dazu führten, dass, neben der Pflicht gegenüber dem Vaterland, es auch eine Pflicht gegenüber Gott gibt. Wenn man viel Zeit in der Natur verbringt, ist es leichter, die Zeichen zu erkennen, die Gott uns gab und danach zu streben, das Verhalten nach Seinem Willen auszurichten.
Der Historiker und Pastor Dr. Robert Zoske plädiert in seinem Buch Es reut mich nichts – Porträt einer Widerständigen dafür, Sophie nicht zur Heiligen zu machen oder zu überzeichnen. Er weist darauf hin, dass Sophie bis zum 20. Lebensjahr, also zwei Jahre länger als es verpflichtend war, als Mitglied im BDM verblieb. Sicherlich, und insoweit kann ich Zoske Recht geben, war Sophie sicherlich keine einfache Person: Sie war streng mit sich und auch streng mit Anderen, wenn es darum ging, der Überzeugung zum Durchbruch zu verhelfen, sie in die Tat umzusetzen. Auch dürfte uns einleuchten, dass Sophie nicht von der Wiege aus schnurstracks zur Widerstandskämpferin wurde. Ihr Lebenswerk und das Lebenswerk der anderen Mitglieder der Weißen Rose verlangt jedoch trotzdem Hochachtung und Bewunderung ab. Sogar heute, restrospektiv, mehr als 80 Jahre danach, ist es nicht leicht nachzuvollziehen, welchen Mut sie und die Anderen aufgebracht haben. Vielleicht liegt es daran, dass in der Corona-Pandemie Personen wie die bekannte „Jana aus Kassel“ meinen, sie würden ihr Weg beschreiten. Die geistige Kraft, die aus dem Werk der Weißen Rose strömt, ist schwer zu fassen, sodass Sophie im Deutschland von heute ein Symbol für einen diffusen, nicht greifbaren Widerstand wird.
Zoske ist der Ansicht, dass jeder, der in irgendeiner Weise ein Umdenken und ein Sinneswandel fordere, sich auf Sophie und die Weiße Rose berufen könne und dürfe. Seien es die Querdenker, Fridays for Future oder die AfD. Ob die Gruppe, die sich auf die Weiße Rose berufe, mir dann politisch mir entspreche, sei eine davon zu trennende Frage. Ansonsten würde Diskussion über die Berufung auf die Weiße Rose nur mit den Vorwürfen der politischen Instrumentalisierung geführt würden. Wenn man Sophies Opfer als einmalig sehe, könne sie niemand mehr als Vorbild nehmen, außer vielleicht Personen, die ein Leben des Widerstands in totalitären Regimen führen.
Ich sehe das anders als Zoske. Sophie und die Weiße Rose hatten ein bestimmendes politisches Thema. Dieses politisches Thema war der Gedanke der Würde zwischen den Menschen, Freiheit der Gedanken und der Meinung und der gesellschaftliche Frieden. Dieser Umstand verbietet, dass sich Gruppen, die völkisches und verschwörungstheoretisches Denken propagieren sich rechtmäßigerweise auf die Weiße Rose berufen dürfen. Außerdem macht es einen Unterschied, ob ich mich von Sophies Leben inspirieren lasse, im Bewusstsein darüber, dass ihre Lebensumstände sich fundamental von der meinen unterscheiden, oder ich sage „Ich fühle mich wie Sophie Scholl“. Die letztgenannte Aussage lässt Anstand und ein wirkliches Verständnis über die nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft vermissen.
Mich persönlich erfüllt das Nachdenken über Sophies Leben mit einer Motivation Gewissen und Tat in Übereinstimmung zu bringen, stets mit dem Bewusstsein, dass das Risiko, das ich tagtäglich ausgesetzt bin, nicht ein Bruchteils des Risikos von Sophie in ihrer Widerstandszeit ausmacht. Wer von uns, würde politische Aussagen tätigen, wenn ihr Aussprechen mit einer ganz reelen Gefahr verbunden wären, getötet zu werden. Von einem Regime, das bekannterweise auch leise Kritik unter Strafe stellte, vor allem jene Art von Kritik, die sich gegen seine Kriegsführung richtet.
Ich bin jedenfalls froh, dass viele Menschen über Sophie nachdenken und dass über ihr Leben diskutiert wird. Die gedankliche Unabhängigkeit, die Sophie vorgelebt hat, ist ein Beispiel, welches es wert ist, hervorgehoben zu werden im heutigen Deutschland.
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