Bismillah.
„Wenn du mich heute nicht in’s Kino gehen lässt, dann liebe ich dich nicht mehr.“
So sprach mein fünfjähriger Sohn, normalerweise einer der offenherzigsten Menschen die du treffen wirst. Aber er testet gerade seine Grenzen. Und er wollte wirklich in das Kino. Um sein Ziel zu erreichen zog er einer seiner größten Waffen: die Feuerwaffe der Liebe.
Weil er fünf ist provozierte seine Drohung mich nicht und ich antwortete mit Gleichmut.
Ich denke es ist für die meisten von uns leicht auf die emotionalen Drohungen von Kindern gelassen zu reagieren. Wir wissen, dass sie uns lieben; wir wissen, dass sie es nicht ernst meinen oder wenn sie ernst meinen, dann nur in diesem speziellen Augenblick und nicht länger; und wir wissen, dass sie bloß hungrig, müde oder aufgewühlt sind von den Geschehnissen an jenem Schultag. Mit unseren liebenswürdigen Kindern ist es relativ leicht die warmherzigen und reifen Menschen zu sein – die Anleiter, die Weisen, die Geber von bedingungsloser Liebe.
Warum ist es dann aber so schwer, wenn ein Erwachsener die gleiche Taktik versucht: die Behandlung der Stille, den passiv-agressiven Kinnhaken oder das aggressiv-aggressive Verhör? Ist es möglich, dass wir angesichts solcher Beleidigungen unsere Mitmenschen mit der gleichen liebenden Konstantheit begegnen können die wir auch (meistens) unserem Nachwuchs angedeihen lassen?
Ich dachte kürzlich darüber nach, als ich auf einer der aufschlussreichtsen Kurztexte stoß, die ich je lies. Sie stammt von Alain de Botton:
„Für das Kind ist es so, als ob die Eltern nur aus spontaner Laune trösten, anleiten, unterhalten, schlichten und immer warmherzig und froher Natur seien. Die Eltern offenbaren nicht, wie oft sie auf ihre Zunge beißen, gegen ihre Tränen ankämpfen mussten und nach einem Tag mit den Kindern zu müde waren um sogar ihre Kleidung auszuziehen. Die Beziehung ist fast ausschließlich einseitig. Die Eltern lieben, aber sie erwarten kein bedeutendes Gefälligkeit von den Kindern…. Die Eltern und das Kind ‚lieben‘ beide, aber jede der Parteien ist auf an der entgegengestetzten Ende der Achse – was dem Kind völlig unbekannt ist.
Wenn wir in das Erwachsenenalter eintreten und das erste Mal sagen, dass wir Liebe benötigen, dann meinen wir vorwiegend, dass wir so geliebt werden, wie von unseren Eltern… Das führt – natürlicherweise – auf diese Weise zu einer Katastrophe… wir müssen aus diesem Denken des Kindes hinaus- und in die Elternposition hineinwachsen. Wir müssen jemand werden, der willens ist seine eigenen Bedürfnisse und Sorgen zugunsten der Bedürfnisse eines anderen unterzuordnen.“
Wir treten ein in erwachsene Beziehungen, das heißt, dass wir nach der Liebe suchen die wir als Kinder hatten oder wünschen gehabt zu haben. Das ist aber nicht nur ein Ziel, das unmöglich zu erreichen ist, es ist auch ein falsches Ziel. Unser Ziel sollte sein andere auf diese Weise zu lieben. Das richtige Ziel ist es auf unsere Zungen zu beißen und unsere Tränen zu verstecken – für die Erwachenen in unserem Leben. Natürlich nicht die ganze Zeit, aber bestimmt öfters als wir es heute tun. Das richtige Ziel ist es unsere Mitmenschen mit Liebe zu überhäufen.
Fast niemand erreicht dieses Ziel vollständig, daran ist kein Zweifel. Aber wir können viel besser darin werden. Und dieses Ziel zu erreichen ist die Arbeit eines ganzes Lebens.
Hier sind fünf Ratschläge wie man besser darin wird:
1. Liebe zuerst dich. Diejenigen die die Metta-Meditation (loving-kindness) ausüben, kennen diesen Punkt genau. Diese Praktik beginnt damit, dass du eine liebende Annahme deiner Selbst übst. Wir projizieren nämlich auf Andere die Gefühle die wir gegenüber uns selbst haben. Wenn wir zu hart und selbstkritisch mit uns selbst sind, dann werden wir auch niemandem verzeihen können. Wenn wir uns selbst Liebe und Akzeptanz gewähren, so öffnen wir die Tür dafür, auch andere so zu behandeln.
2. Schreie auf in Freude über Dinge, die an Personen lobenswert sind. Ich habe dies von meinem Großvater gelernt, der begeistert war über die Eigenschaften anderer Leute: ihre Größe, ihre Gewitzheit, ihre Intelligenz – alle persönliche Eigenschaften schienen für ihn Dinge zu sein die es zu zelebrieren galt.
Ich bin ein etwas zurückhaltender Mensch als mein Großvater, deswegen kann ich meiner Begeisterung nicht so leicht freien Lauf lassen, aber ich gebe mein Bestes!
3. Vergiss nicht: „Es gibt keinen den du nicht lieben kannst, wenn du erstmal ihre Geschichte gehört hast.“
Stelle dir einen Menschen vor, der die bösesten Taten begangen hat. Jetzt stelle dir seine Kindheit vor. Vielleicht hat ihn jemand missbraucht oder ihm das Gefühl gegeben, dass er völlig bedeutungslos wäre. Stelle dir ein Kind vor, dass Nacht für Nacht weint und seine Tränen finden keine Beachtung, außer einem ungeduldigen Herumschubsen.
Obwohl es seine Taten nicht verzeihlich macht, wird doch unser Herz bei dieser Vorgeschichte weicher. Oder nicht?
4. Du kannst nicht das Verhalten von anderen Leuten kontrollieren – das vermagst du nur bei deinem eigenem. Versuche durch die Welt zu gehen mit einer Einstellung der ruhigen Warmherzigkeit, dass unverändert bleibt, egal wie die andere Grüßen oder behandeln. Wenn du dich bedroht oder provoziert fühlst, atme tief ein, zähle bis zehn und versuche die Haltung wieder einzunehmen. Wenn bis zehn zählen nicht ausreicht, versuche dich für eine Weile aus der Situation zu begeben und stelle dir vor, du würdest in einer wunderschönen Umgebung sitzen (egal ob es ein See ist, der dir bekannt ist oder ein fernes Land, das du noch nie gesehen hast) oder in der Anwesenheit einer liebenden Person (jemanden den du kennst, oder eine fiktive Person). Wenn du wieder bereit ist zu sprechen, dann versuche die Essenz von dem was die Person dir sagt zu trennen vom Gefühl der Bedrohtheit oder Provokation (nichts von alldem ist natürlich leicht zu Beginn!).
5. Versuche über andere nicht zu urteilen. Es gibt einen Grund dafür, dass das Nichturteilen in vielen spirituellen Traditionen verankert ist. Andere zu beurteilen ist schlecht für deine Beziehungen und hindert dich daran die Menschlichkeit mit all seinen Fehlern zu akzeptieren. Das heißt natürlich nicht, dass du das schlechte Verhalten von anderen nicht bemerken sollst (oder dein eigenes). Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Beobachten und Verurteilen. Urteilen ist ein Verhalten, dass dich von anderen (und von dich selbst) distanziert. Man kann unparteiisch, ja sogar liebend, beoachten. Genauso wie wir die Fehler unserer Kinder vegeben und sie gleichzeitig ermahnen, sollten wir es auch mit uns selbst machen. Sobald du lockerer mit dir wirst, wird es dir leichter fallen auch mit deinen Lieben auf die gleiche Weise zu verfahren.
Von Susan Cain (5 Practices for Cultivating More Loving Relationships), übersetzt und leicht verändert von Jeanne.
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