6. Gerechtigkeit muss blind sein. Das bedeutet, dass es keine Bevorzugung, Nationalismus oder Parteilichkeit geben darf, außer der Parteilichkeit zugunsten der Wahrheit. Man muss auf der Seite der Gerechtigkeit sein, so wie wir dies bereits dargelegt haben. Wenn der Qur’ân sogar die Ungerechtigkeit gegenüber Nichtmuslimen verbietet, so ist dies erst recht der Fall gegenüber Muslimen, die offene Sünder oder Erneuerer sein mögen.
Ibn Taymiyyah hat geschrieben: „Die führenden Gelehrten der Orthodoxie (as-sunnah wa al-dschamâ’ah) und die Leute des Wissens und des Glaubens haben Wissen, Gerechtigkeit und Mitgefühl. Sie kennen um die Wahrheit die mit der prophetischen Führung übereinstimmt und frei von Neuerungen ist. Sie verfahren gerecht mit denen die davon [der Orthodoxie] abweichen, sogar wenn ihnen Unrecht widerfahren ist. So wie Allah, gepriesen sei Er, sagt: O die ihr glaubt, seid Wahrer (der Sache) Allahs als Zeugen für die Gerechtigkeit. Und der Haß, den ihr gegen (bestimmte) Leute hegt, soll euch ja nicht dazu bringen, daß ihr nicht gerecht handelt. Handelt gerecht. Das kommt der Gottesfurcht näher. Und fürchtet Allah. Gewiß, Allah ist Kundig dessen, was ihr tut.
Sie zeigen Barmherzigkeit gegenüber anderen, indem sie nur Güte, Leitung und Wissen für sie wünschen. Sie wollen nicht von vornherein Schaden für sie. Aber wenn sie sie zur Rechenschaft ziehen, dann nur um ihre Fehler, Unwissenheit oder ihre schlechten Taten klarzustellen. Ihre Absicht ist es die Wahrheit zu verdeutlichen, Barmherzigkeit gegenüber anderen zu zeigen, das Gute zu gebieten, das Schlechte zu verwehren, sodass die Religion in Reinheit für Allah und das Wort Gottes das Höchste ist.“[note]Al-Istighathah fi’l-Radd ‘ala’l-Bakri (Riyadh: Maktabah Dar al-Minhaj, 2005), 251.[/note]
So muss unsere Einladung zu Islam (da’wah) korrigierend sein – in anderen Worten: sie muss Klarstellung beinhalten und sie muss offengelegte Wahrheiten von Zweifel, von Verzerrungen und Interpretationen ohne Grundlage verteidigen. Dies muss mit aufrichtigen Absichten untenommen werden und mit der Absicht, die Wohlfahrt der Menschen zu erreichen. Alles andere würde nur Unwissenheit, Ungerechtigkeit und das Folgen von falschen Wünschen beinhalten.
7. In der Darlegung des Kerns und der ihr innewohnenden Natur, erklärt Ibn al-Gayyim, dass das wesentliche Merkmale des göttlichen Normkodexes (scharî’ah) die Gerechtigkeit ist.
Er erklärt: „Ohne Zweifel hat der Erhabene den Zweck der Normen offengelegt: Gerechtigkeit zwischen Seinen Dienern zu schaffen und Fairness zwischen den Menschen. Jeder Weg der Gerechtigkeit und Fairness zu Tage fördert ist Teil der Religion und kann ihm niemals entgegengesetzt sein.“[note]Al-Turuq al-Hukmiyyah (Makkah: Dar ‘Alam al-Fawa’id, 2007), 31.[/note]
An anderer Stelle schreibt er: „Der göttliche Normkodex basiert auf Weisheit und der Förderung der Wohlfahrt, in dieser Welt und der nächsten. Er ist Gerechtigkeit in seiner Gesamtheit. Jede Sache, die von Gerechtigkeit zu Ungerechtigkeit, von Barmherzigkeit zu ihrem Gegenteil, von öffentlicher Wohlfahrt zur Korruption oder Weisheit zu Verrücktheit führt, kann nicht Teil des göttlichen Normkodexes sein, auch wenn es so behauptet wird aufgrund einer Auslegung.“[note]I‘lam al-Muwaqqi‘in (Riyadh: Dar Ibn al-Jawzi, 2002), 4:337.[/note]
8. Wenn wir von Gerechtigkeit sprechen, so fallen gut-gemeinte Aussagen von Muslimen, die unbewusst einer säkularisierten Annahme unterliegen. Der Diskurs nimmt oft falsche Bahnen an, da man nicht in der Lage ist die qur’ânische Essenz zu begreifen – jeder Sache ihren richtigen Platz einzuräumen; jeder Sache ihr Recht zu geben. Dies setzt aber Wissen über den Wert und den Maßstab der Dinge, den der Islam ihnen zuschreibt, damit man den Dingen ihr Recht geben kann.
Deswegen sagt Ibn al-Gayyim, dass „Wissen und Gerechtigkeit die Wurzel jeder Güte und Ungerechtigkeit und Unwissenheit die Wurzel jedes Übel“[note]Madarij al-Salikin (Riyadh: Dar Taybah, 2008), 4:556.[/note] sind. Indem man eher von einem Verständnis ausgeht, dass sich „gut verkaufen lässt“ als vielmehr von einem richtigen, text-basierten Verständnis, läuft man Gefahr Gerechtigkeit (´adl) mit Gleichheit (musâwa) zu verwechseln. Damit erfasst aber nicht die Botschaft des Islam. Es gibt sicherlich Bereiche wo sich beide Konzepte überschneiden. Aber dem qur’ânischen Verstädnis liegt Gerechtigkeit, nicht Gleichheit, zu Grunde. Den Islam als ‚egalitär‘ zu bezeichnen oder zu behaupten, der Islam befürworte ‚Gleichheit‘ ist nicht nur in großem Maße reduktionistisch, sondern auch nicht sehr ausssagekräftig. Während für manche einige Âyât eine egalitäre Tendenz haben[note]Vergleichweise z.B. 4:1 über den Ursprung der Menschheit von einem Wesen; 3:195, 16:97, 33:35 über die spirituelle und moralische Gleichheit der Geschlechte; 4:32 darüber, dass Männer nicht das Anrecht auf das Erworbene der Frauen haben; und 17:70 über die intrinsische Würde des Menschen, ungeachtet des Glauben oder der Hauptfarbe[/note], bestehen andere Âyât auf die Verschiedenartigkeit, der Unterscheidung und der gottgewollten Disparität.
Wenn die göttliche Rede über die Glaubensverweigerer spricht, fragt sie rhetorisch: „Ist denn jemand, der gläubig ist, wie jemand, der seine Grenzen überschreitet? Sie sind nicht gleich.“ (32:18) Und: „Nicht gleich sind die Insassend des Höllenfeuers und des Paradiesgartens. Die Insassen des Paradiesgartens sind die Erfolgreichen.“ (59:20)
Indem sie Qualität und nicht etwa Quantität betont, sagt die Rede Gottes: „Sag: Nicht gleich sind das Schlechte und das Gute, auch wenn die Menge des Schlechten dir gefallen sollte […]“ (5:100) Und: „[…] Sag: Sind etwa diejenigen, die wissen, und diejenigen, die nicht wissen, gleich? […]“ (39:9).
Dann gibt es Âyât über die Rollen der Geschlechter, ihre Funktionen und ihre Natur. Zum Beispiel: „Die Männer stehen in Verantwortung für die Frauen wegen dessen, womit Allah die einen von ihnen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Besitz ausgeben. Darum sind die rechtschaffenden Frauen Allah demütig ergeben und hüten in der Abwesenheit [ihrer Männer], weil Allah es hütet […]“ (4:34). Abschließend sind die Männer verpflichtet die Ausgaben für die Familie und den Haushalt zu bestreiten, während Frauen diese finanzielle Belastung nicht haben, deswegen auch die Âyâ: „Allah befiehlt euch hinsichtlich eurer Kinder: Einem männlichen Geschlechts kommt ebensoviel zu wie der Anteil von zwei weiblichen Geschlechts […]“ (4:11).
Dies um klarzumachen, dass der Qur’ân von Gerechtigkeit und Fairness handelt und nicht vom mitunter nebulösen sozialen Konstrukt der Gleichheit.
9. Von allen modernen Stimmen die nach Gleichheit rufen, sind nur wenige so schrill wie die des Feminismus. Trotz der Verschiedenheit der Ansicht und Heransgehensweisen innerhalb der zeitgenössischen feministischen Bewegungen, vereinigen sie sich um gewisse Kernannahmen und Behauptungen herum. Alle Formen des Feminismus stimmen darin überein, dass Frauen von der noch heute vorherrschenden Tyrannei der organisierten Patriarchie befreit werden müssen. Dies führt dazu, dass Frauen und Männer in zwei verschiedenen Wirklichkeiten leben. Sie sehen die Patriarchie als gänzlich ungerecht und unhaltbar, mehr als ein soziales Konstrukt als ein unvermeidliches Faktum der Natur. Feministen alle Couleur haben sich folglich darauf verpflichtet, die Patriarchie zu enttarnen um eine gleiche Geschlechtergesellschaft aufzubauen. Jenseits dieser gemeinsamen Grundlagen, gibt es einzelne feministische Stimmen die Thesen darüber aufstellen, wie die Patriarchie entstanden ist und wie sie in Angriff genommen und zu Fall gebracht werden muss.
Säkulare Feministen lehnen Gott, Offenbarung und Religion im feministischen Narrativ ab. Sie sehen Religion und religiöse Schriften als eines der Hauptquellen für chauvinistische Ideen – unheilvolle Relikte einer unterdrückererischen Vergangenheit die keine Relevanz mehr haben in der Diskussion über Geschlechtergleichheit in der modernen Gesellschaft. Diejenigen die, in der jüngeren Zeit, unter der Rubrik islamische Feministen firmieren, sind Leute die an den Wahrheitsanspruch des Islams glauben. Sie glauben, dass mit dem richtigen Verständnis des Qur’âns, dieser die feministischen Ansprüche über Geschlechtergleichheit und die Abschaffung der Partriarchie unterstützt. Sie sind überzeugt, dass die Gelehrten, beginnend von der Zeit der Gefährten des Propheten (sas), vom richtigen Verständnis des Qur’âns abgewichen sind hinsichtlich des Willens Gottes für die Frauen. Diese Strategie nutzen Feministen um ihre Ansprüche um die Reinterpretation des Qur’âns zu unterfüttern, damit er ihre wohl anmaßenden Erkenntnisse über die Funktionen der Geschlechter und Gleichheit trägt.
Schreibe einen Kommentar