Intro

Bismillah.

Eines der wichtigsten Begriffe in der Rede Gottes ist das der Weisheit (al-hikmatu). Genauso wie allen Propheten das Buch und die Weisheit gegeben wurde, wird die Weisheit genauso wie die Âyât im Qur’ân herabgesandt, eingegeben und verlesen. Überdies wird demjenigen der das Nötige unternimmt die Weisheit gegeben und diese Person unterscheidet sich dann in dieser Hinsicht von anderen Personen. Diesen Begriff der Weisheit klar darzulegen ist folglich unabdinglich um den Qur’ân zu verstehen.

A. Die sprachliche und fachspezifische Bedeutung der Weisheit (al-hikmatu)

Das Wort „hikmatun“ (حِكْمَةٌ) ist ein Wort mit der Bedeutung von „entscheiden, abhalten“ und ist die Grundform (sog. مصدر النوع) der Wortes, das von der Wurzel hâ-ka-ma (ح-ك-م) kommt.
In dieser Form stellt die Weisheit eine Art der Urteilsgebung dar. Es wird auch als Namenwort benützt; die Plural davon ist „hikam“ (حِكَم). Der richtigen Entscheidungsfindung wird der Name „hikma“ gegeben. Ergo ist jede hikma eine Urteilsfindung (hukum), aber nicht jede Urteilsfindung ist hikma.

Im Qur’ân wird das Wort „hukum“ (Urteil) in der Bedeutung der „hikma“ (Weisheit) benützt.
In einer Âya (3:79) heißt es wie folgt:

مَا كَانَ لِبَشَرٍ أَنْ يُؤْتِيَهُ اللَّهُ الْكِتَابَ وَالْحُكْمَ وَالنُّبُوَّةَ ثُمَّ يَقُولَ لِلنَّاسِ كُونُوا عِبَادًا لِي مِنْ دُونِ اللَّهِ […]

>>Es steht einem menschlichen Wesen nicht zu, daß ihm Allah die Schrift, das Urteil (al-hukma) und das Prophetentum gibt, und er hierauf zu den Menschen sagt: „Seid Diener von mir anstatt Allahs!“ […]<<

In der Âya wird davon gesprochen, dass das Urteil (al-hukma) und die Prophetenschaft (an-nubuwwata) gegeben wird. Diejenigen von denen gesprochen wird sind hier die Propheten. In diesem Zusammenhang muss „das Urteil“ als „die Weisheit“ (al-hikmatu) gelesen werden- Denn die Urteile die die Propheten geben sind richtig, also „die Weisheit“.

Außerdem haben das Urteil und die Weisheit auch die Bedeutung „die Fähigkeit ein richtiges Urteil zu finden“. Dies wird in diesen folgenden Âyât (12:22 und 31:12) klar.

وَلَمَّا بَلَغَ أَشُدَّهُ آتَيْنَاهُ حُكْمًا وَعِلْمًا ۚ وَكَذَٰلِكَ نَجْزِي الْمُحْسِنِينَ

>>Als er seine Vollreife erlangt hatte, gaben Wir ihm Urteil (hukman) und Wissen. So vergelten Wir den Gutes Tuenden.<<

وَلَقَدْ آتَيْنَا لُقْمَانَ الْحِكْمَةَ أَنِ اشْكُرْ لِلَّهِ ۚ وَمَنْ يَشْكُرْ فَإِنَّمَا يَشْكُرُ لِنَفْسِهِ ۖ وَمَنْ كَفَرَ فَإِنَّ اللَّهَ غَنِيٌّ حَمِيدٌ

>>Und Wir gaben ja Luqman Weisheit (al-hikmata): „Sei Allah dankbar.“ Und wer dankbar ist, der ist nur zu seinem eigenen Vorteil dankbar. Und wer undankbar ist, – so ist Allah Unbedürftig und Lobenswürdig.<<

In beiden Âyât wird zwar nicht „vom Buch“, also der Offenbarung, gesprochen, sondern einmal von dem Urteil und der Weisheit. Beide Begriffe wurden in der Bedeutung „die Fähigkeit richtige Urteile zu finden“ benutzt. Diese Fähigkeit versetzt einen in der Lage über die Zeichen des Buches oder der Natur (آيــات الكون أو الكتاب) nachzudenken und richtige Ergebnisse zu finden. Diese Fähigkeit zu erlangen ist gebunden an die Anstrengung die ein Mensch dafür unternimmt. Wenn eine Person sich anstrengt, dann entwickelt sich diese Fähigkeit. Als Lohn für die Anstrengung wird Allah diese Fähigkeit verleihen und die Person wird eine große Güte in seinem Leben finden, die ihn zum Dank verpflichtet.

Es wird vom Propheten überliefert, dass er folgendes sagte:
„Kein Neid außer in zweien: eine Person dem Allah mit Vermögen ausgestattet hat und der dann auf dem richtigen Weg dieses ausgibt. Und eine Person dem Allah die Weisheit (al-hikmata) verliehen hat und der dann nach diesem richtet und lehrt.“[note]Sahîh al-Bucharî, Buch 3, Hadîth 15. Online hier.[/note]

Diejenigen die beispielsweise Schiffe, Autos und Flugzeuge bauen können, sind diejenigen die die Weisheit erlangt haben und einen Vorteil gegenüber anderen Menschen haben. Das Gleiche gilt für diejenigen die ein Heilmittel für eine bestimmte Krankheit gefunden haben. Auch diejenigen die Zeichen des Buches verstehen und daraus die Weisheit erlangen (d.h. richtige Schlüsse ziehen können) haben eine Güte erlangt. Denn dieses Wissen bringt ihnen sowohl im Dies- wie auch im Jenseits Nutzen.

Der Qur’ân besteht aus Bedeutungsmehrheiten[note]Dazu mehr in diesem Beitrag.[/note]. Im Qur’ân gibt es „Qur’âns“[note]Dieser Begriff kommt nicht nur von „Lesen“, sondern ursprünglich von „Zusammenbringen“; vgl. einschlägige etmyologische Arabischwörterbücher[/note], also Bedeutungsmehrheiten oder -haufen. Die Rede Gottes wurde als eine arabischsprachige Bedeutungsmehrheit offenbart[note]vgl. 17:106; 20:133-114; 75:16-19; 41:3[/note]. Auch das Wort „Buch“ (kitâb) im Arabischen hat diese Bedeutung[note]98:2-3[/note].
Ebenso wird das Wort „hukum“ in der Bedeutung von „Urteilsmehrheiten“ benutzt. Diese wurde arabischsprachig offenbart. Als Beispiel folgende Âya (13:37):

وَكَذَٰلِكَ أَنْزَلْنَاهُ حُكْمًا عَرَبِيًّا […]

>>So ist die Regel; Wir haben ihn als eine Mehrheit von Urteilen (hukman) auf arabisch hinabgesandt. […]<<

Da Allah der Erhabene das Buch offenbart hat, sind auch die Entscheidungen darin richtig. Denn Er ist der wahre Entscheidende (al-hakîm). Außerdem wird der Qur’ân „die wahre Entscheidung“ (al-hakîm) genannt, weil darin richtige Urteile dazu zu finden sind (3:58).

ذَٰلِكَ نَتْلُوهُ عَلَيْكَ مِنَ الْآيَاتِ وَالذِّكْرِ الْحَكِيمِ

>>So ist die Regel; Wir verlesen dir von den Zeichen und vom Qur’ân (al-dhikri), der wahren Entscheidung (al-hakîm).<<

In der oberen Âya wird gesprochen von der Verlesung der Erinnerung (al-dhikr), das die Zeichen (al-âyât) und die wahre Entscheidung enthält. Dies muss das Buch, also der Qur’ân und die Weisheit, also die richtige Entscheidung sein. Weil das Buch wahre Entscheidungen enthält, nennt man es al-hakîm. Diese Âya (10:1) in auch in dieser Hinsicht wichtig.

الر ۚ تِلْكَ آيَاتُ الْكِتَابِ الْحَكِيمِ

>>Alif-Lam-Ra. Dies sind die Zeichen des Buches, der wahren Entscheidung (al-hakîm).<<

Das von der Wurzel „Ihkâm“ (إحكام) stammende Wort „muhkamun“ (مُحْكَمٌ ) bedeutet übersetzt „Entscheidungen beinhaltend“. Der Begriff âyâtun muhkâmatûn (اٰيَاتٌ مُحْكَمَاتٌ ) in 3:7 hat die Bedeutung von „Zeichen mit wahren Entscheidungen“ oder „festgefügte Zeichen“. Die Âya 11:1, in der es heißt, dass Allah, der Festsetzende und Kundige, die Zeichen festgefügt hat, hat auch mit dieser Thematik zu tun. Der Qur’ân der wahre Entscheidungen beinhaltet, beinhaltet auch eine bestimmten methodischen Rahmen und er erfordert beizeiten eine langen Zeitraum der Arbeit um diese zu extrahieren. So ist es auch in der Natur. Diejenigen die die Gesetzmäßigkeiten Gottes erkennen und diesen entsprechend vorgehen, können auch die Weisheit erlangen und den Fortschritt der Menschheit gewährleisten.