10. Dass Gewalt, Missbrauch und Engstirnigkeit gegenüber Frauen Teil der globalen Realität, einschließlich der muslimischen, darstellt, ist genauso beschämend wie auch katastrophal. Feministen jeder Richtung waren deswegen erfolgreich darin, die Geschlechterungleichheit (sowohl reele als auch wahrgenommene) zu benennen und die Räder der sozialen Veränderung zu ölen. Islamische Feministen sind ihrerseits ausgezogen um die von ihnen empfundene, ursprünglich egalitäre Botschaft des Islams wieder zu entdecken, eine frei von Patriarchie und Hierarchie. Ihre mutigen Vorstöße müssen sicherlich begrüßt werden, wenn es darum geht die unabdingbaren Rechte der Frauen innerhalb des islamischen Rahmens durchzusetzen, die zwar existieren sind, aber verdeckt wurden durch die Unwissenheit der Leute, die Egos der Männer und durch kulturelle Normen. Ihnen muss gedankt werden, wenn sie btonen, dass die Ehe im Islam ein Vertrag zwischen zwei zustimmenden Parteien sind, das nicht erzwungen werden kann und dass beide Parteien das Recht haben gewisse Bedingungen aufzunehmen (sei es über die Mehrehe, das Sorgerecht der Kinder im Falle der Scheidung, dem Wohnsitz des Ehepaares oder andere erlaubte Bestimmungen um ihr Wohl sicherzustellen)[note]vgl. Ibn Qudamah, al-Mughni (Saudi Arabia: Dar ‘Alam al-Kutub, 1997), 9:483-89.[/note]. Vom Propheten (sas) wurde überliefert, dass er sagte: „Die Bedingungen die es am meisten verdienen von euch erfüllt zu werden, sind diejenigen nach denen die zu verdeckenden Stellen für euch erlaubt werden.“[note]Sunan Ibn Mâdschah, Hadîth No. 2030. Online hier.[/note]
Natürlich muss auch klargestellt werden, wie von islamischen Feministen sehr richtigerweise hervorgehoben wird, dass eine Frau einer Beziehung des Missbrauchs entfliehen und ihr Hilfe geboten werden muss – auch wenn tief verwurzelte kulturelle Normen dagegen sprechen. Wenn die Absichten derjenigen, die diese wichtige Themen auf die Agenda bringen, tatsächlich die ist, Allahs Wohlgefallen zu erlangen, dann gibt es keinen Zweifel daran, dass die Arbeit der islamischen Feministen als eine überaus ehrenwerter Dienst und eine Anstrengung auf dem Wege Allahs ist und dass sich in dieser Hinsicht die Muslime ihrem Kampf anschließen müssen.
11. Nach dem Gesagten bleiben trotzdem Fragen offen: Wie islamisch ist islamischer Feminismus? Und wie valide sind feministische Interpretationen des Qur’âns? Und unterstützt der Qur’ân tatsächlich die feministische Kernforderungen: die Patriarchie abzuschaffen und die Hierarchie zu stürzen um eine egalitätre soziale Ordnung zu schaffen, sodass Frauen auf die gleiche Stellung wie Männer kommen – sowohl sozial, politisch wie auch wirtschaftlich?
Hier möchte ich auf einige Unstimmigkeiten zwischen der Loyalität zu feministischen Prinzipien und gewissen Passagen in der Rede Gottes hinweisen[note]Scheich Abdullah bin Hamid Ali gibt in seinem Artikel Feminism & Recalibrating Faith to an Islamic Epistemic einen Überblick über die islamisch-feministischen Methoden der Neuinterpretation. Ich habe ein paar Ideen von diesem Artikel genommen und der Diskussion die sich an ihn anschließt. Eine reichere und metaphysischere Erkundung der Thematik ist zu finden bei Abdul Hakim Murad Islam, Irigaray, and the retrieval of gender[/note]. Zum Beispiel ist die Frage aufzuwerfen, wie man denn behaupten kann, dass jede Form von Patriarchie falsch sei, wenn denn Qur’ân ziemlich unmissverständlich ist, wenn er im Kontext von Ehe und Familienleben sagt, dass: Die Männer stehen in Verantwortung für die Frauen (4:34) und dass: Männer ihnen gegenüber einen gewissen Vorzug (2:228) haben? Natürlich sagen die Âyât nicht, dass jeder Mann intellektuell, moralisch und spirituell höher steht als jede Frau. Aber sie billigen Patriarchie, zumindest im ehelichen und familiären Kontext. Unser Prophet (sas) sagt, dass: „Gewiß, jeder von euch ist ein Schafshirte und jeder von euch ist verantwortlich für seine Herde. Der Mann ist Hirte seiner Familie und ist für sie verantwortlich. Der Herrscher ist Hirte seiner Untertanen und ist für sie verantwortlich. Die Frau ist Hirtin des Haushalts ihres Mannes und der Kinder und ist für sie verantwortlich. […]“[note]In vielen Hadîthkollektionen gesammelt, z.B. in Sunan Abî Dâwûd 2928, online hier.[/note]
Sicherlich spricht diese Überlieferung nicht bloß über Patriarchie, sondern auch eine Form dr Hierarchie? Das Thema der Hierarchie macht mehr als einen Gastauftritt im Qur’ân: O ihr die ihr glaubt! Gehorcht Allah und Seinem Gesandten und denjenigen, die Befehlsgewalt unter euch besitzen (ulul amri minkum). (4:59) Wir sehen die Hierarchie nochmals in der Âya die uns sagt, wer und wer nicht das Recht hat über Themen der öffentlichen Wohlfahrt zu sprechen: Und wenn ihnen eine Angelegenheit zu (Ohren) kommt, die Sicherheit oder Furcht betrifft, machen sie es bekannt. Wenn sie es jedoch vor den Gesandten und den Befehlshabern unter ihnen brächten, würden es wahrlich diejenigen unter ihnen wissen, die es herausfinden können. Und wenn nicht Allahs Huld und Erbarmen gewesen wären, wäret ihr fürwahr außer wenigen dem Satan gefolgt. (4:83) Irgendwann – sei es in der bestehenden Hierarchie des Staatsoberhaupts über seine Bürger; oder dem Gehorsam der Ehefrau gegenüber ihrem Ehemann und ihrer Anerkennung einer bestimmten Form der Patriarchie; oder dem nicht-egalitären, ungleichen Recht der Eltern gütiges und pflichtbewusstes Verhalten gegenüber den Kindern einzufordern – werden Feministen auf ein epistemisches Hindernis stoßen. Erkennen sie die klaren Anordnungen des Qur’âns an oder bleiben sie bei ihren feministischen Prinzipien und setzen sich so in Widerspruch zu ihm? Fügen sie sich zu einem bestimmten Grad der Patriarchie und Hierarchie oder setzen sie ihren feministischen Kampf fort um diese zwei „Übel“ der Offenbarung abzuschaffen?
Professor Jonathan A.C. Brown bemerkt dazu: „Die Annahme, dass die Heilige Schrift die Wahrheit enthält, aber nur richtig verstanden werden kann, indem man ‚Nein‘ zur Heiligen Schrift sagt, da sie etwas inakzeptables oder unmögliches fordert, ist ein Schlag, das das Behältnis der Ehrerbietung gegenüber der Schrift zerstört. Das bedeutet nämlich, dass man eine Quelle der Wahrheit außerhalb der Offenbarung als stärker und überzeugender anerkennt als die Worte Gottes in der Schrift.“[note]Brown, Misquoting Muhammad (London: Oneworld Publications, 2014), 288.[/note]
Wie ‚islamisch‘ ist also islamischer Feminismus? Jeder Glauben, jede Philosophie, Ideologie und Wertesystem – einschließlich dem islamischen Feminismus[note]Man kann hier auch die sogenannte Anti-Rassismus/PoC-Ideologie hinzufügen (Anm. d. Ü.)[/note] – dem das Recht zugesprochen wird die abschließende Autorität über Gut und Böse zu sein und so die Offenbarung auf die zweite Stufe degradiert, verwirkt den Anspruch ‚islamisch‘ zu sein. Denn die Loyalität zu feministischen Kernforderungen und die Loyalität zu den offenbarten Wahrheiten widerprechen einander. Die Loyalität zu einem hat die Lossagung vom anderen zur Folge. Soviel ist klar.
12. „Gewiß hat die religiöse Tradition noch ihren Nutzen, sogar für diejenigen, die glauben, dass die Wahrheit von weltlichen (säkularen) Quellen kommen. Sie kann genutzt und zitiert werden um eine Zuhörerschaft zu bewegen und Ideen zu propagieren, die von woanders stammen. Aber früher oder später, wird sie mit weltlichen Wahrheiten aneinandergeraten und zu einer Last werden. In solch einem Fall kann die die religiöse Tradition neu gelesen werden und es können selektiv Stellen ausgewählt werden, um diese mit anerkannten Quellen der Wahrheit zu versöhnen.“[note]ebd., 289.[/note]
Islamischer Feminismus (und wir müssen das Adjektiv ‚islamisch‘ mit großen Vorbehalten nutzen), wie auch andere Spielarten des Feminismus, ist mehr beinflusst von säkularen Philosophien und modernen Epistemologien als dass er seinen Ursprung in der islamischen Offenbarung hat. Die Idee, dass man einfach den Qur’ân neu lesen muss und die Texte so biegen, dass sie mit gewissen säkularen Dogmata unserer Zeit übereinstimmen, ist näher zur Behauptung Nietzsches, dass es keine Wahrheiten (Fakten) gäbe, sondern nur Interpretationen, als dass der Qur’ân der Beginn wäre.
Der feministische Diskurs über die Dynamiken der Herrschaft in Bezug auf das Geschlecht ist der Idee Foucaults eines Macht-Nexus näher, der soziale Macht über den Körper und Verstand der Frauen aufbaut und aufrecht erhält, als der quranischen Sichtweise, dass beide Geschlechter ihre egoistischen Interessen hinter sich lassen und sich den göttlichen Anforderungen aufrichtig unterwerfen sollen; indem sie die Tugenden, Rechte, relativen Vorzüge und instrinsischen Veranlagungen des einen oder anderen Geschlechts wertschätzen und respektieren.
Nachdem Scruton die pro-feministischen Behauptungen und Argumente erklärt, schließt er seinen Eintrag über ‚Feminismus‘ mit diesen Worten ab: „Anti-feministische Argumente gründen normalerweise auf dem Gedanken, dass es kein Zufall ist, dass die Beziehungen zwischen Männern und Frauen so ist, wie sie ist, und dass es eine ’natürliche‘ Ordnungen gibt in dem beide Geschlechter von wechselseitiger Abhängigkeit erfüllt werden. Sie mögen hinzufügen, dass die Erscheinung der männlichen Dominanz nur eine Erscheinung ist und dass es Teil der kleinbürgerlichen Natur des Feminismus ist, dass sie so leicht Erscheinung mit Wesen verwechseln.“[note]R. Scruton, Dictionary of Political Thought (Hampshire: Palgrave Macmillan, 2007), 248.[/note]
Das ist säkulare Blasphemie, über die man nachdenken sollte!
13. Der Qur’ân sagt: Richte dein Antlitz aus zu der Religion der Rechtgläubigkeit (dîn al-hanîfa), zu der veranlagten der Natur (al-fitrah) nach dem Gott den Menschen geschaffen hat (30:30). Die islamische Betonung auf die natürliche Veranlagung (fitrah), diese innewohnende, Natur, die den Menschen prägt und unsere authentische Zugehörigkeit zur natürlichen Ordnung schafft, liegt der islamischen Geschlechterethik hauptsächlich zugrunde. Manchmal ist der Diskurs über Geschlechtergleichheit zu vereinfachend. Der Offenbarung liegt nicht Gleichheit sondern wechselseitige Ergänzung zugrunde.
14. Grausaume und ungerechte Behandlung von Frauen ist weiter ein globales Problem, auch ein Problem von muslimischen Gesellschaften und Gemeinschaften. Obwohl der Qur’ân zu etwas anderem aufruft, können manche Männer diese Aufforderungen einfach ignorieren. Wenn wir den Männern Gutes wünschen im göttlichen Gericht, so täte es uns gut, uns von der Haltung des männlichen Chauvinismus zu befreien und die Tugend der Ritterlichkeit (futuwwah) zu lernen.
Wenn wir als Muslime die Gunst Gottes hinsichtlich unserer Gesellschaften und Staaten wünschen, so müssen wir uns vom schändlichen Zustand befreien, der gegenwärtig ‚die islamische Welt‘ darstellt und wir müssen die soziale Gerechtigkeit unser Hauptanliegen machen. Es geht nicht nur um die gerechtere Behandlung von Frauen. Es geht auch um die gerechtere Behandlung von anderen verletzlichen Mitgliedern unseren Gesellschaft.
Übersetzt, ergänzt und gekürzt von Jeanne. Basierend auf dem Artikel von Surkheel Sharif (Abu Aaliyah): Quranic Meditations: On Justice, Equality & Feminism.
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