Bismillah.

Unser Tafsîr-Unterricht bewegt sich derzeit in den Gefilden der faszinierenden Sûra at-Târiq (der nächtliche Besucher). Darin findet sich unter anderen die Âya „Er hat die Macht (gâdirun ’alâ) dazu ihn zurückzukehren zu lassen.“ (86:8). Einige Exegeten wie Mudschâhid oder ’Ikrimah führen aus, dass damit der Lebenssamen gemeint sei, der in der Âyât davor (86:6-7) erwähnt wurde; die weit überwiegende Mehrheit ist jedoch der Ansicht, dass damit folgendes ausgedrückt werden soll: Allah der Erhabene hat die Macht den Menschen zurückkehren zu lassen in ein neues, jenseitiges Leben nach dem Tod.

Beim Nachdenken über die Âya 86:8 hat mich ein Wort stutzig gemacht: die Macht haben (gâdirun). Bestehend aus Gâf-Dal-Ra. Gadara. Gadr. Gâdir. Ist dies nicht auch ein Name Allahs? Und sagt Allah nicht auch an anderer Stelle: Wa mâ gadarullâha hagga gadrih (39:67); wörtlich also: sie haben Allah nicht richtig ausgemessen, so wie es Ihm gebührt?

Was hat es mit diesem Namen Allahs auf sich? Welche weiteren Zusammenhänge kann man finden? Spätestens jetzt konnte ich mich nicht mit meinem wenigen Wissen begnügen und recherchiert, bis ich folgendes herausfand.

Zum sprachlichen Rahmen

Die erste Bedeutung von al-Gâdir ist tatsächlich „der Machtvolle“. Derjenige der absolute, uneingeschränkte und unbeschränkbare Macht innehat. Das ist in der Tat Allah, der Erhabene. Das Gegenteil davon wäre derjenige der ohnmächtig oder unfähig ist (al-’Âdschiz).

Das heißt jedoch nicht, dass al-Gâdir seine Macht immer zeigen müsste, nein. Auch darin liegt seine Stärke begründet. Denn derjenige der Macht hat, über sich und über andere, ist nicht darauf angewiesen seine Macht nach außen zu präsentieren. Er kann sich kontrollieren und er setzt seine Macht selektiv ein. Genau darin liegt seine Stärke.

Sprachlich heißt gadr im Ursprung „Wert“, „Essenz“ oder „Anzahl“. Im sogenannten bâb taf’îl kommt das Wort vor in der Form tagdîr, d.h. „einer Sache einen Maß und Wert geben“, „aus- oder zumessen“, „vergleichen“ usw.
Ein Beispiel dazu sehen wir in der Rede Gottes, wenn Allah sagt, dass er die Länge der Nacht und des Tages festlege (73:20).

Und endlich kommt dann auch die Form gudra von derselben Wurzel. Dies bedeutet übersetzt „eine Macht und Kraft zu haben um eine Angelegenheit zu schaffen.“ Aha, also dies ist Allah zugeschrieben, aber auch die Schöpfung kann Dinge erledigen; auch wir haben gudra.

Nun aber zum Kern dieses Namen Allahs. Was sagt denn Allah genau über sich und was wissen wir?

Die Macht des Schöpfers versus die Macht der Schöpfung

In der islamischen Fundamentaltheologie[note]Dieser Begriff ist der kath. Theologie entlehnt; man könnte auch sagen: Systematische Theologie oder scholastische Tradition. Es geht hierbei ursprünglich um die Auseinandersetzung mit der Religion mithilfe von theologischen Streitgesprächen und eine Verteidigung derselben mithilfen von diskursiven, rational nachvollziehbaren Argumenten.[/note] (’ilm al-kalâm) gibt es von je her die Tendenz die Macht und Kraft Allahs vehement verteidigen zu wollen. Dies geht sogar so weit, dass man dem Menschen jegliche Kraft „wegnimmt“ und allergisch reagiert, wenn es heißt, der Mensch habe Macht dies-oder-jenes zu tun.

Letzlich ist diese Diskussion mühselig, denn eines ist klar: keiner leugnet, dass Allah der Erhabene die absolute Macht hat (mutlag) und der Mensch begrenzt (mugayyad) in seiner Macht ist. Immer wenn der Mensch sich aufschwingt und übermütig wird, weist Allah darauf hin, dass Er derjenige ist, der alles in der Hand hält.
In der Rede Gottes sehen wir das an den Worten Allahs nach dem großartigen Sieg von Badr (8:17).

فَلَمْ تَقْتُلُوهُمْ وَلَٰكِنَّ اللَّهَ قَتَلَهُمْ ۚ وَمَا رَمَيْتَ إِذْ رَمَيْتَ وَلَٰكِنَّ اللَّهَ رَمَىٰ ۚ وَلِيُبْلِيَ الْمُؤْمِنِينَ مِنْهُ بَلَاءً حَسَنًا ۚ إِنَّ اللَّهَ سَمِيعٌ عَلِيمٌ

>>Nicht ihr habt sie getötet, sondern Allah hat sie getötet. Und nicht du hast geworfen, als du geworfen hast, sondern Allah hat geworfen, und damit Er die Gläubigen einer schönen Prüfung von Ihm unterziehe. Gewiß, Allah ist Allhörend und Allwissend.<<

Als die Veteranen von Badr zurückkehrten, wurden sie als die Sieger die sie waren gefeiert. Sie fühlten sich stark und mächtig, denn sie hatten eine große Armee, die als die stärkste auf der arabischen Halbinsel galt, geschlagen.
Doch diese Âya zeigt ihnen auf, dass die wahre Macht von Allah kommt und alles auf ihn zurückzuführen ist. Nicht sie haben getötet, sondern Allah. Nicht sie haben die Pfeile geworfen, sondern Allah.

Wenn wir siegen, dann kommt dieser Sieg von Allah. Unsere Macht bewegt sich in dem kleinen Rahmen das Allah uns setzte bevor wir sogar geboren wurden. Die Macht wird schlagartig verschwinden, wenn wir zu unserem Herrn zurückkehren.
Er, der Erhabene, braucht keine Hilfsmittel, keine Vorbereitungszeit, keine Erlaubnis und keine Pause um seine Macht auszuüben.
Wenn wir uns überlegen, dass wir sehen können, so brauchen wir ein Miskroskop um kleinere Dinge beobachten zu können. Allah braucht das nicht. Wir können hören, jedoch nur über eine bestimmte Strecke hinweg, danach brauchen wir Hilfsmittel. Allah braucht das nicht.

Allahs Macht ist unbeschränkt und unbeschränkbar, unsere Mittel sind auf das begrenzt, was Allah uns in Seiner Gnade uns gewährte.

Die Macht entlang der Gesetzmäßigkeiten

Wenn gesagt wird: Allahs Macht ist unbeschränkt, heißt das nicht, dass Er sie nach Gutdünken oder gar mit Willkür einsetzen würde. Denn wie wir schon gesagt haben, gehört auch das tagdîr zu der Wurzel des Namens, und damit steht in Verbindung al-Mugtedir, derjenige der Gesetzmäßigkeiten schafft.

Als die Beigesellenden von Mekka ein Wunder vom Propheten (sas) forderten, antwortete der Erhabene wie folgt darauf (6:37):

وَقَالُوا لَوْلَا نُزِّلَ عَلَيْهِ آيَةٌ مِنْ رَبِّهِ ۚ قُلْ إِنَّ اللَّهَ قَادِرٌ عَلَىٰ أَنْ يُنَزِّلَ آيَةً وَلَٰكِنَّ أَكْثَرَهُمْ لَا يَعْلَمُونَ

>>Und sie sagen: „Wenn ihm doch ein Zeichen von seinem Herrn offenbart worden wäre!“ Sag: Gewiß, Allah hat die Macht, ein Zeichen zu offenbaren. Aber die meisten von ihnen wissen nicht.<<

Allah hat also die Macht das Wunder zu bringen das sie fordern. Macht Er dies jedoch? Nein, nicht willkürlich. Nur nach bestimmten Regeln die Er gesetzt hat. Und zu diesen Regeln gehört, dass ein Wunder Zerstörung über das verweigernde Volk bringen kann. Die Strafe rückt mit jedem Wunder näher. Von daher wird ihnen nur Aufschub gegeben.

Der Zusammenhang der oben genannten Âya ist bemerkenswert (6:35-38): in 6:35 spricht Allah darüber, dass die Gesetzmäßigkeit erschaffen wurde, dass jeder frei sein Lebensweg auswählen kann. Danach erwähnt Allah in der nächsten Âya, die Gesetzmäßigkeit des reinen Herzens. Und in 6:38 schließlich spricht Er über die Gesetzmäßigkeit das auch Tiere Gemeinschaften bilden. Nichts wurde im Buch der Gesetzmäßigkeiten ausgelassen (6:38 am Ende).

Die Macht Allahs im Schöpfungsakt

Allah legt in Seiner Rede den Augenmerk auf Seine Macht den Menschen und allgemein die Lebewesen und Objekte erschaffen zu können. Dies leuchtet sofort ein, denn das ist eines der wichtigsten Ausflüsse Seiner Macht. Wir kommen somit wieder zu der Stelle Sûra at-Târig zurück.

Wenn Allah nämlich sagt, dass Er die Macht hat den Menschen zurückkehren zu lassen (86:8). Oder die Toten auferwecken kann (75:40 und 46:33). Oder eine neue Schöpfung wie die Himmel und die Erde erneuern in der Lage ist (46:33 und 36:81).
Dann wissen wir, dass die keine Selbstverständlichkeiten sind. Sie verbinden sich am Ende im Dreiklang GâdirMugtedirGadîr. In den drei Namen Allahs, dass Er die Macht hat, die Macht hat und die Gesetzmäßigkeit schafft und die Grenzen festlegt. Alles liegt somit in seiner Hand.

Interessant ist, dass der Name Gâdir sieben Mal in der Rede Gottes vorkommt und in der Regel in Zusammenhang mit der Neuerschaffung des Menschen nach dem Tod. Noch interessanter ist, dass all diese Wörter zu Mekka offenbart wurden. Daraus können wir schließen, dass besonders die Beigesellenden in Mekka ein Problem damit hatten die Kraft Allahs zu verstehen oder zu akzeptieren.
War das auch nicht letztlich der Grund, warum sie neben Allah Mitgötter gesetzt hatten? Da diese unmittelbarer waren, da diese mehr Einfluss hatten? Sie hatten ein falsches Gottesbild und die atheistische Strömung innerhalb ihrer Gesellschaft hatte so viel Einfluss, dass es die Vorstellung, das Allah nach dem Tod jemanden wieder zu Leben bringen kann, der Lächerlichkeit preisgegeben wurde.
Auch heute ist das wohl für viele Menschen schwer vorstellbar. Deswegen die Bildung durch die letzte Offenbarung.

Lehren aus diesem Namen

Wenn sich der Name Gâdir sich im Diener manifestiert, dann wird der Diener Allahs in all seinen Angelegenheiten ausgeglichen sein. Warum? Denn dann beachtet der Mensch die Gesetzmäßigkeit Allahs und ist sich bewusst, dass Er die Kraft und macht hat.

Wenn dieser Name sich im Diener manifestiert, dann sieht er das was Allah als gut sieht, als gut an; was Er als schlecht sieht, als schlecht; was Er als Schaden sieht als Schaden; was Er als Verlust sieht als Verlust.

Wenn dieser Name sich im Diener manifestiert, dann hält er den Willen, das Gewissen und den Verstand das ihm zugeteilt wurde aktiv. Er hält die Macht die ihm mit gegeben wurde fern von Unwissen, Verstandeslosigkeit und blinder Nachahmung. Er hütet sich davor, dass diese träge werden.

Wenn dieser Name sich im Diener manifestiert, dann verhält sich der Diener angesichts von neuen Lebensgeschehnissen ausgeglichen und gemäßigt. Er reagiert dementsprechend und sein Lachen ist maßvoll, sein Weinen ist maßvoll, seine Freude ist maßvoll, seine Trauer ist maßvoll, seine Liebe ist maßvoll und seine Wut ist maßvoll.

Die erste Manifestation bezüglich al-Gâdir ist schließlich die bezüglich Allah selbst. Denn „sie haben Allah nicht so eingeschätzt wie es Ihm gebührt“[note]6:91 und 39:67[/note], wa mâ gadarullâha hagga gadrih.

Aus Kur’an’a göre Esmâ-i Hüsna des Düsün Verlags (2011) und El-Esmâü’l-Hüsnâ: Allah’in Güzel Isimleri des Karinca Verlags (2004).