Bismillāh
Vor einer Woche habe ich mich mit einem bekennenden Christen unterhalten, der unser Gespräch damit einleitete, dass der Christentum Alleinstellungsmerkmale habe, durch den Glauben an die Kreuzigung Jesu, seiner Wiederauferstehung und seiner Lehre, den Feind zu lieben. Er fragte mich, ob es denn die Liebe zu Feind gäbe im Islam, so eine Aussage habe er bisher nicht gefunden.
Ich zögerte etwas. Denn die christliche Lehre zielt auf eine bestimmte Grundhaltung, die es im Islam auch gibt, aber in differenzierterer Form. Ich erklärte ihm, dass wir unterscheiden müssen zwischen Feinden, die uns nach dem Leben trachten, zwischen Andersgläubigen und der breiten Masse der Bevölkerung.
Möchte man darüber nachdenken, wie die Propheten Gottes mit ihren Feinden verfahren sind, so müssen die Handlungen Mose, Jesu, Jona, Salomon, David und auch Muhammads auf den gleichen Prinzipien fußen. Denn alle hatten Gott als ihren Herrn und Erzieher. Und sie alle zeichnen sie durch ihre Fähigkeit aus, ihre Feinde zu Freunde zu machen.
Aber wie haben sie es geschafft und wie müssen wir vorgehen?
Bevor diese Frage erörtert werden kann, müssen wir die Differenzierung zwischen Feinden, die unsere Rechtsgüter bedrohen und Feinden, die dies nicht tun, weiterführen: Allāh sagt in Seiner Rede in 60:8-9, dass es keine Wilāya zu denjenigen geben kann, die uns wegen unseres Glaubens bekämpfen und unseren Wohnstätten vertreiben oder dazu Beiheilfe leisten. Wilāya ist ein Ausdruck, das seine gedanklichen Wurzeln in der arabischen Stammeskultur hat und eine Stammesbindung bezeichnet, die sich durch Schutzherrschaft auszeichnet. Das bedeutet, dass die Bewohner der arabischen Halbinsel nur Schutz genossen durch ihre Bindung an einen bestimmten Stamm. Dieses politische und soziale Funktionsprinzip bricht Allāh auf, indem er die Gläubigen als Schutzherren (Awliyā) bezeichnet, auch wenn sie nicht verwandt sind, und nicht akzeptiert, dass Unrecht der Gläubigen gegenüber den anderen Gemeinschaften ungesühnt bleibt. Dies ist die Grundlage der Beziehungen zu Andersgläubigen.
Welche Aussagen finden wir nun in der Rede Gottes zu dieser Thematik und wie hat der Prophet (sas) den Qur’ān umgesetzt? Wie oben erwähnt, wird der „roter Alarm“-Zustand der – vor allem – lebensbedrohenden Feindschaft erschöpfend in Sūrat al-Mumtaḥina behandelt. Es lohnt sich mit der Sūra in Gänze auseinanderzusetzen, insbesondere den Überlieferungen zum Offenbarungsanlass der ersten Āyāt. Dies soll aber hier nicht das Thema sein.
Außerdem nennt Allāh den Satan einen Feind, siehe dazu 35:6.
Sonst ist hier 41:34 entscheidend. Dort heißt es wie folgt:
وَلَا تَسْتَوِي الْحَسَنَةُ وَلَا السَّيِّئَةُ ۚ ادْفَعْ بِالَّتِي هِيَ أَحْسَنُ
فَإِذَا الَّذِي بَيْنَكَ وَبَيْنَهُ عَدَاوَةٌ كَأَنَّهُ وَلِيٌّ حَمِيمٌ
>>Das Gute und das Böse sind nicht auf der gleichen Stufe. Weise zurück mit dem, was besser ist – so wird derjenige, bei dem Feindschaft zwischen dir und ihm besteht, wie ein enger Freund werden.<<
Auch verspricht Allāh in 60:7, dass zwischen „euch und demjenigen von ihnen, mit ihrer verfeindet seid“ Zuneigung entstehen wird. Auffällig ist in 41:34, dass Allāh das Wort idfaʿ für das Zurückweisen benutzt, das vom Wort dafʿa – yadfaʿ – dafʿun abgeleitet wird und im Ursprung „verteidigen“ bedeutet, aber auch „entkräften“, „wegschieben“ oder „drücken“. Im modernen Arabisch wird das Drücken einer Sache mit diesem Wort ausgedrückt, beispielsweise wenn man eine Tür aufdrückt. Etwas aufzudrücken ist stets mit einer gewissen Anstrengung verbunden, danach wird jedoch der Weg frei, die Tür ist dann geöffnet. Genauso wie man ein Argument entkräftet, entkräftet man die Feindschaft. Man weist die Mentalität der Feindschaft von sich. Wie funktioniert dies? Wie hat es der Prophet (sas) gemacht? In der islamischen Literatur wird von unseren Gelehrten gesagt, dass der Prophet (sas) mit seiner Langmut (Ḥilm) zurückweisen soll, mit Standhaftigkeit (Ṣabr). Und wir wissen alle, dass die Erwiderung einer schlechten Verhaltensweise mit einer gleichen schlechten Verhaltensweise in einem Streit nur „Öl in’s Feuer gießt“. Und Allāh schreibt den Gläubigen hier vor, dass sie bei Wut mit Standhaftigkeit handeln sollen und bei schlechten Verhaltensweisen mit Langmut und Vergebung. Wenn sie dies tun, so schützt Allāh sie vor dem Satan – der Satan ist derjenige, der die Feindschaft zwischen den Menschen entfachen will (5:91). Für mich persönlich war jedoch immer die Frage: Warum sollte ich mit einem Feind oder anders: mit einer Person, mit der ich nur unter Schwierigkeiten eine Beziehung aufbauen kann, befreundet sein? Die Antwort war für mich stets: Daʿwa. Die Einladung zum Islām. Wie will man zum Islām einladen ohne eine gute Beziehung, ohne Freundschaft, auf der einen oder anderen Weise? Meine Antwort fand ich dann bestätigt im unmittelbarem Umfeld der obig zitierten Āyā, nämlich in 41:33:
وَمَنْ أَحْسَنُ قَوْلًا مِمَّنْ دَعَا إِلَى اللَّهِ وَعَمِلَ صَالِحًا وَقَالَ إِنَّنِي مِنَ الْمُسْلِمِينَ
>>Und wer spricht bessere Worte als wer zu Allah ruft, rechtschaffen handelt und sagt: „Gewiß doch, ich gehöre zu den (Allah) Ergebenen“?<<
Die zentrale Aufgabe des Muslims ist die Einladung zum Islām, der Aufruf zum Islām. Nachdem Allāh hier sagt, dass die schönsten und besten Worte die zu Allāh Aufrufenden sind, spricht er gleich in der folgenden Āya von der Methode um Feindschaften zu beseitigen. Das Eine hängt mit dem Anderen zusammen.
Nun einige Tipps, wie du deinen Feind zu deinem Freund machen kannst[note]Mit Anleihen von 7 Simple Steps Turn Enemies to Friends[/note].
1. Weigere dich sein Feind zu sein
Mentalität und die richtige Weltsicht ist alles. Deswegen hat wohl der Prophet Jakob (as) seinem Sohn Josef (as) schon in frühen Jahren, nachdem dieser den Traum erzählte, eindringlich vor seinen Brüdern gewarnt – aber ohne sie zu dämonisieren, denn Jakob (as) sagte nur: „Der Satan ist dir ein offenkundiger Feind“, und nicht etwa „Deine Brüder sind dir offenkundige Feinde“. Und wir sehen aus der wunderschönen Geschichte Josefs, dass er diese Mentalität übernahm. Denn obwohl seine Brüder ihn töten wollten und auf ihn unheimlich eifersüchtig waren, hat er sich geweigert sie als Feinde zu sehen, die es zu bekämpfen gilt. Er hätte die Möglichkeit dazu gehabt, er hatte die allersüßeste Rache nehmen können in seiner hohen Stellung, die er innehatte. Josef hat sich aber nicht gerächt, er wollte seine Brüder nicht erniedrigen, weil er wusste, dass nicht sie die Feinde sind, sondern der Satan.
Niemand kann dich zwingen zu kämpfen. Du kannst demonstrativ die Waffen niederstrecken, dich selbst entwaffnen. Du kannst dich weigern in die Spirale des Hass, des Geschreis und der gegenseitigen Anschuldigung hineingezogen zu werden. Gewissermaßen anti-zyklisch handeln. Doch der erste Schritt dafür ist, dass du dich weigerst in ein Freund-Feind-Schema zu verfallen. Denn: Was bringt es? Ist nicht deine Aufgabe in dieser kurrzeitigen Welt die Rede Allāhs bekannt zu machen? Warum hat dich Allāh in diese Lebensumstände gebracht, sodass du alles im Überfluss hast, dir die Wege zu der besten Bildung offenstehen und du nicht Hunger und Krieg erleiden musst? Es gibt nur eine Antwort darauf: Damit du die Rede Allāhs bekannt machen kannst.
2. Sehe dich selbst in ihnen
Dieser Schritt kostet manchmal Überwindung und auch ein paar Kurven in deiner Gehirnwindung: Aber sehe dich mal selbst in deinem Feind. Warum macht er dies, was ist sein Grund? Oft versperrt Schmerz und Frust diese emphatische Handlung, aber es gibt für alles eine Erklärung, jeder meint die rationalste Erklärung zu haben – sonst würde man nicht so handeln, wie man handelt, oder?
Sehr sehr oft, ist es so, dass dein Feind nicht dich bekämpft, sondern seine eigenen „Dämonen“. Seine eigene Vergangenheit, seine eigene Ängste und Befürchtungen. Auch du handelst oft so, ob du glaubst, oder nicht. Der einzige Weg um dies zu überstehen, ist es, selbst der beste Freund zu sein, der man sein kann.
3. Höre nicht auf zu reden
In meiner Kindheit musste ich mich oft, wie es wohl bei vielen ist, mit Hitzköpfen auf Spielplätzen, bei Freunden oder auf dem Fußballplatz herumschlagen. Doch ich habe so gut wie nie meine Fäuste benutzt um Konflikte zu lösen, auch wenn oft genau diese Reaktion der Provokateur von mir erwartete. Meine ruhige Art prädestiniert mich für Provokationen aller Art, weil Leute oft sehen wollen, wie lang diese Ruhe denn noch anhalten kann.
Meine Lösung in brenzligen Situationen war sehr einfach: Ich habe geredet. Ich habe begonnen über die Geschichte des Mittelalters zu sprechen, über Quanten und Protonen, über Männchen, die auf dem Mars leben. Meistens hat es die Kinder, die mehrere Köpfe größer waren als ich, verwirrt oder es hat sie sehr interessiert, was ich gesagt habe. Da habe ich mich mit ihnen auf einer Parkbank wiedergefunden und statt mir eine Abreibung zu verpassen, hörten sie mir leutselig zu.
Ich will damit sagen, dass man reden und kommunizieren muss. Es müssen Gelegenheiten geschaffen werden zum Zusammenkommen, zum Unterhalten, zum Austauschen und auch zum Verletzlich-sein. Diese Gelegenheiten braucht man nicht erzwingen, denn irgendwann ergibt sich, so Gott will, eine Möglichkeit. Doch sollte man diese dann auch nicht verstreichen lassen. Jede internationale diplomatische Krise bringt ein Austausch auf allen Regierungsebenen hervor, erst wenn geschwiegen wird, sprechen die Waffen.
4. Entwaffne sie
Sei du derjenige, der alles richtig macht. Schaue nicht darauf, ob dein Gegenüber alles richtig macht, beschwere dich nicht. Sei du der Erste der sich entschuldigt, der Erste der den ersten Schritt macht und wieder positive Mikro-Momente der Liebe schafft.
Aber warum du? Warum nicht sie oder er? Ganz einfach: Weil du es nicht für sie machst, sondern für deinen Schöpfer.
Wenn wir schauen würden, ob es sich lohnt mit Menschen zu interagieren, würde ganz schnell die Antwort „Nein“ herauskommen. Es gibt einfach nichts, was man den Menschen machen kann, denn jemand der sich gegenüber seinem Herrn undankbar verhält, wird dir, ganz bestimmt keine Dankbarkeit zeigen. Oder irgendeine andere tugendhafte Einstellung. Deswegen ist die einzige Möglichkeit selbst die Waffen zu strecken und entwaffnend zu sein.
5. Liebe deinen Feind
Dies hat nur wenig mit der christlichen Vorstellung zu tun. Es geht darum, wieder positive Mikro-Momente der Liebe zu schaffen. Zu dieser Thematik gibt es unglaublich viele Werke, denn die Menschen sind ganz unterschiedlich wie sie Liebe erfahren. Manchmal ist es einfach herumhängen, manchmal ist es Respekt, manchmal ist es Geschenke-geben, manchmal ist es jeden Tag einen guten Morgen wünschen oder wie wild aufschreien, wenn man jemanden sieht. Es geht hier nicht die romantische Liebe, sondern die höchste Emotion, die ein Mensch erfahren kann. Es geht darum, die mögliche Wunden zu schließen und für kältere Zeiten vorzusorgen.
Um nochmal das Ziel vor Augen zu halten: Du willst, dass die Rede Allāhs weitergegeben wird, deswegen kannst du keine Feinde gebrauchen.
Schreibe einen Kommentar