Bismillah.
Als ich vor mehr als zehn Jahren begann für Marathons zu trainieren, sagte mir mein Trainer etwas, was ich seitdem nie vergessen habe: Dass ich lernen müsse mich beim Unwohlfühlen wohl zu fühlen.
Was das bedeutet? Und was mir dieser Satz für mein Leben gebracht hat? Darüber möchte ich heute reden.
Es ist nicht auf mich oder das Rennen beschränkt. Frage jeden, dessen Tag anstrengendes Radfahren, schnelle Runden im Schwimmbecken, anspruchsvolles Steigen an der Kletterwand oder Übungen mit ansteigenden Gewichten beinhaltet. Sie werden dir alle das Gleiche sagen: Ein schweres Gespräch ist nicht mehr so schwer. Eine knappe Deadline nicht mehr so einschüchternd. Beziehungsprobleme nicht mehr so problematisch.
Vielleicht liegt es daran, dass man einfach zu müde sich um diese Dinge Gedanken zu machen, wenn man regelmäßig Ausdauersport macht. Aber das ist eher unwahrscheinlich.
Eine Studie zeigt, dass körperliche Bewegung allenfalls das Kurzzeitgedächtnis fördert und das Bewusstsein stärkt. Und sogar an Tagen an denen sie nicht trainieren – und damit scheidet „Müdigkeit“ als Erklärung aus – begegnen diejenigen, die regelmäßig trainieren, ihrem täglichen Stress mit einer stoischen Haltung. Während der traditionelle Nutzen des Ausdauersports, also Schutz und Hilfe gegen Diabetes, Herzleiden, Schlaganfall, hohen Blutdruck und Knochenschwund, wohl bekannt ist, liegt vielleicht der größte Nutzen in der Lehre, die mir mein Trainer mitgegeben hat: In einer Welt, in der Komfort das Höchste ist, bietet mühsame körperliche Bewegung eine seltene Möglichkeit um Leid zu üben.
Diejenigen, die diese Fähigkeit am besten verfeinern, sind professionelle Ausdauer- und Abenteuerathleten. Sie verdienen ihr Brot damit, Bedingungen auszuhalten, die anderen nicht aushalten können. Für meine Kolumne im Outside Magazine, hatte ich die Ehre, die weltbesten Ausdauer- und Abenteuersportler über die Übungen zu interviewen, die ihren Erfolg ausmachen. Gleichgültig in welcher Sportart, wurde am häufigsten erwähnt, dass sie alle gelernt haben mit unangenehmen Situationen umzugehen:
- Die Olympia Marathonläuferin Des Linden erzählte mir, dass in der zwanzigsten Meile, wenn das unvermeidliche Leiden beginnt, sie aufgrund jahrelanger Übung gelernt habe, entspannt und fokussiert zu bleiben. Sie wiederholt immer wieder: „Ruhig, ruhig, ruhig; Entspanne, entspanne, entspanne.“
- Der Weltmeister im Surfen, Nic Lamb, sagt, dass es unvermeidbar ist, sich unwohl zu fühlen oder sogar Angst zu haben, wenn man auf Wellen surft, die so hoch sind wie ein viergeschössiges Wohnhaus. Aber er weiß auch, dass es „der Weg zur persönlichen Entwicklung“ ist. Er hat gelernt, dass man den Schwanz einziehen oder es einfach durchziehen kann.
„Es durchzuziehen ist Mut. Aufzugeben ist Reue.“, sagt er. - Der Free Solo Kletterer Alex Hannold erklärt: „Der einzige Weg um mit Schmerzen umzugehen, ist Übung. Ich habe mich während dem Training so sehr daran gewöhnt, sodass es sich auf der großen Bergwand ganz normal anfühlt.“
- Evelyn Stevens, die den Weltrekord für Frauen hält, für die meisten zurückgelegten Fahrradmeilen in einer Stunde (29,81 Meilen, also circa 48 Kilometer – kaum zu glauben, oder?) sagt, dass sie während ihrer härtesten Trainigsabschnitten „statt zu denken Ich will, dass das aufhört, versuche ich die Schmerzen zu fühlen und auszuhalten. Zum Teufel, ich heiße sie sogar willkommen!“
- Der Bergkletterer Jimmy Chin, der erste US-Amerikaner, der die Südroute des Mount Everest hinaufgestiegen und dann heruntergesegelt ist, verriet mir, dass in allem was er macht ein Stück Angst mitschwingt. Aber er habe gelernt, damit umzugehen: „Es geht darum wahrgenommene von realen Risiken zu unterscheiden und dann, dem was übrig bleibt, so rational wie möglich zu begegnen.“
Du brauchst aber nicht riesige Bergwände zu beklettern oder eine Meile in fünf Minuten zu sprinten, um in den Genuß der Vorteile zu kommen. Indem du für dein erstes Halbmarathon trainiert oder abwechselnde Trainigsübungen absolvierst, kannst du an dem Nutzen teilhaben, der sich auf andere Bereiche deines Lebens auswirkt.
Eine im British Journal of Health Psychology veröffentlichte Studie hat herausgefunden, dass nichttrainierende Studenten, die mit einem mäßigen Sportprogramm begannen (nur zwei bis drei Mal pro Woche im Fitnessstudio), zu weniger Stress neigen, weniger rauchen, Alkohol und Koffein konnsumieren und dafür dafür gesünder essen, ihr Haushalt in Ordnung halten, ihr Geld klüger ausgeben und besser lernen.
Neben diesem Auswirkungen im echten Leben, machten sie nach zwei Monaten Training ein Test im Labor. Das Ergebnis: Ihre Selbstkontrolle hatte sich innerhalb der kurzen Zeit signifikant verbessert. Das brachte die Forscher dazu, zu vermuten, dass Ausdauertraining eine starke Auswirkung auf das „Vermögen zur Selbskontrolle“ der Studenten hatte.
Einfach ausgedrückt hat das Unwohlsein, das mit einem anstrengenden Training einhergeht, also „Ja“ zu sagen, wenn ihre Körper und ihr Verstand „Nein“ sagen, den Studenten beigebracht, ruhig und gefasst zu bleiben wenn eine Schwierigkeit auftaucht, sei es im Bereich des Stress‘, des Alkoholkonsums oder des Lernens.
Aus diesem Grund, nennt Charles Duhigg, Autor des Bestsellers The Power Of Habit, das Sporttraining eines „der elementarsten Gewohnheiten“ oder die Änderung der Lebensgewohnheit, die positive Effekte in anderen Bereichen des Lebens bringt. Duhigg sagt, dass diese „elementare Gewohnheiten“ sehr wirkmächtig sind, da sie „unser Selbstbild ändern und unseren Sinn dafür, was möglich ist“.
Das erklärt, warum die Hilfsorganisation Back on My Feet unter anderem Renntraining nutzt, um obdachlose Personen zu helfen, ihre Situation zu verbessern. Seit dem Beginn des Programm im Jahre 2009, hatte Back On My Feet 5´500 Jogger – 40 Prozent von ihnen haben einen Job bekommen, nachdem sie angefangen haben mit der Gruppe zu rennen und 25 Prozent von ihnen ein bleibendes Obdach (Stand Juni 2016). Darum hört man wahrscheinlich so oft von Leuten, die eine Scheidung hinter sich haben oder sogar den Tod einer geliebten Person, dass ihr Marathontraining ihnen geholfen habe, über den Schmerz hinwegzukommen.
Eine andere Studie, dieses Mal in der European Journal of Applied Physiology, wertete aus, wie Ausdauertraining unsere physiologische Antwort auf Stress ändert.
Forscher im Karlsruher Institute of Technology (KIT) teilten Studenten zu Beginn des Semesters in zwei Gruppe und wiesen die Hälfte von ihnen an, für 20 Wochen zweimal in der Woche joggen zu gehen. Nachdem die 20 Wochen vorbei waren, die Zeit fiel in die stressige Klausurphase für die Studenten, ließen die Forscher die Testpersonen Herzratenmonitore tragen. Diese messen die Variabilität der Herzrate, welches ein Indikator für den physiologischen Stress ist (je größer die Variabilität, desto weniger Stress). Wie du dir bereits denken kannst, zeigten die Versuchsgruppe die gejoggt ist eine sehr viel niedrige Variabilität. Ihre Körper waren buchtstäblich weniger gestresst in den Klausuren: Sie fühlten sich generell wohler in einer stressigen Situation.
Was diese Studien bemerkenswert und motivierend ist, dass diese die Personen in diesen Studien nicht unglaublich lange oder umfangreich trainiert haben. Sie haben einfach das getan, was für sie körperlich herausfordernd war – von Nichttraining zu etwas Training überzugehen. Man muss kein Topathlet oder Fitnessguru sein, um in den Genuss der unbezweifelbaren Vorteile des Trainings zu kommen.
Ausdauertraining ist nicht bloß die der Vorteil für deine Gesundheit und ganz bestimmt keine Eitelkeit. Was du im Fitnessstudio (oder auf der Rennstrecke, oder im Wasser usw.) tust, macht dich zu einer besseren und leistungsfähigeren Person fernab davon. Auch wenn es sich klischeehaft anhört, die Wahrheit ist einfach: Wenn du körperliche Fittness entwickelst, entwickelst du eine Fitness für das Leben.
Verfasst von Brad Stulberg, How Exercise Shapes You, Far Beyond the Gym. Übersetzt von Jeanne.
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