Bismillah.
In dieser tefekkur oder Überlegung ausgehend vom Qur’ân, erforschen wir die islamischen Lehren über Gerechtigkeit – was sie bedeutet, ihr Platz in unserer Religion und wie sie die ganzen Normenlehre (scharî’a) durchdringt, bis hin zu den schrecklichen Konsequenzen für Nationen und Gesellschaften in denen Gerechtigkeit ignoriert oder missachtet wird. Wie wir sehen werden ist der aktuelle Zustand der islamischen Welt sehr einem Mangel an Gerechtigkeit geschuldet. Hinsichtlich der diesseitigen Angelegenheiten ist die Hilfe Allahs mit den Gesellschaften in denen die Gerechtigkeit vorherrscht, auch wenn sie nicht mehrheitlich nicht-muslimisch sein mögen, mehr als mit den Gesellschaften in denen die Gerechtigkeit lax gehandhabt wird, auch wenn sie mehrheitlich muslimisch sein mögen. Die folgenden Überlegungen werden die Konzepte von Gerechtigkeit mit Gleichheit in Bezug setzen und die Sicht des ‚islamischen Feminismus‘ zum Thema haben.
Nun, eines der Âyât um die sich die Überlegungen drehen werden (5:8):
يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا كُونُوا قَوَّامِينَ لِلَّهِ شُهَدَاءَ بِالْقِسْطِ ۖ وَلَا يَجْرِمَنَّكُمْ شَنَآنُ قَوْمٍ عَلَىٰ أَلَّا تَعْدِلُوا ۚ اعْدِلُوا هُوَ أَقْرَبُ لِلتَّقْوَىٰ ۖ
وَاتَّقُوا اللَّهَ ۚ إِنَّ اللَّهَ خَبِيرٌ بِمَا تَعْمَلُونَ
>>O die ihr glaubt, seid Wahrer (der Sache) Allahs als Zeugen für die Gerechtigkeit. Und der Haß, den ihr gegen (bestimmte) Leute hegt, soll euch ja nicht dazu bringen, daß ihr nicht gerecht handelt. Handelt gerecht. Das kommt der Gottesfurcht näher. Und fürchtet Allah. Gewiß, Allah ist Kundig dessen, was ihr tut.<<
Die Überlegungen über auf Grundlage der obigen Âya über die Gerechtigkeit (al-´adl), Fairness (al-inṣâf) und Billigkeit (al-gisṭ) sind wie folgt:
1. Diese Âya kommt nach ein paar Âyât nachdem Allah die Muslime auffordert: Und der Hass, den ihr gegen Leute hegt, die euch von der geschützten Gebetsstätte abgehalten haben, soll euch ja nicht dazu bringen zu übertreten (5:2). Hier werden die Muslime aufgefordert, sich zurückzuhalten und nicht Rache zu üben gegen diejenigen die sie abgehalten haben die Ka’ba in Mekka zu besuchen; besonders nach dem Jahr das als „Jahr von Hudaybiyya“ bekannt ist. Das zweifellos ein hoher Standard der Zurückhaltung und der Toleranz zu der die Worte Gottes anhalten. Aber die Âya über die wir nachdenken, fordert sogar zu einem noch höheren Standard auf. Denn die erste Âya (5:2) fordert auf die Gefühle der Rache und der Vergeltung unter Kontrolle zu halten; die zweite (5:8) fordert aber darüberhinaus auf, gerecht gegen alles und jeden zu sein, auch wenn es Abneigung und Feindschaft geben sollte.
Anders gesagt: Die erste Âya will passive Selbstkontrolle. Die zweite Âya eine proaktives Wirken in Richtung Gerechtigkeit, sogar gegenüber denjenigen die mit den Gläubigen verfeindet und in Kriegszustand sind. Das ist das Gebot des Islam hinsichtlich Gerechtigkeit.
2. Der qur’ânische Nachdruck auf Gerechtigkeit findet sich in vielen Âyât wie zum Beispiel dem folgenden: Allah gebietet euch, die anvertrauten Güter ihren Eigentümern auszuhändigen und, wenn ihr zwischen den Menschen richtet, in Gerechtigkeit zu richten (4:58). In der nächsten Âya werden wir gewarnt, nicht vom Paradigma der Gerechtigkeit abzuweichen, auch wenn es um familiäre, finanzielle, soziale oder persönliche Vorteile geht: O ihr die ihr glaubt, seid Wahrer der Gerechtigkeit, Zeugen für Allah, auch wenn es gegen euch selbst oder die Eltern oder die nächsten Verwandten sein sollte! Und egal, ob es gegen Arm oder Reich geht (4:135).
Und: […] Wenn sie zurückkehrt in die Bahnen Allahs, dann stiftet Frieden zwischen ihnen nach Gerechtigkeit und handelt dabei gerecht. Allah liebt ja die Gerechten (49:9). Dies ist eine solche Tugend, dass diejenigen die für Gerechtigkeit aufstehen oder gerecht handeln, in den „Rang der von Allah Geliebten“, al-maqâm al-mahbûbiyyah, aufsteigen und im Jenseits „mit Allah sein werden, auf Thronen von Licht auf der rechten Seite des All-Barmherzigen.“[note]Sunan an-Nasa’i 5379, online hier.[/note]
3. Bevor wir weiter voranschreiten, lasst uns einen Moment pausieren um zu überlegen, was der Begriff ‚Gerechtigkeit‘ ausdrückt. Der arabische Ausdruck für Gerechtigkeit,´adl, sagt im Grunde das Gleiche aus wie im Deutschen. ´Adl kann bedeuten: Gerechtigkeit, Fairness, Rechtschaffenheit, Ausgeglichenheit, Billigkeit oder Balance[note]Cf. Lane, Arabic-English Lexicon (Cambridge: Islamic Texts Society, 2003), 2:1972-75.[/note]. Eine andere Methode ein Wort zu verstehen, ist ihn mit seinem Gegenteil zu vergleichen: Ungerechtigkeit. Die Araber sagen: bî diddihâ tatabayyan al-aschyâ – ‚Durch das Gegenteil werden die Sachen klar‘. Das Arabische Wort für Ungerechtigkeit ist zulm, was die Linguisten der arabischen Sprache als „Eine Sache an eine andere als ihre richtige Stelle zu tun“ (wad‘ asch-schay fi ghayri mawd’ihî) definieren. Das bedeutet, dass Gerechtigkeit jeder Sache ihr Recht geben beinhaltet – zur richtigen Zeit, zum richtigen Ort und im richtigen Maß.
Soweit zu den Vorfragen, lasst uns ein bisschen mehr ins Detail gehen.
4. Indem die Âya die Leute des Glaubens anspricht, sagt Allah: O ihr die ihr glaubt, seid Wahrer der Sache Allahs als Zeugen für Gerechtigkeit (5:8). Das ist fast identisch zu der anderen Âya: O ihr die ihr glaubt, seid Wahrer der Gerechtigkeit, Zeugen für Allah (4:135). Der einzige Unterschied besteht in der unterschiedlichen Anordnung der Wörter. In 4:135, kommt qisṭ (Billigkeit, Fairness) zu Beginn der Âya, in 5:8 zum Schluss.
Dieser feiner Unterscheid wird von den Gelehrten wie folgt erklärt:
Es gibt zwei Gründe warum jemand vom Paradigma der Gerechtigkeit und der Fairness abweicht und in Ungerechtigkeit und Unterdrückung fällt.
Der erste Grund ist eine Voreingenommenheit zugunsten der eigenen Person, der Familie und zugunsten der Freunde. Der andere ist die Abneigung gegenüber jemandem. 4:135 behandelt das Erstere, 5:8 das Letztere. Deshalb sagt 4:135, nach dem Befehl gerecht zu sein, dies aufrecht zu erhalten auch wenn es gegen euch selbst oder die Eltern oder die nächsten Verwandten sein sollte! Und egal, ob es gegen Arm oder Reich geht.
Dahingegen drängt 5:8 darauf, dass der Hass, den ihr gegen Leute hegt soll euch ja nicht dazu bringen zu übertreten; seid gerecht.
Die Essenz von 4:135 ist, dass es nicht erlaubt ist zugunsten sich selbst, der eigenen Familie, der Verwandten oder Freunde zu handeln, wenn dies bedeutet ungerecht zu sein. Anders gesagt: Wenn sie gegen die Gerechtigkeit opponieren, müssen wir auf Seite der Gerechtigkeit stehen und uns ihnen widersetzen. Die Essenz von 5:8 ist, dass wir niemals unsere Abneigung gegenüber einer Gruppe von Menschen zu einem Grund machen dürfen, ihnen gegenüber ungerecht zu handeln oder ihre Rechte zu verletzen. In 4:135 kommt Wahrer der Gerechtigkeit zuerst, damit niemand auf die Idee kommt, dass unsere persönlichen Interessen, unsere Familie oder Verwandten gegenüber der Gerechtigkeit zu bevorzugen, die Familienbande aufrechtzuerhalten bedeutet und somit Allah gehorsam zu sein: Das wäre falsch! Dem gegenüber beginnt 5:8 mit ´Seid Wahrer der Sache Allahs´, sodass eure Gefühle die euch zu Rache und Vergeltung drängen, kanalisiert und reguliert werden von Allahs Befehl, sodass keine Ungerechtigkeit geschieht; nicht einmal gegenüber dem Feind.
5. Einige der Auswirkungen des obigen qur’ânischen Aufrufs zur Gerechtigkeit kann in folgenden Überlieferungen gesehen werden:
al-Baschîr gab einmal eines seiner Kindern Nu’mân ein Geschenk. Seine Frau sagte, er solle den Propheten (sas) als Zeugen nehmen. So ging er zum Propheten (sas) und fragte ihn, ob er Zeuge dafür sein könne. Der Prophet fragte ihn: „Hast du all deinen Kindern ein Geschenk gegeben?“ Er verneinte dies. So sagte der Prophet zu ihm: „Fürchte Allah und sei gerecht zwischen deinen Kindern“. Er (sas) sagte dann: „Ich kann kein Zeuge für Ungerechtigkeit sein.“[note]Die Überlieferung ist vorhanden ist unterschiedlichen Fassungen, vgl. jenes in Sunan an-Nasa’i 3682, online hier.[/note]
Dass also die Eltern ein Kind den Anderen bevorzugt wird als Ungerechtigkeit gesehen und ist verabscheut im Islam, aufgrund der möglichen psychologischen Schäden, Missgunst und dem bösen Blut, das sie erzeugt.
Der Prophet (sas), sagt über Allah, dass der Erhabene sagt: „O meine Diener, ich habe mir Ungerechtigkeit versagt und habe sie zwischen euch verboten, so seid nicht ungerecht zueinander.“[note]Unter anderem gesammelt bei Muslim, Tirmidhî und ibnu Madschah; zum Vergleich hier.[/note]
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