In einem ersten Beitrag haben wir uns mit der Frage auseinandergesetzt, ob die der Qur’ân unverständlich ist und dahingehend zwei Zitate von namhaften Gelehrten aufgeführt.
Bei unseren Unterrichtseinheiten zur Auslegung des Qur’âns hören wir jedoch in weiter in regelmäßigen Abständen die Bemerkung, warum denn der Qur’ân denn so schwer sei. Schließlich sei er doch die Botschaft Gottes an alle Menschen. Trotzdem falle sein Verständnis nicht gerade leicht und man müsse ihn „umständlich erklären“.
Es ist interessant, denn als die Rede Gottes offenbart wurde, hörte man von den Glaubensverweigerer nicht die Bemerkung, dass sie nicht den Qur’ân verstehen würden. Sowohl Abû Dschahl als auch Abû Bakr haben den Qur’ân verstanden.
Dadurch wird klar, dass zu seinem Verständnis bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssen, deren Kenntnis in der heutigen Zeit nicht allzu verbreitet ist. Diese Lücke wollen wir schließen und im dem Thema weiter im zweiten Teil des Beitrags nachgehen.
A. Die Rede Gottes zur Zeit des Propheten (sas)
Die Glaubensverweigerer haben den Propheten (sas) als Lügner[note]3:184; 38:4[/note], Verrückten[note]15:6; 37:36; 52:29; 68:2; 81:22[/note], Zauberer[note]10:2; 38:41[/note], Wahrsager[note]52:29[/note] und Dichter[note]37:36; 52:30, 69:41[/note] bezeichnet. Sie haben behauptet er habe den Qur’ân erdichtet[note]16:103; 25:4f[/note]. Sie sagten sogar, dass ihm der Satan die Worte eingebe[note]26:210[/note]. Über den Qur’ân selbst sagten sie, er sei ein Menschengedicht[note]36:69[/note], Zauber[note]74:24; 46:7f[/note] und Fabeln der Früheren[note]8:31; 16:24; 27:68; 68:15[/note]. Das heißt, dass sie jede erdenkliche Art von Aussagen gegen den Gesandten und das Buch Gottes vorgebracht haben. Jedoch konnten sie nie behaupten, dass sie den Qur’ân nicht verstehen würden.
Der Qur’ân entgegnete ihren Falschaussagen auf eine überzeugende Weise (25:33):
وَلَا يَأْتُونَكَ بِمَثَلٍ إِلَّا جِئْنَاكَ بِالْحَقِّ وَأَحْسَنَ تَفْسِيرًا
>>Und sie bringen dir keine Behauptung, ohne daß Wir dir die Wahrheit und eine bessere Erklärung brächten.<<
Es wird also klar, dass die Buchbesitzer und die Beigesellenden die keine Möglichkeiten ausließen etwas gegen den Qur’ân vorzubringen in keinem der Fälle sagen konnten: „Was ist das für eine Rede, wir verstehen sie nicht mal?“ So eine Ausrede kam ihnen nicht mal in den Sinn. Denn die Botschaft des Qur’âns ist so deutlich und klar, dass sie so eine Aussage nicht tätigen konnten. Jeder der den Qur’ân hörte verstand ihn. Einige glaubten an ihn, einige nicht. Aber jeder der die eine oder andere Entscheidung traf, traf sie bewusst. Warum konnten sie also nicht behaupten, dass sie den Qur’ân nicht verstehen würden? Die Antwort darauf gibt uns Allah (41:44):
وَلَوْ جَعَلْنَاهُ قُرْآنًا أَعْجَمِيًّا لَقَالُوا لَوْلَا فُصِّلَتْ آيَاتُهُ ۖ أَأَعْجَمِيٌّ وَعَرَبِيٌّ
>>Hätten Wir ihn zu einer fremdsprachigen Lesung gemacht, hätten sie sicherlich gesagt: „Wären doch seine Zeichen ausführlich dargelegt worden! Wie, ein fremdsprachiger (Qur’an) und ein Araber?“[…]<<
Wir sehen also, dass sie diese Behauptung nicht vorbringen konnten, weil der Qur’ân in ihrer Sprache kam und auf eine ausführliche Weise von Seiten des Allkundigen erläutert wurde. Wäre dies der Fall gewesen, dann könnten sie es sicherlich behaupten und hätten es sicherlich auch gemacht. Aber sie konnten nicht. Denn die Botschaft des Qur’âns war offen und klar. Sie haben die Zeichen verstanden. Sie haben sie sogar so gut verstanden, dass sie einige abzuändern versuchten (15:15):
وَإِذَا تُتْلَىٰ عَلَيْهِمْ آيَاتُنَا بَيِّنَاتٍ ۙ قَالَ الَّذِينَ لَا يَرْجُونَ لِقَاءَنَا ائْتِ بِقُرْآنٍ غَيْرِ هَٰذَا أَوْ بَدِّلْهُ ۚ قُلْ مَا يَكُونُ لِي أَنْ أُبَدِّلَهُ مِنْ تِلْقَاءِ نَفْسِي ۖ إِنْ أَتَّبِعُ إِلَّا مَا يُوحَىٰ إِلَيَّ ۖ إِنِّي أَخَافُ إِنْ عَصَيْتُ رَبِّي عَذَابَ يَوْمٍ عَظِيمٍ
>>Wenn ihnen Unsere Zeichen als klare Beweise verlesen werden, sagen diejenigen, die nicht die Begegnung mit Uns erwarten: „Bringe einen anderen Qur’an als diesen oder ändere ihn ab.“ Sag: Es steht mir nicht zu, ihn von mir selbst aus abzuändern. Ich folge nur dem, was mir (als Offenbarung) eingegeben wird. Gewiß, ich fürchte, wenn ich mich meinem Herrn widersetze, die Strafe eines gewaltigen Tages.<<
B. Die Rede Gottes nach der Zeit des Propheten (sas)
So weit wir oben feststellen konnten, waren die ersten Empfänger des Qur’âns nicht in der Lage zu sagen, dass sie ihn nicht verstehen würden.
Wie war es nach dem Ableben des Propheten? Ergab sich eine Situation, dass die nachfolgenden Generationen den Qur’ân unverständlich fanden? Nein. Vielmehr war es so, dass sie mit und nach der Rede Gottes lebten, wie eine Begebenheit aus der Zeit von ´Umar (ra) zeigt.
Eines Tages predigte ´Umar folgendes: „Wenn ihr den Frauen ihre Brautgabe (mahr) gibt, dann haltet das Maß ein. Wenn das viele Geben der Brautgabe im Diesseits Güte und bei Gott Frömmigkeit darstellen würden, dann hätte der Prophet (sas) am meisten gegeben. Aber er gab weder seinen Frauen mehr als zwei Goldmaßeinheiten Brautgabe, noch verlangte er sie bei seinen Töchtern.
Da stand eine Frau auf und sagte: „O ´Umar! Gott erlaubt und du verwehrst uns?! Sagt der Erhabene nicht in seinem Buch: >>Und wenn ihr eine Gattin anstelle einer anderen eintauschen wollt und ihr der einen von ihnen einen Qintar (d.h. eine sehr große Maßeinheit Gold) gegeben habt, dann nehmt nichts davon (zurück).<<[note]4:20[/note]“ Als ´Umar diese Worte hörte, beugte er seinen Kopf nach vorne und sagte: „Die Frau hat wahr gesprochen, ´Umar die Unwahrheit gesagt. O ´Umar, alle Menschen sind verständiger als du!“
Diese Geschichte zeigt, dass auch in der Zeit nach dem Propheten niemand aufkam und meinte, dass der Qur’ân unverständlich sei. Ganz im Gegenteil: Hier steht eine Dame auf und weist den Vorsteher auf einen Fehler hin und dieser sieht es nicht als etwas Ungewöhnliches. Mehr noch: er gibt ihr ohne zu Zögern Recht und gibt seinen Fehler zu. Er rügt sie nicht und deutet in keinster Weise darauf hin, dass sie den Qur’ân nicht verstehen könne. Die Rede Gottes wurde von den Menschen zitiert und im Munde geführt, weil sie ihn durchdrangen.
Es konnte also bisher aufgezeigt werden, dass der Qur’ân von niemanden als eine Rede verstanden wurde, dass besonders hohe Anforderungen bezüglich seines Verständnisses zu stellen war. Doch trotzdem kann man das Buch nicht „einfach aufschlagen und verstehen“. Man muss sich dabei an ein paar Regeln halten. Auf diesen soll im nächsten Abschnitt kurz Licht geworfen werden.
C. Die Prinzipien des Qur’ânverstehens
Der Qur’ân ist ein Buch, dass uns von Seiten des Herren erleichtert und erläutert wurde, auf dass wir Lehren daraus ziehen mögen. Aus diesem Grund spricht er die ganze Menschheit an. Aus der Tatsache, dass das Verständnis der Rede Gottes erleichtert wurde folgt nicht, dass man keine Anstrengung zeigen muss um ihn zu verstehen. Tatsächlich muss man sich anstrengen und „dranbleiben“ um von ihm zu lernen. Gott der Erhabene sagt, dass Er denjenigen die sich anstrengen die Wege zeigen wird (29:69):
وَالَّذِينَ جَاهَدُوا فِينَا لَنَهْدِيَنَّهُمْ سُبُلَنَا ۚ وَإِنَّ اللَّهَ لَمَعَ الْمُحْسِنِينَ
>>Diejenigen aber, die sich um Unsertwillen abmühen, werden Wir ganz gewiß Unsere Wege leiten. Und Allah ist wahrlich mit den Gutes Tuenden.<<
Aus diesem Grund muss man genauso wie man sich anstrengt um ihn zu verstehen, auch seiner Methodik folgen muss um das Verständnis zu vertiefen. Das bedeutet, dass es Prinzipien gibt beim Qur’ânverstehen. Wenn man den Prinzipien keine Beachtung schenkt, kann man soviel Anstrengung an den Tag legen wie man will – man wird keinen Nutzen aus ihm ziehen. Daraus folgen diese zwei Punkte:
1. Anstrengung
2. Beachtung der Prinzipien
Die Prinzipien zu 2. können wir unterteilen in innere und äußere Voraussetzungen. Die inneren Voraussetzungen müssen erfüllt sein bevor die äußeren Voraussetzungen beim Lesen zum Tragen kommen.
Diese Prinzipien werden, so Gott will, Teil des nächsten Beitrages sein.
Übersetzt und leicht verändert von Jeanne aus „Kur’an ve Sünnet Ama Hangi Sünnet“ von Zeki Bayraktar (2014).
Zafer Kaya
Assalamu aleikum lieber Autor/in,
Du sprichst in Deinem Artikel “ Der Qur’ân ist unverständlich.” – Unwissenheit oder Verrat? “ darüber das es zwei Prinzipien des Koranverstehens gibt. Das erstere, also Anstrengung, leuchtet mir ein. In einem weiteren Beitrag Voraussetzungen sprechen. Leider finde ich diesen Artikel nicht bzw. kannst mir kurz darlegen was diese Voraussetzungen sind. Diese Website finde ich super da ich relativ neu bei der Sache bin und hier bereits einiges gefunden habe wo mir geholfen hat. Insallah kannst Du mir auch bei dem Thema der Voraussetzungen nochmal ein wenig Material zusenden oder mir Lesetips nennen.
Wassalam
Zafer
Jeanne
Alaikum selam lieber Bruder,
vielen Dank für Dein Lob.
Es gibt neben dem Prinzip der Anstrengung das Prinzip der ganzheitlichen Betrachtung des Qurʾāns, erstens. Daneben sind die Möglichkeiten und Grenzen der arabischen Sprache zu beachten, zweitens und die Sunna des Propheten (sas), als eine Umsetzung des Qurʾāns, drittens.
Zum ersten Punkt, der Thematik der Ganzheitlichkeit, findest du etwas im Artikel „Zwillingsverse: Ein weiterer, methodologischer Beitrag zur Qur’ânerläuterung“ und zum dritten Punkt unter „Der Begriff der Weisheit (al-hikma) in der Rede Gottes“.
Gerne kannst du mir auch eine E-Mail schreiben unter jeanne@redegottes.eu.
Wassalam